Wie ein Ort sich Musik organisiert

Oktober 25, 2024
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Die Stadt Waldkirchen in Niederbayern (Foto: Sturm)

Musikalische Bildung steht oft nicht auf der politischen Agenda. Eine Kleinstadt in Niederbayern ist nun selber aktiv geworden: Der Stadtrat organisiert Musikunterricht mit Hilfe einer Stiftung – und wird dafür gefeiert.

Waldkirchen in Niederbayern: eine Kleinstadt, umgeben von vielen dunklen bayrischen und böhmischen Wäldern, saftigen Wiesen und lieblichen Hügeln. Das gesellschaftliche Leben ist rege, wirtschaftlich steht man gut da, die Kirche kränkelt – wo tut sie das nicht? Die Stimmung ist gut, freundlich geht man miteinander um, und ja, behaglich ist die Atmosphäre. »Scho schee!« wie man hier zu sagen pflegt. Wer etwas KaDeWe-Feeling braucht, geht zum Garhammer, dem renommierten Modegeschäft mit Sternekoch unter dem Dach und wer vom besten Eis nördlich der Alpen schlecken möchte, landet beim Eisgourmet Tiziano mit Haube, den bekömmlichsten Whisky gibt es noch dazu beim Penninger, der Brennerei mit Besucherzentrum. Ansonsten Natur bis zum Abwinken. Einen Fussballverein. Und seit wenigen Wochen: eine Musikschule.

Musikalische Bildung für den Nachwuchs – das wollte der Bürgersinn, dafür warben der Bürgermeister und die Stadträte mehrheitlich. Und es wurde gehandelt. Inzwischen wurde das Institut von einer Stiftung gegründet, die es auch betreibt. Die Stadt unterstützt finanziell. Gelder aus der Landeshauptstadt München sind noch nicht dabei. »Hauptsache loslegen«, so lautet die Devise. Diskussionen mit Geigeneltern werden geführt, wie teuer die Unterrichte sein dürfen, wie lange Unterrichtsstunden zu dauern haben. Es wird gerungen und gerechnet, keine musikalischen Opfer solle es geben und Musik kein elitäres Privileg sein. Der Kulturrat persönlich leitet die Gespräche. Er ist Malermeister von Beruf, kommt von der Arbeit – unverkennbar seine Kluft. Die neue Schule, meint er, sei eine Herzenssache für den Stifter und ihn selbst. Im Dialog finden sich Lösungen und Kompromisse, die Resonanz innerhalb der Stadt ist groß. 

Kulturinitiativen zeigen: Es besteht Nachfrage

Ebenso groß wie das generelle Bedürfnis nach Kultur. Es wird hier als Mangel empfunden, dass die Angebote rar sind. Was Oberbayern in Massen anbietet, verliert sich in Niederbayern. Auch das Landestheater findet in der Region nicht statt. Und so nimmt man den Bedarf selbst in die Hand, startet die Initiative und denkt sogar über ein Musikfestival für die gesamte Region nach. Um Inhalte und Finanzen soll schon bald gerungen werden. Ein vorbildlich bürgerliches Leben, ein bisschen Singschule: »Der Sänger sitzt, fanget an!«

Es gibt viele Kulturinitiativen wie diese, die unter dem Radar des grossen Feuilleton, ihren Weg suchen, finden oder schon gefunden haben. Sei es am Goldenen Steig in Waldkirchen, in Wertingen oder, wenn auch schon etabliert und finanziell gut abgepolstert, in Immling. Der Wunsch entsteht aus der Erkenntnis der inneren Notwendigkeit von Kunst und Kultur als Bestandteil des Lebens. An diesen Orten lebt nicht der postpandemische Wahn, der gegen die Stille antrommelt, weil eine Kulturapokalypse zu drohen scheint, nein, hier leben die Meister, die sich später auf der Festwiese vereint mit den übrigen Bürgern tummeln. 

Das finale Preislied klingt gesund und frei, aber Applaus allein reicht nicht zum Überleben, es braucht den geschätzten Wert als täglich Brot, die Politik, die UNS zu schätzen weiss und mit einer Kulturagenda in den Wahlkampf zieht, um mit ihr für ALLE zu gewinnen.

Homepage von Michael Sturm.

Michael Sturm

Der Opernregisseur Michael Sturm stammt aus Norddeutschland. Er arbeitete an Bühnen wie den Staatstheatern Kassel und Saarbrücken, an der Hamburgischen Staatsoper, an den Theatern in Freiburg und Bremen, international u.a. in Linz, Wexford und Poznan. Dort brachte er als polnische Erstaufführung Wagners »Meistersinger« auf die Bühne. Anlässlich seiner Inszenierung »Fidelio« und im Kontext des gerade begonnenen russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine initiierte und organisierte er in Danzig die deutsch-polnische Veranstaltung »Zwischen Apokalypse und Freiheit« u.a. mit Tomasz Konieczny, zwei Abgeordneten des Deutschen Bundestages sowie Mitgliedern der Musikakademie in Danzig. Zuvor brachte er durch eine Spendensammlung die Ausstellung »Erinnerung bewahren - über polnische Zwangsarbeiter in Deutschland während des 2.Weltkrieges« an das Pfalztheater nach Kaiserslautern . In Havanna, wo er unter dem Titel »Aurora« u.a. Teile von Bachs Weihnachtsoratorium mit kubanischer Musik kombiniert in Szene setzte, deutet sich in aller Nachhaltigkeit eine neue und überaus interessante deutsch-kubanische Zusammenarbeit an. Sturm Er arbeitete in Israel, neben Polen – sein Herzensland – und in Ägypten, wo eine »Aida« vor dem Hatshepsuth Tempel in Luxor am Votum dreier Generäle scheiterte. An der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar ist Michael Sturm als Lehrbeauftragter für den szenischen Bereich zuständig. Ehrenamtlich tätig ist er für die Kirche der Erzdiözese in Freiburg. Er spielt noch Geige und Klavier und freut sich als Fussballfan über Siege von St.Pauli, Werder Bremen und dem BVB.

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