Wie schreibt man (k)eine Pressemitteilung?

April 3, 2024
1 min read
Jubel hinter der Bühne bei den Salzburger Osterfestgspielen
Jubel bei den Salzburger Osterfestspielen (Foto: Salzburger Osterfestspiele, Mayer)

Superlative müssen her,  auch bei mäßigem Erfolg! Aber das ist nur eine Frage der Formulierung! Eine Glosse.

Wahnsinn! Großartig! Superdupermegaaffen…Siewissenschonwas… Besser hätten die Salzburger Osterfestspiele nicht laufen können! 100 Prozent Auslastung! Rekord-Plus! Noch Fragen? 

Äh? – Ja! 

Pressemitteilungen sind bekanntlich die berüchtigten Statistiken, die man selber erstellt hat. Abgesehen davon, dass vielleicht wirklich alles ganz super war und Anna Netrebko sich fast wie zu Hause gefühlt hat: Was genau verrät uns die Abschluss-Pressemitteilung des Festivals?

Es heißt: »Die beiden Konzerte von Chor und Orchester der Römischen Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter Festival-Dirigent Antonio Pappano, die Uraufführung der getanzten Johannes-Passion von Sasha Waltz sowie die drei Vorstellungen von La Gioconda in einer Neuinszenierung erreichten eine Auslastung von 100 Prozent.« Klingt gut, und ist unmissverständlich: Sechs Aufführungen waren rappedickevoll! 

Was aber war mit den beiden Konzerten von Jakub Hrůša? Mit dem »Seme«-Konzert? Mit Gerhahers Liederabend? Mit dem Liederabend von Lise Davidsen? Nix davon in der Pressemitteilung. Oder anders: Das war eine Text-Aufgabe für Selberrechner. Denn die Gesamtauslastung von 86 Prozent wurde in einem Nebensatz auch noch in die Mitteilung genuschelt. Und hier der Rechenweg: Sechs 100%-Konzerte und fünf weitere Konzerte, die ins Gesamt eine Auslastung von 86 Prozent haben … Hefte raus! Klassenarbeit!

Immerhin, in der Presseaussendung hieß es auch: »Die diesjährige Festival-Ausgabe verbesserte das sehr gute finanzielle Ergebnis der Vorjahre um mehr als EUR 250.000 und verzeichnet damit das beste Einnahmeergebnis seit mehr als 20 Jahren.« Okay, rechnen wir noch einmal nach: Letztes Jahr war das Leipziger Gewandhausorchester in Salzburg, es ist um einiges teurer als Santa Cecilia. Vorletztes Jahr spielte die noch teurere Staatskapelle aus Dresden und davor das wohl teuerste deutsche Orchester: die Berliner Philharmoniker. 

Gewinn  bedeutet ja nicht nur Einnahme, sondern Einnahme minus Ausgabe. Nächstes Jahr kommt übrigens das Finnische Radioorchester nach Salzburg, und ich könnte wetten, dass der Gewinn dann wieder steigen wird. Noch mehr Gewinn würde Nikolaus Bachler machen, wenn er danach das Brucknerorchester Linz oder die Blaskapelle Andorf einladen würde. Stattdessen kommen aber die Berliner Philharmoniker zurück an die Salzach. Ja, und dann kann man endlich auch wieder die Auslastungszahlen in den Vordergrund stellen – oder zur Abwechslung Mal die Qualität?    

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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