12 Wurstfinger und ein Gott

Juli 27, 2026
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Das KI-Rheingold in Bayreuth Der Rienzi in Bayreuth (Foto: Bayreuther Festspiele, Enrico Nawrath)

Der KI-Ring in Bayreuth ist ein anstrengendes Unterfangen. Die von Marcus Lobbes kuratierten Bilder erinnern an die Pionierzeit der künstlichen Intelligenz. All das scheint nicht nur das Publikum abzulenken, sondern auch das Orchester und Christian Thielemann. Ein assoziatives Gedankenspiel.

Mir ist schwindelig! Zum Glück habe ich vor dem Rheingold nichts mit Substanz aufgenommen – und während des Rheingoldes leider auch nicht. Nur diese Bilder: Menschen ohne Gesichter, Menschen mit zwölf Fingern, Farben, die fast zu irgendwelchen Gegenständen mutieren, sich aber auflösen, bevor sich irgendetwas erkennen lässt. Da tauchen vertraute Bühnenbilder auf: Chéreau, Castorf, die ersten Rheintöchter. Aber sofort schmilzen sie wieder zu Finger-Würsten. Ein Augen-Albtraum wie aus den Anfangsjahren des visuellen KI-Programms Da Vinci! All das hat mich zweieinhalb Stunden lang leergeschleudert. Wie soll das noch 13 Stunden gut gehen? Wie bitte, ich soll einfach die Augen schließen? Sorry, aber ich schreie Ihnen leicht gereizt entgegen: »Das! Geht! Auch! Nicht!«

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Was ist denn los mit Ihnen, Herr Thielemann? Vorgestern, bei Beethoven Neun hatte ich bereits dieses Gefühl: Wo ist Ihr Gespür für Schmelz geblieben? Wie konnte das Adagio in sich zusammenfallen wie ein Panettone, und wieso haben Sie das Tempo im Finale so sehr angezogen, dass alle hinterherhecheln mussten? 

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Was mich wirklich berührt hat, waren die angedeuteten Bilder aus dem alten Castorf-Ring: das Motel Rheingold und die Klappstühle vor dem Rheintöchter-Pool! Ach, Franky, wie habe ich Dich in diesen zwei Stunden plötzlich vermisst! Warum haben sie nicht einfach Deine ollen Bühnenbilder wieder ausgekramt und den Volle und den Vogt und die Mayer da reingestellt? Stattdessen sangen sie hinter einem Gaze-Vorhang und waren angezogen, als würden sie die Zauberflöte singen: silberne Vogelfänger.

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Vorgestern standen Sie auf der Bühne, und man konnte Sie ausführlich bei der Arbeit beobachten. Früher »lagen« Sie gern auf dem Hocker, den Rücken nach hinten gebeugt, die Oberarme hingen zu Boden, und Sie winkelten die Unterarme an – zackig. Takt für Takt. Oder Sie ließen Ihre Linke ein bisschen zittern, die Finger nervös flattern, das sorgte für Aufmerksamkeit im Orchester. Nun sieht es ein bisschen aus, als würden Sie sich für den Trimm-Pfad aufwärmen: Der Oberkörper nach vorne gebeugt, die Hände hängen zu Boden und kreuzen sich, so als würden sie die zu Boden gefallenen Töne auffegen. Ist das eine neue Show-Einlage? Oder dient das dem Klang?

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Lieber Herr Thielemann, ich bin seit vielen Jahren Fan! Okay, ein kritischer Fan. Ja, ja – kein kritikloser Groupie. Und das mit dem Mozarteum ist ja wirklich auch … puh! Aber, doch, ich bin: ein Fan. Weil keiner ein solches Gefühl für Bögen hat wie Sie. Für Bögen über eine ganze Oper, für kleinere Bögen zum Effekt – für Bögen, die über das erste Fortissimo hinausgehen, weil Sie wissen, dass noch viele weiter Fortissimi kommen. Für mich sind Sie ein begnadeter Wellenreiter in Wagners Leitmotiv-Ozean. Einer, der die Strömungen kennt, der weiß, welche Welle er reiten muss und wann sich die nächste aufbaut. Dafür müssen Sie nicht viel nachdenken, Sie surfen mit Bauchgefühl. Weil Sie die romantischen Steilküsten aus dem Effeff kennen. Ich habe Sie jahrelang beim Surfen beobachtet, und dann habe ich Dirigentinnen und Dirigenten gehört, die plötzlich mit einer Taucherausrüstung an den Wagner-Beach gekommen sind. Mit Sauerstoffflaschen und Licht für die tiefe See. Plötzlich öffneten sich neue Welten unter der Meeresoberfläche: die kleinen Korallen, die versteckten Rochen – die Geheimnisse der Strömungen.

