Was ist dran an den Vorwürfen gegen Dudamel?

August 8, 2024
3 mins read
Hugo Chávez mit Gustavo Dudamel und dem Erfinder von El Sistema, José Antonio Abreu.

Die Human Rights Foundation in New York protestierte vor der Carnegie Hall gegen Gustavo Dudamel. Ihm wird vorgeworfen, sich nicht genug von den Diktatoren in Venezuela losgesagt zu haben.

Gustavo Dudamel ist im musikalischen System von Hugo Chávez groß geworden. Er hat vom Propaganda-Musik-Programm »El Sistema« profitiert und war einer der Sargträger bei der Beerdigung des Diktators. Erst auf Druck hatte Dudamel vor einigen Jahren Chávez’  Nachfolger, Nicolás Maduro, sanft kritisiert – in einer Video-Botschaft.   

Nun protestiert unter anderem die Human Rights Foundation gegen den designierten Chefdirigenten des New York Philharminic Orchestra. Letzte Woche gab es Demonstrationen bei einem Konzert Dudamels vor der Carnegie Hall.

Tatsächlich hat Dudamel das System Chávez und dessen Nachfolgeregierung mit Präsident Maduro jahrelang unterstützt und sich grundlegend geweigert, Menschenrechtsverletzungen oder Misswirtschaft anzuprangern. Mehr noch: Dudamel war eine der wichtigsten Propaganda-Figuren des Systems: Gemeinsam mit dem Simon Bolivar Jugendorchester hat er zum Tag der Jugend in Venezuela aufgespielt, während die Polizei auf den Straßen von Caracas zahlreiche Demonstranten brutal niederknüppelte. 

Dudamel dirigiert bei der Beerdigung von Chávez

Dudamel persönlich dirigierte bei der Beerdigung Chávez’ und bot sich als Sargträger des umstrittenen Politikers an. Chavez hatte sein Volk durch Repressalien und die Einschränkung politischer Freiheiten in Schach gehalten. Nach seinem Tod eskalierte die Situation: die Armut wuchs, die soziale Ungerechtigkeit wurde unüberwindbar, das Militär knüppelt Aufständische nieder. Zu all dem schwieg Dudamel.

Dudamel hat viele Kritiker

Viele Menschen haben Dudamel seit Jahren aufgefordert, Position zu beziehen und sich vom diktatorischen System loszusagen. Selbst als andere Musiker, allen voran die Pianistin Gabriela Montero, ebenfalls ein Kind des »Sistema«, Dudamel öffentlich aufforderten, sich zur Demokratie zu bekennen und sich vom Chávez-System loszusagen, kam dem Dirigenten lediglich der sparsame Satz über die Lippen, dass er doch nur ein Musiker sei, und dass Politik nicht zu seinen Aufgaben gehöre. Das war um so absurder, da Dudamel sich immer wieder in den politischen Dienst der Regierung seines Landes stellen ließ. Montero musste mit zahlreichen Repressalien leben, ihre Tourneen in Südamerika wurden kurzfristig abgesagt, ihre Familie in Venezuela stand unter Beobachtung. Ihre große Hoffnung: Ein Wort von Gustavo Dudamel. Der aber schwieg bis zuletzt.


Unterstützen Sie den unabhängigen Klassik-Journalismus von BackstageClassical mit einer Spende


Immer größer wurde auch die öffentliche Kritik am einst gefeierten Sozialprojekt des Landes, am »El Sistema«, dem musikalischen Bildungssystem, das angeblich arme Kinder aus den Slums die Möglichkeit gab, durch Musik an Selbstwert zu gewinnen. Zeitungen und ehemalige Orchester-Mitglieder berichteten, dass das Sozial-Märchen eine einziges Propagandalüge sei, dass die Kinder und Jugendlichen bewusst für die Sache der Regierung zu spielen hatten. Auch Vorwürfe des Machtmissbrauches tauchten immer wieder auf. Darüber schwieg Gustavo Dudamel ebenfalls und dirigierte das Simon Bolivar Jugendorchester in der ganzen Welt. Das Ensemble war etwa bei den Salzburger Festspielen eine Art Vorgänger von MusicAeterna: Ein unkonventionelles Orchester. Es dauerte, bis man in Österreich ebenfalls skeptisch wurde, ob es sich hier nicht um perfekte Musik-Propaganda handelte.

