Donald, Luciano und Ave Maria

Oktober 23, 2024
1 min read
Donald Trump liebt Luciano Pavarotti und Andrea Boccellli (Foto: Collage BC/ YouTube)

Donald Trumps Musikgeschmack erstaunt: Luciano Pavarotti hat einen festen Platz auf seiner Playlist. Und was bedeutet das?

Es ist viel, aber vielleicht noch nicht alles über Donald Trumps merkwürdigen Wahlkampf-Auftritt in Oaks, Pennsylvania, geschrieben worden. Als ein Zuschauer bewusstlos wurde, bat der Präsidentschaftskandidat seine Regie, das Ave Maria einzuspielen. Das geschah auch – allerdings in einer Instrumentalversion. Das schien Trump zu irritieren, denn er hatte eine ganz besondere Version im Sinn, jene von Luciano Pavarotti, die er auf seiner privaten Playlist gespeichert hat. Als die Regie diese Version schließlich einspielte, war Trump offensichtlich begeistert: »Macht es ein bisschen lauter!«, sagte er – und ihm war anzusehen, dass diese Musik den Ex-Präsidenten bewegt.

Hier geht es zum Video mit Donald Trump und Pavarotti.

Er bat die Gruppe um den ohnmächtig gewordenen Mann, aufzustehen: »Das ist für Euren Jungen«, sagte Trump. Und am Ende fragte er das Publikum »ist das nicht wunderschön« und erklärte, dass Pavarotti »der Maestro, der Beste von allen« sei.

Von wegen: »Böse Menschen haben keine Lieder!« Wenn man Donald Trump beobachtet, während Pavarotti singt, steht da plötzlich ein Mensch, den wir so nicht kennen: Trump hört minutenlang zu, scheint die Musik zu genießen, scheint weich zu werden mit ihr. Der gleiche Mensch, der Amerika seit Jahren spaltet, wird plötzlich sanft. 

Es wäre unseriös, psychologische Spekulationen anzustellen – darüber, wie Schubert (weiß Trump, dass dieses Ave Maria von Schubert ist?) und Pavarotti das ungeliebte und streng erzogene Kind umarmen. Darüber, warum auch in Hollywood Bösewichter oft klassische Musik hören. Aber eines zeigt sich schon: Der Mann, der so viele Lügen wie kein anderer Präsidentschaftskandidat verbreitet hat, scheint irgendwie wahrhaftig, sobald die Musik erklingt.

Wahrscheinlich ist es auch eine Lüge, wenn Trump immer wieder behauptet, dass er und Pavarotti »sehr gute Freunde« waren. Als Trump 2016 eine Pavarotti-Version von Nessun Dorma benutzte, verlangte die Witwe des Tenors, Nicoletta Mantovani, dass Trump diese Version nicht weiter verwendet. Damals sagte sie, dass Trumps »Werte« unvereinbar mit jenen von Pavarotti seien.

Und wer nun glaubt, dass Klassik-Wissen wenigstens ein Lichtblick bei Trump ist, der wurde noch in der gleichen Veranstaltung in Pennsylvania eines Besseren belehrt. Pavarottis Ave Maria inspirierte den Ex-Präsidenten dazu, einen weiteren Klassik-Titel auflegen zu lassen: Time to say goodbye mit Andrea Boccelli. Das sagt eigentlich alles. 

BackstageClassical

BackstageClassical bringt Ihnen Debatten und Nachrichten aus der klassischen Musik. Die Seite ist kostenfrei. Bestellen Sie unseren Newsletter oder unterstützen Sie unseren unabhängigen Musikjournalismus durch Ihre Spende.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

BackstageClassical ist in den Sommerferien

Die Klassik-Welt dreht weiter, aber wir machen Ferien. Am 1. September sind wir wieder für Sie da – mit täglichen News aus der Welt der Klassik. Bis dahin hier ein wenig Lektüre und

Publikumsbeschimpfug ist auch keine Lösung, Herr Mondtag

Ersan Mondtag nennt das Salzburger Publikum nach den Buh-Rufen für seine „Ariadne auf Naxos“ provinziell. Doch wer Kritik als Unfähigkeit abtut, verwechselt künstlerischen Anspruch mit Überheblichkeit – und verliert den Respekt vor

Friedman, Rienzi, Ring und Co. – eine Bayreuth-Bilanz

Peter Huth, ehemaliger Chefredakteur der Welt am Sonntag und Kommunikationschef von Axel Springer, bespricht mit Axel Brüggemann die erste Festspielwoche im Podcast von BackstageClassical. Auch Nathalie Stutzmann, Michel Friedman oder Katharina Wagner

Warum fällt Hinterhäuser der Abschied so schwer?

Markus Hinterhäuser ist nicht mehr Intendant der Salzburger Festspiele. Dennoch ist er allgegenwärtig. Der Streit um seine Trennung wirft Fragen nach Transparenz auf – und nach der Fähigkeit, ein Amt auch wirklich

Rienzi ist Wagners Monster

Die Dirigentin Natalie Stutzmann und die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka haben in Bayreuth mit ihrer Lesart von Wagners Rienzi begeistert – hier blicken sie hinter die Kulissen und erklären Ihre Ansätze.

Neuer Blick auf Karajan

Karajans Rolle im Nationalsozialismus muss historisch genau betrachtet werden, sagt Biograf Wolfgang Rathert und fordert wissenschaftliche Sachlichkeit in der Karajan-Debatte. Dabei attestiert er dem Dirigenten Skrupellosigkeit in seiner Karriere.

12 Wurstfinger und ein König

Der KI-Ring in Bayreuth ist ein anstrengendes Unterfangen. Die von Marcus Lobbes kuratierten Bilder erinnern an die Pionierzeit der künstlichen Intelligenz. All das scheint nicht nur das Publikum abzulenken, sondern auch das

Diktator sind wir alle

150 Jahre Bayreuth: Zwischen Festakt und Rienzi drehen die Festspiele ihre eigene Geschichte durch den Necker-Würfel. Ein Essay über Erinnerung, Macht, Populismus – und die Verantwortung jedes Einzelnen.

Lieber Igor Levit,

Igor Levit und Danger Dan dürfen beim ZDF nicht auftreten – nun stilisieren sie sich zum Opfer. So geht PR.

Verpassen Sie nicht ...