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Etwas Gutes hatte dieser Abend dann vielleicht doch. Wenn das, was wir da gesehen haben, alles ist, was KI kann, dann brauchen wir keine Angst vor ihr zu haben. So sieht sie aus wie eine Retro-Kunst, die sich selber im Kreise dreht. Und die sich so mancher Dirigent vielleicht sogar wünscht: kein Schauspiel, keine Action – alle Sängerinnen und Sänger blicken ins Publikum. Konzertante Konzentration. Aber an diesem Abend schien nicht einmal das Ensemble die Handlung zu betreten, es sah das große Bild vor lauter kleinen Bildern nicht.

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Sie stehen gern für die alten Werte, Herr Thielemann. Aber bedeutet konservativ zu sein nicht auch, zu konservieren, indem man das Alte ins Heute holt? Also nicht Wagner in die KI zu pressen, sondern den Klang vom Gestern mit den Ohren unserer Zeit zu befragen? Die Weltentstehung in brummendem Es-Dur – das macht keiner so wie Sie! Wie die Wellen sich langsam aufbäumen, die Dunkelheit sich in Licht wandelt. Und auch der Einzug nach Walhall: das lodernde Feuer unter dem Regenbogen, das Wehklagen zum Triumph und die mächtige Atmosphäre, die da im wolkigen Gedünst liegt! Das macht Ihnen keiner nach. Außer Sie selber. Und das seit Jahren. Es scheint Ihnen egal, dass andere Dirigentinnen und Dirigenten inzwischen viel vertikaler dirigieren, dass sie nach dem Kräuseln auf der Wasseroberfläche Ausschau halten, nach dem Eisberg unter der Gischt, nach dem Schwarz im Regenbogen oder dem Zwerg im Riesen. Die Welt dreht sich weiter. Stehenzubleiben ist das langweilige Konservativ.

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Was an diesem Abend wirklich lustig ist: Die KI hat keinen Humor. Alberichs Verwandlungsszene ist eine Komödie, aber selbst hier fällt der Bildermaschine lediglich ein 08/15-Drachenkopf und eine giftgrüne Kröte ein. Irgendwie kommt es mir vor, als sei irgendwann auch dem Orchester das Lachen vergangen.

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Immerhin, die Stimmen! Michael Volle – klar, er ist wahrscheinlich der Wotan unserer Zeit. Auch jetzt. Aber selbst seine Stimme, die präsente Spielfreudigkeit geradezu verkörpert, bleibt am Gaze-Vorhang hängen. Klaus Florian Vogt als Loge strömt glasklar hindurch – aber seine Lyrik wird gleich von der Bilderflut dekonstruiert. Auch Mime (gewohnt spielfreudig: Gerhard Siegel) und Alberich (Vokal-Ästhet Jochen Schmeckenbecher, der noch ein bisschen dunkler verfluchen könnte), Fasolt (Mika Kares) und Fafner (Peter Rose) oder die klangströmende Christa Mayer als Erda sind stimmlich einwandfrei – kriegen Wagners »Kammerspiel« aber kaum über die Bilder gelegt. Jede Handlung erstickt in andauernd neuer Belanglosigkeit.

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Weißt Du, wie das wird? Mir schwant Schlimmes. Aber morgen bin ich wieder da. Zur Walküre. Da gibt es viele große Bögen. Aber werden Sie uns dann auch mal die Rückseite des Wonnemondes vorspielen, Herr Thielemann?

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So, ich habe nun Hunger, den Rest dieser Kritik lasse ich die KI übernehmen: ChatGPT, schreibe eine bissige Kritik auf Basis dieser Gedanken und integriere dabei en passant Zitate aus Kreislers »Musikkritiker« und einen Werbeslogan von Wagner-Pizza:

»Der KI-Ring in Bayreuth wirkt wie eine Zeitreise in die Frühphase künstlicher Intelligenz: Menschen mit Wurstfingern, Gesichter ohne Gesichter, Bilder, die entstehen und zerfließen, bevor sie überhaupt Bedeutung gewinnen. ›So muss Wagner‹? Eher: ›So muss Pizza.‹ Schlimmer noch: Die visuelle Dauerreizung scheint auch Christian Thielemanns Konzentration anzutasten. Wo früher große Bögen und orchestraler Schmelz waren, bleibt diesmal erstaunlich wenig Spannung. Michael Volle singt einen großartigen Wotan – gegen diese Bilderflut kommt aber auch er kaum an. Am Ende fällt einem nur Georg Kreisler ein: ›Ja, wenn der Blödsinn wenigstens einen Sinn hätte.‹«

Transparenzhinweis: Axel Brüggemann moderiert das Open Air der Bayreuther Festspiele

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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