Dudamel hat gesprochen – aber vorsichtig

2017 hatte Dudamel seine Stimme dann doch erhoben – zu einem Zeitpunkt, da es längst opportun war, die venezolanische Regierung zu kritisieren. In einer Zeit, da ein Großteil der Jugendlichen auf der Straße demonstrierte, da die politische Führung in der Krise steckte, da Bilder von geschlagenen und gedemütigten Demonstranten um die Welt gingen, da die Perspektive für das Land und die Regierung eher aussichtslos erschien. Und, ja, auch die Worte, die Dudamel damals wählt, lassen sich sicherlich kritisieren: Keine konkrete Abrechnung mit den politischen Verantwortlichen, keine Distanzierung von der Regierung – lediglich die Aufforderung Milde und Humanismus walten zu lassen. Kein Wort zum »El Sistema«, keines über die eigene Rolle des Dirigenten in der Vergangenheit, kein Eingestehen von eigenen Fehlern und kein Rückblick in Reue.

Und auch am Vorwurf der Human Rights Foundation ist etwas dran. Die kritisiert etwa, dass das System Chávez mit RCTV den letzten freien Fernsehsender schloss und stattdessen den Propagandasender TVES gründete – zur feierlichen Eröffnung spielte Gustavo Dudamel.

Es ist davon auszugehen, dass seine venezolanische Vergangenheit den Dirigenten in New York noch einmal einholen wird. Er steht erneut vor dem Spagat, seine größten Förderer, das politische System von Chávez nicht zu verraten und gleichzeitig glaubhaft im westlichen Musikzirkus zu bleiben. 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Harding für Dudamel in LA

Der britische Dirigent Daniel Harding wird neuer Musikdirektor des Los Angeles Philharmonic und übernimmt die Nachfolge des Venezolaners Gustavo Dudamel.

Die Kultur des Anstands

Unser Newsletter: Heute mit bösen Kriegstreibern, guten Abgängen, einem traurigen Verlust, perversen Abfindungen und entspannten Spaziergängen durch Salzburg und Bayreuth. 

Glanz und Elend à la Bartoli

Zwischen funkelndem Rossini, poetischem Monteverdi und einer erschreckend missglückten Gala schwankt Salzburgs Reise-Motto zwischen Höhenflug und Bruchlandung – ausgerechnet im Jubiläumsjahr der Intendantin.

Er schenkte der Musik die Bilder

Er hat nicht nur die Drei Tenöre in Szene gesetzt, sondern die gesamte Musikwelt von New York bis Wien. Nun ist Regisseur Brian Large im Alter von 87 Jahren verstorben.

Liebes Playmobil,

Der fränkische Spielehersteller feiert die fränkischen Richard Wagner Festspiele! Das macht Sinn. Kann aber nur ein Anfang sein.

Was wollen Sie eigentlich, Milo Rau?

Milo Rau hat den Festwochen das Label Freie Republik Wien verpasst. Darüber debattiert Festival-Leiter Milo Rau im Podcast mit Falter-Kulturchef Matthias Dusini und Axel Brüggemann – Moderator ist Raimund Löw.

Chan Francisco

Elim Chan wird ab September 2027 neue Musikdirektorin des San Francisco Symphony. Die Dirigentin ist bereits designiert und steht Anfang Juni erstmals in neuer Funktion am Pult.

Liebes Utopia-Orchester,

Das Utopia Orchester hat ein neues Video auf Instagram veröffentlicht – Currentzis wirkt hier ein wenig wie der alte Karajan.

Gewandhaus-Radio im Fokus der Medienaufsicht

Die Sächsische Landesmedienanstalt prüft das Gewandhaus-Radio: Ist der Sender unabhängiges Klassikangebot oder PR-Instrument eines städtischen Orchesters? Die Vorwürfe wiegen schwer – und könnten grundsätzliche Fragen der Rundfunkordnung berühren.

Verpassen Sie nicht ...