Dirigiere niemals mit dem Ex!

Juli 2, 2025
3 mins read

Philippe Jordan und die Wiener Staatsoper haben sich überworfen. Dass Dirigenten ihren Orchestern den Rücken kehren, ist nicht neu: Trennungs-Geschichten von Karajan bis Currentzis, von Muti bis Thielemann. 

English summary: Philippe Jordan’s exit from the Vienna State Opera was marked by conflict with director Roščić and parts of the orchestra. Such dramatic splits aren’t rare in classical music, where conductor-orchestra „love stories“ often end in ghosting, grudges—or, rarely, heartfelt reunions.

Eine herzliche Trennung geht anders. »Ich brauche nach den fünf Jahren eine Pause«, sagte Dirigent Philippe Jordan zu seiner Götterdämmerungs-Abschiedsvorstellung als musikalischer Direktor der Wiener Staatsoper, »und das Haus braucht eine Pause von mir.« Diesem unversöhnlichen Abgesang waren heftige Auseinandersetzungen hinter den Kulissen vorausgegangen. Es soll Überwerfungen mit Teilen des Orchesters gegeben haben, vor allen Dingen aber inszenierten Intendant Bogdan Roščić und sein musikalischer Leiter eine heftige, öffentliche Schlammschlacht: Roščić wollte Jordans Vertrag angeblich nicht verlängern, der wehrte sich, schoss zurück und setzte eine (etwas unglückliche) Debatte um das »Regietheater« in Gang. Am Ende ging es um Fernsehauftritte, um eine weiße Flagge im Orchestergraben und um die ganz große Beziehungs-Soap-Opera. Es ist derzeit nicht davon auszugehen, dass Jordan unter Roščić noch einmal an die Staatsoper zurückkehrt.

Orchester-Ghosting

Andere Dirigenten-Abschiede sind weitaus versöhnlicher verlaufen. Was aber nicht heißt, dass ihnen eine bessere Zukunft garantiert ist. Es kann durchaus sein, dass der »Ex«-Partner schnell zum »Ghosting-Opfer« wird – trotz vorheriger, vollmundiger Liebesversprechungen. Was hatten sich die Orchester Gesamtleiterin Sabrina Haane und ihr SWR Symphonieorchester sich nicht hinter ihren ehemaligen Chefdirigenten Teodor Currentzis gestellt, selbst seine Russland-Beziehungen wurden vom öffentlich-rechtlich finanzierten Orchester heruntergespielt, der eigene Imageschaden für den Chefdirigenten in Kauf genommen. Und selbst als man den Vertrag schließlich nicht verlängerte, wurde erklärt, dass die Trennung »einvernehmlich entschieden« wurde und man natürlich auch »zukünftig miteinander arbeiten« wolle. 

Schaut man nun in die neue Saisonbroschüre des SWR, fällt auf: In der Spielzeit 2025/26 ist kein einziges Konzert mit Currentzis angesetzt. Was ist nur aus der unendlich großen Liebe geworden, die man jahrelang beschworen hatte, was aus den gemeinsamen Kämpfen gegen jegliche Kritik, was aus der Begeisterung für den alten Chefdirigenten, die sogar der neue – ebenfalls umstrittene – SWR-Chefdirigent François-Xavier Roth beteuert hatte? Die große Liebe verglüht in der Klassik offenbar besonders schnell, und ein Satz wie »Wir können ja Freunde bleiben« scheint (so wie oft im wahren Leben) eher eine Bestätigungsformel für das unspektakuläre Beziehungsende zu sein als eine wahre Zukunftsperspektive.

Die lange Liste der Ex

Die Liste von Ex-Beziehungen zwischen Dirigenten und ihren Orchestern ist lang und legendär. Nachdem Herbert von Karajan sich im Disput über die Klarinettistin Sabine Meyer mit »seinem Orchester«, den Berliner Philharmonikern, überworfen hatte, gab es kein offizielles Comeback mehr. Es wurde bei den Berliner Festwochen zwar noch einmal gemeinsam Bachs h-Moll Messe aufgeführt – aber das war eher ein »Wiedersehen wie von längst entfremdeten Eheleuten, die sich noch einmal zum Versöhnungstermin treffen, obwohl eigentlich nichts mehr zu versöhnen ist.« So kommentierte es damals der Spiegel. Karajan starb unversöhnt.               

Thomas Hengelbrock hatte das NDR Elbphilharmonie Orchester im Streit verlassen, Esa-Pekka Salonen sein San Francisco Symphony Orchestra, nachdem er sich mit dem Vorstand überworfen hatte, und die ganz große Oper inszenierte Riccardo Muti an der Mailänder Scala. 2005 hatte die Belegschaft sich geweigert, weiterhin mit dem Dirigenten zusammenzuarbeiten, nach der Trennung holte das Haus Mutis Landsmann Riccardo Chailly. Als der alte Chef 2021 zu einem Gastspiel mit den Wiener Philharmonikern an die Scala zurückkehrte, überließ der Neue ihm sogar die Garderobe, aber Muti soll seinen Nachfolger ignoriert und brüskiert haben: Es ist davon die Rede, dass er Chailly nach seinem Namen gefragt haben soll, und dass im Anschluss allerhand Schimpfworte durch die Gänge flogen

Psycho-Spiele

Relativ unversöhnlich dürften auch die Trennungen von Daniele Gatti beim Concertgebouworkest verlaufen sein, oder Marek Janowskis endgültige Trennung von der Dresdner Philharmonie. Nachdem die Konzerte mit seinem Nachfolger, Donald Runnicles, annonciert wurden, erklärte Janowski wutentbrannt, dass er sein Dirigat von Tristan und Isolde zurücklege. Die Musiker waren vor den Kopf gestoßen, und Intendantin Frauke Roth erklärte: »Die Absage von Marek Janowski tut mir menschlich weh.« Trennungen sind immer auch schmerzhafte Psycho-Spiele. 

Überhaupt: Dresden! Dass Christian Thielemann seine »Wunderharfe«, die Staatskapelle Dresden, verlassen hat, half der Folgebeziehung nicht. Thielemann, der über seine neuen Orchester gern schwelgt wie ein frischverliebter Cupido, tut sich mit einer Rückkehr in der Regel schwer: Nürnberg, Deutsche Oper Berlin, Münchner Philharmoniker – allesamt: abgeschlossene Kapitel. Besonders unterhaltsam war seine Rückkehr nach Dresden im letzten Jahr. Sie fand nicht mit der Staatskapelle in der Semperoper statt, sondern mit den Wiener Philharmonikern im Kulturpalast. Und das ausgerechnet mit einer Bruckner-Symphonie, mit der Thielemann nach einem legendären Einspringer-Job 2009 zum Chef der Staatskapelle wurde. Das ist ein bisschen so wie Knutschen mit einer anderen vor der Haustür der Ex. 

Aber müssen denn alle ehemaligen Beziehungen scheitern? Natürlich nicht! Kirill Petrenko kehrte auch noch als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker zu seinem ehemaligen Orchester, dem Symphonieorchester Vorarlberg zurück, um mit ihm einen Mahler-Zyklus zu vollenden. Und was wäre die Alterskarriere von Herbert Blomstedt, wenn ihn nicht all seine ehemaligen Orchester wieder in die Arme schließen würden: Die Staatskapelle Dresden, das NDR Sinfonieorchester oder das Gewandhaus in Leipzig. Ja, es gibt sie noch, die Hoffnung auf die ewige Liebe!   

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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