Spannungsbogen der Moderne

September 22, 2025
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François-Xavier Roth mit dem SWR Orchester (Foto: SWR)

Eine künstlerische Rezension zum Amtsantritt von François-Xavier Roth beim SWR Symphonieorchester

English summary: François-Xavier Roth’s debut with the SWR Symphony in Freiburg contrasted drama and transparency: Rebel’s Les Élémens stunned with raw, standing strings; Berio’s Sinfonia layered voices, Mahler, and politics with precision; Schubert’s C major Symphony surged to a blazing finale. Applause followed, yet Roth’s Stuttgart start drew mixed reactions and criticism over past scandals and SWR’s handling..

Ein erster Klang wie ein Schock. Die mit viel Geräusch gestrichenen Bogenwechsel machen aus dem Cluster eine echte Panikattacke. Der Le Cahos genannte Beginn von Jean-Féry Rebels Orchestersuite Les élémens ist auch noch knapp 300 Jahre nach seiner Entstehung verstörend. François-Xavier Roth lässt die Streicher des SWR-Symphonieorchesters bei seinem Antrittskonzert als Chefdirigent im voll besetzten Freiburger Konzerthaus im Stehen spielen.

Das verstärkt die dramatische Wirkung der Ballettmusik, gefährdet aber auch die Balance, weil die beiden ganz hinten postierten Cembali leider kaum zu hören sind. Auch die Holzbläser dringen bei den Forte-Passagen kaum durch die massive Streicherwand. Der raue, vibratolose Orchesterklang kann aber auch zart werden wie in Rossignols, wo Vogelzwitschern auf duftige Pizzicati trifft. In der Loure II initiiert der Franzose einen intensiven Dialog zwischen den ersten Violinen und den Bratschen. Die musikantisch gespielten »Tambourins« beginnt er selbst mit Trommelschlägen, das Tänzerische arbeitet er auch in der gemächlichen Sicilienne heraus. 

Hommage an Martin Luther King

Mit Luciano Berios 1968 komponierter Sinfonia für acht Singstimmen und Orchester hat Roth ein groß besetztes, vielschichtiges Werk programmiert, bei dem auch Solistinnen und Solisten des SWR Vokalensembles an den Stimmführerpulten beteiligt sind (Klangregie: Matthias Schneider-Hollek). Die Texte von Claude Lévi-Strauss im ersten Satz sind in Silben aufgesplittert, die Übergänge zwischen gesungen und gesprochen geraten fließend. Auch im ruhigen, von Akzenten erschütterten O King – eine Hommage an Martin Luther King – agiert das achtköpfige Solistenensemble mit schlackenloser Tongebung und großer Präzision.

Im dritten Satz geistern Passagen aus Gustav Mahlers 2. Sinfonie durch das Orchester, aber auch Motive von Maurice Ravel und Richard Strauss klingen an, während englische Texte, die sich mit den Pariser Studentenunruhen beschäftigen, ohne Punkt und Komma rezitiert werden. In manchen der schneidenden Blecheinwürfe gerät der Tuttiklang zu grell. Die heikle rhythmische Koordination in der Sinfonia gelingt aber ausgezeichnet. Und die verschiedenen Klangschichten erscheinen wie unter dem Mikroskop. 

Weniger Effekte

Auch bei Franz Schuberts großer C-Dur-Sinfonie ist diese Transparenz zu hören. Im ersten Satz braucht das Orchester nicht nur wegen des missglückten Horneinsatzes zu Beginn noch ein wenig Zeit, um ins Fließen zu kommen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Teodor Currentzis setzt François-Xavier Roth weniger auf Effekte als auf organische Entwicklungen. Die Schnittstellen und Höhepunkte arbeitet er heraus, ohne dabei zu übertreiben. Die Generalpause nach dem erschütternden Septakkord im zweiten Satz beispielsweise ist zwar auffällig lang, aber nicht manieriert – die anschließende, mit nur wenig Vibrato gespielte Cellokantilene bringt die zerstörte Welt wieder tastend in Ordnung.

Am Eindrucksvollsten gelingt das extrem schnell musizierte Finale. Die Streicher bleiben in den rasenden Sechzehntelketten stabil. Die auch bogentechnisch anspruchsvollen Begleitfiguren haben die notwendige Leichtigkeit. Roth variiert die vielen Wiederholungen und baut einen großen Spannungsbogen auf, der bis zum Ende reicht. Applaus und Bravorufe im Freiburger Konzerthaus. (Georg Rudiger)

Georg Rudiger

Georg Rudiger hat Musikwissenschaft, Geschichte und Germanistik in Freiburg und Wien studiert. Er beobachtet von Freiburg aus das Musikleben im Südwesten Deutschlands, der Schweiz und dem Elsass - als fester Freier für die Badische Zeitung, überregional u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, neue musikzeitung und Der Tagesspiegel. Er ist bei wichtigen Musikfestivals und Opernpremieren (Jurymitglied der Opernwelt), gelegentlich auch Rock- und Jazzkonzerten.

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