Liebe Eliška Weissová,

März 3, 2026
1 min read
Eliška Weissová (Foto: CSAM)

ich möchte nicht in Ihrer Haut stecken! Gestern Abend hat der Intendant seine Wiener Staatsoper offensichtlich in einen Schlachtbetrieb für Stimmen verwandelt. Sie wurden in letzter Sekunde für Anna Netrebko auf die Bühne geschubst. Und ausgebuht – nach allen Regeln der Claque. 

Während der großen Abigail-Arie, nach der Arie und drumherum auch. Buhs wie Messerstiche.

In der Pause verließen die Leute scharenweise das Haus – wütend wie der Stier in Carmen. Sie, Frau Weissová, behielten dennoch die Ruhe – Chapeau!

Liebe Eliška Weissová, all das war nicht Ihre Schuld! Die Wut galt wohl weniger ihrer kämpfenden Stimme, als der frechen Disposition des Opernhauses: Kein Mucks über Netrebkos Absage – bis zur letzten Sekunde nicht. Erst vor dem Vorhang wurden die Leute »aufgeklärt«. Kurz vor der Aufführung sollen angeblich noch Tickets für über 500 Euro ihre Besitzer gewechselt haben – an Leute, die unbedingt die Netrebko hören wollten. 

Dabei war die schon bei der ersten Aufführung angeschlagen. Warum kümmert man sich in Wien nicht prophylaktisch um eine geeignete Einspringerin? Ist der Herr Direktor neuerdings zu beschäftigt damit, kluge Sprüche in seinen Instagram-Schaukasten zu pinnen, die er gern mit einem kostenlosen Service der Direktion unterschreibt?

Liebe Frau Weissová, Sie tun mir leid. Ebenso wie die stolze Wiener Staatsoper. Es ist ein Trauerspiel, wenn die Oper zum Schlachthaus für Stimmen wird. Ein solcher Service wird dem Intendanten bald seinen Ruf kosten.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Die kleinste Tosca der Welt

Gibt es einen anderen Ort auf der Welt, an dem in einem einzigen Jahr über 40 Vorstellungen »Tosca« gespielt werden – vor vollem Haus? Wer das schafft, muss einiges richtig machen –
Albert Lortzing in einem schwarz-weiß Stich

Unterschätzt die Unterhaltung nicht

Albert Lortzing wurde von der Leipziger Musik-Elite ignoriert, aber von den Leipzigern gefeiert. Nun zeigt das Lortzing-Festival ein Programm mit Opern, A Capella-Musik und Symposien seine wahre Bedeutung.    

Ruzicka fordert Missbrauchsverfahren gegen GEMA

Der Komponist und Dirigent Peter Ruzicka geht juristisch gegen die GEMA vor: Beim Bundeskartellamt hat er Beschwerde eingelegt, um die geplante Reform der Kulturförderung kurzfristig zu stoppen. Er sieht die Existenz der

Liebe Künstlerinnen und Künstler,

dieses Mal war es das Berliner Boulevard-Blatt BZ, das die Kosten-Rechnung aufgemacht hat: Während man in der Hauptstadt durchschnittlich 62,20 Euro für ein Opernticket hinblättert, zahlt der Staat für jedes verkaufte Ticket noch mal 251,60

Tod eines umstrittenen Chorleiters

Gerhard Schmidt-Gaden ist tot. Er starb mit 88 Jahren im oberbayerischen Benediktbeuern. Er war eine ebenso prägende wie umstrittene Persönlichkeit im Chorbetrieb.

Endlich bekommt Venedig ein richtiges Wagner-Museum

Nach mehr als 30 Jahren Planung wird ein Richard-Wagner-Museum in Venedig Realität: Ein Abkommen sichert die Zukunft der Wagner-Räume im Palazzo Vendramin Calergi. Ab 2027 soll das Haus Teil des städtischen Museumsnetzwerks

Was ist los in der Klassik?

Podcast: Hannah Schmidt und Axel Brüggemann debattieren die neue Theater-Saison, Opern-Finanzierung, Salzburger Festspiele und Wolfram Weimer.

Der große Spielplan-Check

Die neue Opernspielzeit steht vor der Tür. In Folge I checkt BackstageClassical die Spielpläne der großen Häuser: Vielfalt ist das Motto – und allerhand Namen von der Stange.

Verpassen Sie nicht ...