Liebe Caruso-Leute,

September 22, 2026
1 min read
Vom Feuilleton gelutscht – vielleicht sollten die Caruso-Bonbons ihre Verpackung anpassen wie auf dam von uns bearbeiteten Bild. (Bild KI generiert)

Caruso war ein genialer Werbeträger. Und ist es offenbar noch heute. Zwei große Feuilletons lutschen begeistert am neuen Caruso-Bonbon – und liefern dem Hersteller nebenbei die schönste Werbung.

Enrico Caruso war einer der ersten Klassik-Mega-Marketingstars! Dass er Schallplatten und gleichzeitig auch die Schallplattenspieler von Victor verkaufte: Geschenkt! Aber Caruso schmetterte auch für Tuxedo-Zigaretten: »Aus Sicht eines Sängers reizt Tuxedo meinen Hals nicht!«

Inzwischen habt Ihr den Namen Caruso auch für Hustenbonbons gekapert. Euer Marketing ist echt gut! Irgendwie habt Ihr es geschafft, dass Thomas Lindemann in der FAZ einen vollkommen kritiklosen Lobhudel-Text verfasst: »Endlich!«, freut er sich, gebe es ein Bonbon gegen das Husten im Konzert. Und dann porträtiert er – mit viel Empathie – Euren Chef, Hans-Dieter Mock, der das alte Bonbon-Label aufkaufte und nun hofft, seine Caruso-Lutschbonbons an die Theater zu verticken. Lindemann zitiert Mock mit dem Satz: »Es wirkt wirklich.«

Wenig später sprang dann auch die ZEIT auf das Thema auf: Isolde Sellin verfasste hier einen launigen Text über das Caruso-Bonbon und feierte dennoch das Husten in Konzerten.

Guter Job, liebe Marketingabteilung von Caruso. Zwei Zeitungen, die wir lange für seriösen und unkorrumpierbaren Journalismus gefeiert haben, lutschen inzwischen Euren PR-Drops.

Und die Pointe?

Gestern bekamen wir bei BackstageClassical ein Angebot von Euch: Ob wir die Caruso-Bonbons nicht in unserem Shop verkaufen wollen. »Vielleicht kennen Sie auch die beigefügten Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und aus der ZEIT«, heißt es im Anschreiben. Ja, kennen wir! Wir haben uns schon in einem unserer Newsletter über das neue, vollkommen unkritische Sommerloch-Feuilleton lustig gemacht! 

Der Link, den Ihr uns geschickt habt, verweist auf eine Seite, auf der auch Veranstalter das »Kulturbonbon in der leisen Dose« beziehen können. Zielgruppe: Opern- oder Konzerthäuser! Der Türöffner: das gute alte Feuilleton!

Verzeihung, ich bekomme gerade Reizhusten…

Ich erinnere mich noch an die Theater mit den kostenlosen Ricola-Bonbons in den Glaskästen. Und hat nicht Maria Callas …

P.S.: Liebe Leute bei Caruso- oder Ricola-Halsbonbons: Gern könnt Ihr bei uns für Eure Lutscher werben – aber einen journalistischen Beipackzettel gibt es bei uns nicht.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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