Liebe Oper,

April 8, 2026
1 min read
Foto: Hamburgische Staatsoper.

Du hast es auch nicht immer leicht. Was für schöne Namen haben wir Dir schon gegeben! Du warst unser »Kraftwerk der Gefühle« (Alexander Kluge),  »Debattenort unserer Städte« oder – ganz früher – einfach nur ein »Irrtum«, da in Dir das Mittel des Ausdrucks – die Musik – zum Zweck und der Zweck des Ausdrucks – das Drama – zum Mittel gemacht wird (Richard Wagner). 

Heute bist Du für viele allerdings nur noch bedauernswert und zum Lachen (Timothée Chalamet).

Tatsächlich scheinst Du Dir Deiner eigenen Rolle gerade nicht mehr so sicher zu sein. Bist Du noch eine Kunst, die uns zur »Sammlung« animiert, oder lediglich eine Möglichkeit zur »Zerstreuung« (Adorno) in einer Welt, die längst verrückter geworden ist als Du selbst? Bist Du am Ende nur noch eine kostspielige Form des Eskapismus?

René Kollo nannte dich einmal einen »Zirkus«, in dem Künstler wie er die todesmutigen Seiltänzer seien, und die Staatsoper Hamburg kommt nun mit einem ähnlichen Bild daher: Du seist das »klügste Spektakel der Welt«, schreibt Tobias Kratzers Haus in seiner neuen Saison-Kampagne und zeigt Dich als smarten Zirkus mit allerhand Tschingderassabum. Auch deshalb, weil die Oper saniert wird und zum Teil in ein Zirkuszelt umzieht.

Klar, das klingt ein bisschen nach Duplo (»die längste Praline der Welt«), aber irgendwie auch danach, dass Du gerade einmal wieder neu erfunden wirst: Als Unterhaltung im besten Sinne. Als sinnliche Denkmaschine, die uns auch noch staunen lässt. Und, ja, als das, was Du schon am Haymarket warst: Als Spektakel, das uns berührt.

Liebe Oper, ich finde, der Slogan trifft Dich ganz gut. Mit Spektakeln ist es nämlich so wie mit den Menschen – die Klugen sind die spannendsten! 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Glanz und Elend à la Bartoli

Zwischen funkelndem Rossini, poetischem Monteverdi und einer erschreckend missglückten Gala schwankt Salzburgs Reise-Motto zwischen Höhenflug und Bruchlandung – ausgerechnet im Jubiläumsjahr der Intendantin.

Er schenkte der Musik die Bilder

Er hat nicht nur die Drei Tenöre in Szene gesetzt, sondern die gesamte Musikwelt von New York bis Wien. Nun ist Regisseur Brian Large im Alter von 87 Jahren verstorben.

Liebes Playmobil,

Der fränkische Spielehersteller feiert die fränkischen Richard Wagner Festspiele! Das macht Sinn. Kann aber nur ein Anfang sein.

Was wollen Sie eigentlich, Milo Rau?

Milo Rau hat den Festwochen das Label Freie Republik Wien verpasst. Darüber debattiert Festival-Leiter Milo Rau im Podcast mit Falter-Kulturchef Matthias Dusini und Axel Brüggemann – Moderator ist Raimund Löw.

Chan Francisco

Elim Chan wird ab September 2027 neue Musikdirektorin des San Francisco Symphony. Die Dirigentin ist bereits designiert und steht Anfang Juni erstmals in neuer Funktion am Pult.

Liebes Utopia-Orchester,

Das Utopia Orchester hat ein neues Video auf Instagram veröffentlicht – Currentzis wirkt hier ein wenig wie der alte Karajan.

Gewandhaus-Radio im Fokus der Medienaufsicht

Die Sächsische Landesmedienanstalt prüft das Gewandhaus-Radio: Ist der Sender unabhängiges Klassikangebot oder PR-Instrument eines städtischen Orchesters? Die Vorwürfe wiegen schwer – und könnten grundsätzliche Fragen der Rundfunkordnung berühren.

Lieber Evgeny Kissin,

Evgeny Kissin durfte in Chicago keine Zugaben mehr spielen - die Halle war unter Zeitdruck. Darüber beschwert er sich auf Instagram – zu Recht.

Gut abgehangener Skandal

Im dritten und letzten Teil unseres Saisonchecks schauen wir nach Hannover,  Stuttgart, Nürnberg, Wien und Berlin.

Verpassen Sie nicht ...