
Willkommen in der neuen Klassik-Woche,
heute mit Gedanken zum radikalen Strukturwandel in der Klassik, mit einem Blick auf das Tourneegeschäft in China, aber auch mit zwei Finanz-Engpässen in Rheinland-Pfalz und Eutin.
Klug schrumpfen
Wie verändert KI das Marketing von Klassik-Künstlern? Wie organisieren wir das Schrumpfen des Klassik-Marktes? Und welche neuen Formate müssen wir für TikTok und Instagram finden? In der aktuellen Ausgabe des BackstageClassical-Podcasts rede ich über all diese grundsätzlichen Themen mit dem Medienunternehmer Krystian Nowakowski (No-te). Der Wirtschaftswissenschaftler plädiert dafür, selbstbewusst zu schrumpfen und Marken zu entwickeln, indem wir neue Medien mit neuen Mitteln bespielen, um die Menschen zur guten alten Klassik zu locken. Hören Sie unser Gespräch hier:
Wo Ideologien still aufeinanderprallen
Es ist schon verblüffend, und erinnert ein bisschen an die alte Welt, als sie noch nicht aus den Fugen drehte: Es gibt sie noch, die Orte, an denen Valery Gergiev mit seinem Mariinsky Orchester neben Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern auftritt, Teodor Currentzis und MusicAeterna neben den Bayreuther Festspielen. China ist der große Profiteur der aktuellen Weltwirren und versucht sich auch in Sachen Klassik als neutrale Schweiz zu positionieren. Der Preis dieser »Weltoffenheit«: Die eigenen Menschenrechtsverletzungen sollten am besten tabu bleiben. Ich habe einmal auf die aktuelle Situation geblickt und zurückgeschaut und gestaunt, wie lange China und Europa bereits kulturellen Austausch betreiben – und zwar durch alle Weltkonstellationen hindurch. Ein kurzer historischer Abriss und ein Blick auf unsere globale Klassik-Wirklichkeit.

Gniffke will weiter an Radio Philharmonie sparen
Die Lage der öffentlich-rechtlichen Sender sei brenzlich, also müsse auch an der Musik gespart werden, sagt SWR-Intendant Kai Gniffke. Er nahm nun ausgerechnet in seinem eigenen Sender, dem SWR, Stellung und erklärte, dass er die Deutsche Radio Philharmonie finanziell neu aufstellen wolle. Einsparungen müssten sich auf Strukturen, Projekte und Inhalte erstrecken. Idealerweise will Gniffke andere Geldgeber wie den Staat oder private Firmen gewinnen: »Wir suchen nach neuen Finanzierungsquellen und sind notfalls bereit, das Orchester zu verkleinern.« Ein Plan, der nicht nur die Idee der Rundfunkorchester ad absurdum führt, sondern bei der aktuellen Wirtschaftslage auch eher unmöglich erscheint. Nach Gniffkes Rückendeckung für Teodor Currentzis und François-Xavier Roth zeigt sich immer deutlicher, dass Klassik vielleicht nicht das Kerngeschäft des Intendanten ist.
Umfrage der Woche
Im Podcast (siehe oben) haben wir über den Strukturwandel in der Musik gesprochen – der war auch Thema bei der unrepräsentativen BackstageClassical »Frage der Woche« auf unserem Instagram-Profil. Wir wollten wissen: »Sind Klassik-Abonnements noch zeitgemäß?«. Hier die Antwort:

Das Ende meiner Opern-Kindheit?
Als Bremer waren die Festspiele in Eutin früher immer einen kleinen Sommerausflug wert. Dann war ich lange nicht mehr da, und vorletzten Sommer hat es mich fast umgehauen: Neue Tribünen mit idyllischem Blick auf den See und mit einem großartigen Ambiente. Dazu ein wirklich sehens- und hörenswerter Freischütz. Nun wurde bekannt, dass die Festspiele für diesen Sommer abgesagt wurden. Intendant Falk Herzog fehle der Rückhalt aus der Politik. Zuvor gab es Schwierigkeiten bei der Bezahlung der Künstlerinnen und Künstler. Das Absurde: Die Zahlen stimmten, die Umsätze stiegen. Bei BackstageClassical ließ Freischütz-Regisseur Anthony Pilavachi seiner Wut freien Lauf. Aber es gibt auch neue Entwicklungen – und eventuell doch ein Interesse, die Festspiele zu retten. Am Samstag wurde bei einer Pressekonferenz schon wieder darüber nachgedacht, selbst 2026 noch einige Veranstaltungen stattfinden zu lassen.
Die Grenzüberschreiter
Kurzfristig ist es für die Neuköllner Oper brenzlich geworden, als der Sparhammer in der Hauptstadt umging. Inzwischen ist das Haus in der Intendanz von Rainer Simon konsolidiert und verfolgt ein stringentes Programm der offenen Genres. Alles steht unter dem Motto: »No risk, no fun«. Unsere Autorin Antonia Munding hat das Haus und seine Vorstellungen besucht und porträtiert Berlins kleinste Oper für BackstageClassical. Dabei sind ihr ein Bierkasten im Tresor, allerhand falsche Kirschen und zwei Axolotl begegnet. Lesen sie ihre Reportage hier.

Personalien der Woche
In der New York Times wurde die Arbeit von Andris Nelsons in Boston heftig kritisiert. War seine Vertragsverlängerung in Leipzig zu voreilig? Ich habe ihm einen Brief geschrieben. +++ Die Präsidenten und Rektoren der 24 deutschen Musikhochschulen haben eine neue Vorsitzende gewählt. Mit großer Mehrheit bestimmten die Mitglieder der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen Andrea Tober, Rektorin der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, zur Nachfolgerin von Christian Fischer, dessen Amtszeit am 30. September 2026 endet. +++ Hans Zimmer übernimmt die Komposition des Soundtracks zur geplanten Harry Potter Netflix-Serie – und wird damit indirekt zum Nachfolger von John Williams.
Briefe von Brüggi…
Jeden Morgen um 6:00 erscheint ein Brief von Brüggi (Di-Fr) auf der Seite von BackstageClassical. Hier die Briefe der vergangenen Woche:
- Brief an die deutschen Schulen
- Brief an Asmik Grigorian
- Brief an den MDR
- Brief an Andris Nelsons
Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?
Ja, wo zum Teufel bleibt es nur? Vielleicht ja hier! Auf der einen Seite ist es irgendwie beklemmend zu sehen, wie wenig Amerikas Intellektuelle – aber auch die US-Demokraten – dem Trump-Wahnsinn entgegenzusetzen haben. Immerhin organisiert die Kultur ein wenig Widerstand, was (wir haben schon letzte Woche berichtet) sich besonders am Kennedy Center zeigt. Inzwischen hat auch die Washington Opera angekündigt, Trumps Haus zu verlassen, auch die Martha Graham Dance Company will nicht mehr am Kennedy Center auftreten, und (besonders hart!) Broadway‑Komponist Stephen Schwartz (Wicked) erklärte ebenfalls, dass er mit dem jetzigen Trump‑Kennedy‑Center nichts mehr zu tun haben wolle. All das sind natürlich keine Revolutionen, aber immerhin Zeichen, dass es noch Widerstand gibt. Ein Zeichen auch für den Wert und das Selbstbewusstsein Europas, das vielleicht gerade darin liegen könnte, sich als Kontinent der Kultur zu präsentieren: der Menschlichkeit und der freien Debatte. Und, ja, wenn es dem Weltfrieden dient, warum kann Beethoven Trump nicht auch den Ernst von Siemens Musikpreis überreichen?

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif
Ihr
Axel Brüggemann
