Die geplante GEMA-Reform beschleunigt den Strukturwandel der Klassik. Betroffen sind Verlage, Konzerthäuser, Orchester und die musikalische Bildung.Komponist Alexander Strauch fürchtet das Ende der klassischen Musik, wie wir sie kennen. 15 Punkte zum Nachdenken.
English summary: The planned GEMA reform will significantly raise licensing costs, threatening classical music. Mid-level repertoire may disappear as budgets shrink and expenses rise. Orchestras, broadcasters, and amateur groups will cut back, accelerating decline and reducing diversity.
Sollte im Mai die GEMA-Reform durchkommen, werden die Lizenzen teuer. Die Reform wurde 2025 zunächst verhindert. Nun kommt sie – was die Klassik betrifft – annähernd so wieder wie zuvor: Riesenverluste für alle, Untergangsstimmung bei den Musikverlagen, Hoffnung auf das verbleibende große Geld mit Bernstein, Orff und Schostakowitsch.
In der ersten Maiwoche stimmt die Mitgliederversammlung der GEMA zum zweiten Mal nach dem gestoppten Anlauf im letzten Jahr über eine fast unveränderte Reform ab – zumindest, was den Bereich der ernsten Musik betrifft. Die Folgen für Komponistinnen sind und Komponisten sind dramatisch. Aber es betrifft auch andere Teile des Klassik-Betriebes: Kommt die Reform durch, wird dieses das Repertoire verändern und den Verfall des trägen Klassikmarktes beschleunigen.
Hier sind 15 Gedanken zur Reform.
Die Reform der E-Musik 2.0
Ist die Reform blockiert? Gestoppt? Erledigt? Nein! Sie grüßt täglich wie das Murmeltier. Ja, der Patient »Musikwelt« braucht ein Update, aber die vorgeschlagene Dosis ist einfach falsch.
Sag beim Abschied leise Servus
Es soll abgestimmt werden, bevor die krassen Konsequenzen belastbar beziffert und eingeordnet sind. Sollte die Reform kommen, wird nichts spektakulär kollabieren – der Abbau wird leise passieren. Ist das, warum die Reform sich durchsetzen wird?
Ein System wird nicht »angepasst«. Es wird gestört.
Über Jahrzehnte hat ein fragiles Gleichgewicht den klassischen Betrieb getragen. Ein Gleichgewicht aus Aufführungen, Zuschlägen, Querfinanzierungen. Niemand hat es gefeiert, aber es hat funktioniert. Dieses Gleichgewicht wird jetzt nicht verbessert. Es wird gestört. Und zwar genau dort, wo es trägt.
Was verschwindet, ist nicht die Avantgarde. Es ist der Alltag.
Nicht Beethoven ist betroffen. Nicht die Uraufführung. Sondern das Repertoire dazwischen. Britten. Schostakowitsch. Strawinsky. Bernstein. Barber. Copland. Poulenc. Rutter. Hindemith. Orff. Das, was gespielt wird, weil es funktioniert. Genau das wird jetzt strukturell geschwächt. Und es wird teuer.
Sync-Rights werden zum Preisschock
Streaming, Mitschnitte, digitale Sichtbarkeit – all das war bisher irgendwie möglich. Nicht immer einfach, aber machbar. Das wird vorbei sein. Denn es wird nicht nur die E-Musik rasiert. Die Zuschlagsverteilung in Online-Bereich, von der Klassik und ernste Musik relativ profitieren konnten, soll auch beendet werden.
Jede Nutzung wird einzeln bepreist. Hart. Konsequent. Ohne Rücksicht darauf, ob es sich um ein Festival, ein Hochschulprojekt oder einen Livestream ohne Einnahmen handelt. 1000, ach was, auch schon einmal 3000 Euro und mehr für ein Stück im Stream sind jetzt schon kein Extrem mehr. Das ist die Richtung.
Jetzt kommt die Realität: Die Kulturbudgets der öffentlichen Hand brechen weg – und die Kosten steigen
Parallel wächst der Druck von außen. Öffentliche Mittel stehen unter Sparzwang. Kulturetats geraten unter Druck. Institutionen kürzen Programme. Orchester, Häuser und Förderer sparen drastisch. Jetzt kommt dazu: Repertoire, sehr beliebtes, wird teurer. Das ist keine Diskussion.
Das ist eine Zange. Und die geht zu – egal, ob jemand hinschaut.
Und dann passiert das, worüber niemand spricht
Wenn ein Bereich nicht mehr klar sichtbar ist, wird er politisch schwächer. Wenn »Ernste Musik« nur noch eine Teilkultur unter vielen ist, passiert Folgendes: Mittel werden verschoben. Nicht aus Bosheit. Sondern weil es einfacher ist. Weil andere Bereiche lauter sind. Weil sie mehr Publikum bringen. Weil sie besser argumentierbar sind.
