Nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt warnt der Magdeburger Generalintendant Julien Chavaz vor politischem Druck auf Theater. Zugleich kündigte er an, den Spielplan weder vorsorglich anzupassen noch ein demonstratives »Widerstandstheater« auszurufen.
English summary: Following the AfD’s election victory in Saxony-Anhalt, Magdeburg’s General Director Julien Chavaz has warned of political pressure on theatres. At the same time, he said he would neither pre-emptively adjust the programme nor proclaim a demonstrative »theatre of resistance«.
Die AfD war bei der Landtagswahl am 6. September stärkste Kraft geworden. Eine Regierungsbildung ist bislang offen. In ihrem Wahlprogramm fordert die Partei eine »patriotische Kulturpolitik« und will staatliche Förderung stärker davon abhängig machen, ob Kunst zur deutschen »Identitätsfindung« beiträgt.
Magdeburgs Generalintendant Julien Chavaz sieht darin eine mögliche Bedrohung für öffentlich finanzierte Theater. Direkte Eingriffe in den Spielplan seien dabei nicht einmal nötig. Politischer Druck könne über die Finanzierung ausgeübt werden. Wenn das Land bestimmte Produktionen als »zu links«, »zu woke« oder »zu internationalistisch« einstufe und deshalb Mittel streiche, habe dies unmittelbare Folgen. Was an einem öffentlich finanzierten Theater nicht gefördert werde, könne häufig auch nicht stattfinden.
Sollte eine künftige Landesregierung Zuschüsse an politische Bedingungen knüpfen, wäre allerdings zunächst die Stadt Magdeburg als Trägerin des Theaters betroffen. Das Land könnte nach Chavaz‘ Darstellung etwa seine rund 14 Millionen Euro davon abhängig machen, dass bestimmte Inhalte auf die Bühne gebracht würden. Doch dann müsse sich auch ein Intendant fragen, ob er »die richtige Person« sei, solche Vorgaben umzusetzen.
Chavaz kündigte an, mögliche politische Eingriffe öffentlich zu machen. Die Entwicklung in Sachsen-Anhalt werde auch vom Deutschen Bühnenverein genau beobachtet. »Jeder Versuch, uns einzuschränken, wird in die Öffentlichkeit getragen.«
Einen vorauseilenden Kurswechsel am Theater Magdeburg schloss Chavaz aus. »Wir arbeiten ohne Alternativprogramm«, sagte der Intendant. Man werde weder einen »AfD-konformeren« Spielplan aufstellen noch nach dem Motto »Lasst uns jetzt Widerstandstheater machen« reagieren.
Als Gegenmittel gegen politische Vereinnahmung setzt Chavaz auf die Poesie des Theaters. Politik habe sich längst die Mittel der Inszenierung angeeignet, nicht aber den »Theaterzauber«, das Körperliche und die unmittelbare Begegnung zwischen Bühne und Publikum. Theater sei für ihn eine »Gegenmacht«, gerade weil es Menschen nicht ideologisch gewinnen wolle, sondern andere Perspektiven öffne. Poesie könne Menschen »größer, komplexer, menschlicher« machen. Die Aufgabe des Theaters sei es, daran zu erinnern, »dass die Welt viel komplexer und manchmal viel schöner ist als die vereinfachte Geschichte, die die Politik versucht zu erzählen«.
Zugleich verwies Chavaz auf die starke regionale Verankerung seines Hauses. Das Theater müsse international arbeiten, seinen Erfolg aber mit Themen erreichen, »die die Stadt interessieren«. So entstanden Produktionen über den 1. FC Magdeburg und die Band Tokio Hotel. Geplant ist zudem eine Oper über die gescheiterte Ansiedlung des Chipkonzerns Intel bei Magdeburg. Aus der einstigen Hoffnung, Magdeburg könne durch die Milliardeninvestition zum »neuen San Francisco im Osten« werden, sei inzwischen »ein Ackerfeld mit Hamstern« geworden. »Daraus machen wir eine Operngeschichte«, sagte Chavaz.
Der Schweizer Regisseur leitet das Theater Magdeburg seit der Spielzeit 2022/23. Unter seiner Intendanz wurde das Haus 2025 von der Zeitschrift »Theater heute« zum »Theater des Jahres« gewählt. Zur Spielzeit 2028/29 wechselt Chavaz als Intendant an das Aalto-Musiktheater und zu den Essener Philharmonikern.

