»Beethoven ist ein Schamane«

Dezember 16, 2025
2 mins read
Der Komponist Tan Dun (Foto: Feng Hai)

Tan Dun erhält den Beethoven Friendship Award in Bonn. Der Komponist liest in Beethovens Musik die Botschaft von Freiheit und Weltfrieden. Ein Podcast von BackstageClassical.

English summary: Tan Dun receives Bonn’s Beethoven Friendship Award. Hearing Beethoven’s 6th Symphony in Hunan’s rice fields in 1973 changed his life, inspiring him to unite Eastern ritual and Western art. He sees Beethoven as a symbol of freedom, peace, and the universal spirit of music.

Hören Sie unseren Podcast auch bei ApplePodcast oder für alle anderen Player

Der chinesische Komponist und Dirigent Tan Dun wird mit dem Beethoven Friendship Award des Beethoven-Hauses Bonn geehrt. Die Auszeichnung erinnert an das legendäre Freundschaftsglas, das Ludwig van Beethoven 1816 seinem Jugendfreund Franz Gerhard Wegeler schenkte, und ist mit zwölf seltenen Weinen verbunden. Der 68-Jährige, bekannt für seine Musik zwischen fernöstlicher Ritualtradition und westlicher Avantgarde, sprach aus Anlass der Preisverleihung über die prägende Bedeutung Beethovens für seine künstlerische Laufbahn.

Beethoven in den Reisfeldern von Hunan

Seinen ersten Kontakt mit Beethovens Musik erlebte Tan Dun 1973 in den Reisfeldern seiner Heimatprovinz Hunan – ein Moment, den er bis heute als Schlüsselerlebnis bezeichnet. »Ich arbeitete im Schlamm, um zu lernen, wie man Reis pflanzt, als plötzlich über einen Lautsprecher Beethovens 6. Sinfonie erklang«, erinnert sich der Komponist im Podcast von BackstageClassical. Das Stück wurde damals vom Philadelphia Orchestra gespielt, das den Besuch des US-Präsidenten Richard Nixon in China begleitete.

BTHVN-Kabinett-Freundschaftsglas (Foto: Bittner)

»Das war ein vollständiger Schock«, sagt Tan Dun. Während der Kulturrevolution sei Beethovens Name zwar bekannt gewesen, doch seine Musik habe nicht öffentlich erklingen dürfen. »Gerade das Verbot machte sie faszinierend. Sie war zu stark, zu emotional, zu gefährlich – weil sie zu viel Freiheit ausdrückte, zu viel Geist.«

Vom Musikschamanen zum Weltbürger

Vor diesem Erlebnis habe er als junger Musiker vor allem traditionelle Musikrituale bei Beerdigungen und Hochzeiten begleitet. Nach dem Hören Beethovens habe er beschlossen, »ein Musikschamane jener Art zu werden, der zur Welt spricht«. Beethoven sei für ihn ein Symbol dafür, dass Musik Vergangenheit und Zukunft verbinden könne: »Er macht uns zu Weltbürgern des Geistes.«

Mit der Öffnung Chinas für westliche Musik nach 1973 begann für Tan Dun und viele seiner Generation eine neue Epoche. »Es war, als würde sich eine spirituelle Tür öffnen«, sagt der heute in New York lebende Komponist. »Viele junge Menschen begannen, sich der klassischen Musik zuzuwenden und sich für Freiheit und Geist zu begeistern. Heute ist China eine der größten Bühnen für klassische Musik weltweit.«

Musik als Sprache der Einheit

Tan Dun sieht in Beethovens Werk nicht nur musikalische Größe, sondern eine universelle Botschaft von Frieden und Einheit. »Seine Musik vereint Natur, Philosophie, Kultur und persönlichen Geist«, betont er. »Der Zweck von Musik ist Seelenkommunikation – sie ist eine Sprache des Friedens.«

Mit Blick auf die aktuellen globalen Spannungen ruft er dazu auf, Beethovens Botschaft ernst zu nehmen: »Wir leben in einer grenzenlosen Ära. Die ganze Welt ist eins. Alle Menschen werden Brüder – und Raum und Zeit werden relativ.«

Inspiration aus Zahl und Symbol

Den Beethoven Friendship Award empfindet Tan Dun auch als Anstoß für die eigene Arbeit. Die Zahl Neun, so der Komponist, verbinde ihn nicht nur mit Beethovens Neunter Sinfonie, sondern habe auch in der chinesischen Kultur hohe symbolische Bedeutung. »Im Chinesischen bedeutet jiu sowohl ’neun‘ als auch ‚Wein‘ und ‚Ewigkeit’«, sagt er. Dieses Motiv habe ihn zu seinem dreisätzigen Coral Concerto inspiriert.

Live-Stream zum Festakt unter Beethoven-Haus Bonn – YouTube und zur Benefizauktion unter invaluable.com

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Endlich bekommt Venedig ein richtiges Wagner-Museum

Nach mehr als 30 Jahren Planung wird ein Richard-Wagner-Museum in Venedig Realität: Ein Abkommen sichert die Zukunft der Wagner-Räume im Palazzo Vendramin Calergi. Ab 2027 soll das Haus Teil des städtischen Museumsnetzwerks

Was ist los in der Klassik?

Podcast: Hannah Schmidt und Axel Brüggemann debattieren die neue Theater-Saison, Opern-Finanzierung, Salzburger Festspiele und Wolfram Weimer.

Der große Spielplan-Check

Die neue Opernspielzeit steht vor der Tür. In Folge I checkt BackstageClassical die Spielpläne der großen Häuser: Vielfalt ist das Motto – und allerhand Namen von der Stange.

Ermittlungen am Teatro San Carlo

Die Polizei in Italien ermittelt Unregelmäßigkeiten am Theater in San Carlo. Im Zentrum stehen Ex-Intendant Stéphane Lissner und verschiedene Künstlerinnen und Künstler, unter ihnen Asmik Grigorian, Claus Guth und Jonas Kaufmann.

Lieber Jackie Chan,

Turandot hat in den letzten 100 Jahren ja schon viel erlebt, unter anderem eine Inszenierung direkt in der Verbotenen Stadt in Peking. Aber Puccinis Chinaoper als Martial-Arts-Spektakel, das ist wirklich neu! Sie

Liebe Künstlerinnen und Künstler,

dieses Mal war es das Berliner Boulevard-Blatt BZ, das die Kosten-Rechnung aufgemacht hat: Während man in der Hauptstadt durchschnittlich 62,20 Euro für ein Opernticket hinblättert, zahlt der Staat für jedes verkaufte Ticket noch mal 251,60

Mickischs Leitmotiv-Erbe in Buchform

Bei seinem ersten Bayreuth-Besuch traf Stephan Knies den Wagner-Experten Stefan Mickisch. Aus seiner Leidenschaft für Wagners Leitmotive entstand nun ein Buchprojekt, das seine einzigartige Analyse des »Rings« fortführt und erstmals in Buchform

Verpassen Sie nicht ...