Rundfunk: Der Rückzug wird beschleunigt
Die Entwicklung läuft längst: weniger Sendeplätze, Fusionen und Reduktion von Profilen. Jetzt kommt ein zusätzlicher Faktor dazu: teureres Repertoire. Wird die Sparte E-Musik gestrichen, in der GEMA, im Hörfunk, mag der höchste Hochglanz bleiben. Aber die Substanz, die alltägliche Dosis Klassik, die so nötig ist, damit sich überhaupt noch eine Hörerschaft, das Klassikpublikum bilden kann, die bricht weg. Auf Nimmerwiedersehen! Und damit wird eine Entscheidung noch leichter: Man lässt es.
Amateurbereich: Hier bricht es leise
Chöre, Jugend- und Amateurorchester, Musikschulen. Hier wird ein großer Teil der Arbeit ehrenamtlich getragen. Hier gibt es keinen Puffer. Wenn selbst »normales« Repertoire teurer wird, demonstriert niemand – es wird einfach nicht mer gespielt: Weniger Aufführungen, einfachere Programme, stille Aufgabe von Projekten. Das ist kein Skandal. Das ist ein langsames Verschwinden.
Was diese Reform wirklich ist
Sie ist kein Feinschliff. Sie ist kein Update. Sie ist ein Beschleuniger für Entwicklungen, die ohnehin laufen: Orchesterfusionen, Theaterschließungen, Abbau von Strukturen und Rückzug aus Repertoirepflege. Beschleunigung ist in einem ohnehin unter Druck stehenden System kein neutraler Vorgang. Sie verschiebt Gleichgewichte. Und sie tut das schnell.
Der Blick über den Tellerrand
Dass die U-Musik in der Reform gewinnt, ist eine Illusion. Wir zerlegen gerade die Solidargemeinschaft für eine Mangelverwaltung in zehn Teilkulturen. Es geht um 15 Millionen Euro – kaum ein Prozent der GEMA-Einnahmen! Das neue »Fokus Repertoire« ist reine Schaufenster-Politik: Wenn 100.000 Mitglieder auf Almosen für gerade mal 5.000 Auserwählte starren, ist das keine Strukturreform, sondern ein Placebo. Wenn ‚totes‘ Repertoire den Lebenden die Butter vom Brot nimmt, ist das kein Fortschritt, sondern ein Systemfehler. Am Ende wird Musik zur exklusiven Auszeichnung für Wenige, statt zur Existenzgrundlage für Viele.
Nach kurzer Zeit: keine Förderung mehr. Nur noch Kosten.
Bisher wurde jedes Werk gefördert. Nun heißt es nach drei Aufführungen: Tschüss! Danach gilt nur noch: Was kostet es? Und die Kosten werden steigen. Denn Verlage verlieren Einnahmen. Und sie werden sie mit dem noch geschützten Repertoire der Verstorbenen zurückholen, über Material, Rechte und neue Bedingungen.
Zudem werden die Komponistinnen und Komponisten verlangen: »Weg mit Rabatten, weg mit Härtefallklauseln, hoch mit den Tarifen!« Doch wenn sich nur zwei Komponistinnen oder Komponisten von den irrwitzig niedrigen, zweistelligen oder dreistelligen Tantiemen für ein ganzes Konzert begnügen müssen, steht das in keinem Verhältnis mehr zur Arbeit. Das betrifft übrigens auch die Verlage: Kommen weniger Tantieme rein, lohnt sich nicht einmal der Gedanke an kleinere Inkassi.
In einem Markt, der ohnehin unter Druck steht nimmt die Konkurrenz weiter zu. Strukturen verdichten sich. Kleine Anbieter verschwinden. Große Traditionsverlage schwächeln schon lange und werden wohl verschwinden. Sie fusionieren, kollabieren und stehen unter wachsendem Druck, Rendite zu liefern. Shareholder erwarten Ergebnisse. Investoren erwarten Wachstum.
Das verändert Entscheidungen. Das ist keine Prognose. Das ist eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Teuer heißt nicht weniger.Teuer heißt: weg. Und zuerst verschwindet das, was Bereits jetzt am wenigsten abgesichert ist.
Was am Ende passiert
Die Musik verschwindet nicht. Aber sie verändert sich radikal. Sie wird seltener, teurer und selektiver. Und vieles von dem, was heute selbstverständlich ist, wird es nicht mehr sein.
Sätze, die man sich merken sollte
»Das ist keine Reform. Das ist die systematische Verteuerung dessen, was bislang selbstverständlich war.« Und: »Das Problem ist nicht die neue Musik. Sondern die Musik, die alle spielen – und sich plötzlich niemand mehr leisten kann.« Außerdem: »Wenn alles einzeln bezahlt werden muss, verschwindet zuerst das, was niemand einzeln verteidigt.«
Ein letzter Gednake
Das Problem ist, dass das System, das sie möglich macht, still zurückgebaut wird – Die Musik hört nicht auf, sie wird einfach nicht mehr gemacht. Und genau das merkt man immer erst, wenn es zu spät ist.

