Das C in der CDU steht nicht mehr für Kultur

April 27, 2025
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Wolfram Weimer (Foto Kanzleramt, ZDF, Collage BC)

Wolfram Weimer soll Kulturstaatssekretär werden. Damit ist der Kulturbegriff der CDU endgültig in der Kulturlosigkeit angekommen. Ein Kommentar.

English summary: Wolfram Weimer is set to become Germany’s new Culture State Secretary, marking the CDU’s cultural decline. Under Friedrich Merz, culture shifted from art and opera to business and media. Weimer, a conservative media figure with a spotty track record, symbolizes this shift. Critics warn that neoconservative slogans are the last thing culture needs now.

Kultur in der CDU, das hat Mal nach Grünem Hügel gerochen, nach einigen Vierteln Post-Premieren-Rotwein mit Sängerinnen und Sängern und allerhand Hojotoho! Heute riecht Kultur in der CDU eher nach Maßanzug, Netzwerk und Unternehmertum. Friedrich Merz – das lässt sich schon heute sagen – hat es nicht so mit fiktionalen Büchern, abstrakten Bildern oder epischen Opern-Leitmotiven. Kultur ist für ihn eher Wirtschaftskultur, Geldkultur oder Medienkultur.

Einst war die CDU Garant für florierende Kultureinrichtungen: Im Bund ebenso wie in der Fläche. Wo die CDU regierte, konnten Theater, Kunsthallen und Orchester sich in Sicherheit wiegen, da sie unter dem Sammelbegriff »Bürgertum« subsumiert und damit als schützenswertes Hobby der Stammklientel auch begünstig wurden. Das galt sogar für Kultur-Muffel wie Helmut Kohl. Für Angela Merkel war Kultur bekanntlich selber ein Überlebenselexier im Polit-Alltag.

Lernen von Macbeth

Bei Friedrich Merz sieht das anders aus. Unter ihm hat die CDU endgültig den letzten Anschein von Kultur-Ernsthaftigkeit verloren. Spätestens, als der designierte Kanzler sich in einer Staatsopern-Aufführung demonstrativ neben Berlins Kultursenator Joe Chialo setzte und damit dessen asoziales Kultur-Kettensägenmassaker in der Hauptstadt rechtfertigte (inklusive seines Umgangstones mit den Kulturschaffenden vor Ort). 

Dass Kulturpolitik für Merz keine Herzensangelegenheit ist, sondern ein machtpolitisches Schachspiel, wie man es (würde man Theaterstücke überhaupt lesen) bei Macbeth lernen könnte, zeigt sich auch daran, dass der König seinen Vasallen Chialo, den er publikumswirksam durch den Wahlkampf geschliffen hatte, nun – man möchte fast sagen wie einen »Hofnarren« – fallengelassen hat. Für einen anderen, der am Ende genau so wenig Regierungserfahrung hat wie der Kanzler selber. 

Das neue Rechts

So wie der Universal-Manager Chialo das Rammstein-Marketing als Kultur begriffen hat, versteht Weimer sein kleines Medienimperium als Ansammlung von Polit- und Wirtschafts-»Feuilletons«. Erst der Cicero als Gemeinschaftsproduktion mit dem Schweizer Verlagshaus Ringier, dann The European, Markt und Mittelstand oder Business Punk als neue Marken der neuen Weimer Media Group

Dabei lässt sich der Erfolg des Blattmachers Weimer durchaus anzweifeln: Weimer hat Welt und Morgenpost zwar im Auftrag von Mathias Döpfner fusioniert, dabei aber auch beide Auflagen in den Keller gefahren, sein Gastspiel beim Focus war ebenfalls nur von kurzer Dauer und wenig Erfolg gekrönt. Das mag daran liegen, das Weimers Medien-Kultur in Wahrheit inhaltslos ist: Die Behauptung des erzkonservativen Dagegenhaltens wirkt ebenso konstruiert, wie wie seine Ablehnung der AfD.

Neokonservatives NoGo

Doch genau die könnte Merz auf den Schattenkandidaten Weimer gebracht haben: Da ist einer, der den rechten Rand bedient und gleichzeitig daran glaubt, die Brandmauer nur öffnen zu müssen, um verlorene Seelen zurück zu holen. Es ist nicht davon auszugehen, dass es ausgerechnet in der Kulturpolitik klappen wird.  

Den treffendsten Satz, der gleichzeitig auch schon die neue Koalition in Frage stellen dürfte, hat Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda auf Bluesky abgesetzt: »Es ist mal wieder Zeit daran zu erinnern, dass Kulturpolitik keine Aufgabe des Bundes ist. Die Länder sind in der Verantwortung – und wir werden sie jetzt auch wahrnehmen müssen. Inhaltlich und strategisch. Neokonservative Parolen sind das letzte, was unsere Kultur jetzt gebrauchen kann.«  

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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