Lieber Yunchan Lim,

Januar 20, 2026
1 min read
Yunchan Lim (Foto: Holecrop, IMG)

Du bist 22 Jahre jung, spielst Klavier mit den größten Orchestern der Welt und sagst: »Ich habe beschlossen, mein Leben nur für die Musik zu leben und alles für die Musik aufzugeben.« Alter Verwalter, tu das nicht! Weißt Du, Yunchan, Musikmachen ist nicht das exakte Treffen einer Taste mit dem richtigen Anschlag zur rechten Zeit. Musikmachen bedeutet, Musik zu SPIELEN! Wer dem Leben entsagt, kann nicht spielen. Und schon gar nicht Klavier!

Mozart war ein liebenswerter Hurensohn, Wagner ein leidenschaftlicher Wurstfresser (bevor er Vegetarier wurde), Puccini liebte Zigaretten, schnelle Autos und so allerhand andere Sachen, die Du vielleicht noch kennenlernen wirst! Ganz zu schweigen von Schumann, Schubert und Chopin! 

Du sagst: »Ich möchte, dass meine Musik tiefer wird!« Aber Musik wird nicht tiefer vom Üben. Üben schleift lediglich das Handwerk. Aber jeder Maurer ist schlecht, wenn er nicht weiß, wofür er seine Mauer hochziehen soll. Sechs Stunden am Klavier sind weniger wert als eine Stunde auf dem Bolzplatz, mit der Familie im Chaos, mit der Morgenröte auf einem Berg, beim Sturm am Meer oder mit den Krümeln eines Croissants im Bett. 

Yuchan, Musik erzählt von Sehnsucht, von Trauer, von Liebe, von der Natur, vom Leben und vom Tod. Es gibt kein Musikstück über das Üben. Kunst ist die Abweichung von der Perfektion. Kunst ist, wo der Mensch lebt, wo er schwitzt, stinkt, lacht, pupst, weint, zittert oder sich vergisst. 

Musiker sind keine Mönche, Yuchan. Musiker müssen das Leben kennen. Wenn Deine Musik tiefer werden soll, darfst Du Dein Leben nicht für die Musik aufgeben. Du bist erst 22, Yuchan – lebe! Spiele. Und mache dann Musik.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Die verlorene Generation

Große Orchester engagieren schillernde Stars, die Erfahrung wird zweitrangig. Ältere Dirigenten schauen in die Röhre. Jahrelange Erfahrung jenseits der Metropolen ist weniger gefragt als Glamour und Jugend.

Kerschbaum‑Prozess: LIVA bleibt vorerst Siegerin

Das Landesgericht Linz hat in einem nicht rechtskräftigen Teilurteil die Forderung des entlassenen LIVA‑Geschäftsführers Dietmar Kerschbaum auf Kündigungsentschädigung von über einer Million Euro abgewiesen. Das Landesgericht Linz als Arbeits- und Sozialgericht hat

Heilker in Leipzig bestätigt

Die Oper Leipzig bekommt einen neuen Intendanten: Der Stadtrat bestätigte am Dienstag den derzeitigen stellvertretenden Intendanten des MusikTheater an der Wien, Peter Heilker, für die Spielzeit 2028/29.

»Es war Mord« – Bachmanns Malina als Oper

Mit Ingeborg Bachmanns »Malina« wagen sich die Schwetzinger SWR Festspiele an einen der rätselhaftesten Texte der Nachkriegsliteratur. Aus dem fragmentarischen Bewusstseinsstrom formt das Komponistenduo eine atmosphärisch dichte Oper.

Ein Kopfstand für die Staatskapelle

Wie Peter Gülke die Stasi verwirrte. Ein schmunzelnder Nachruf von MDG-Chef Werner Dabringhaus. English summary: Obituary for conductor and scholar Peter Gülke highlights his profound impact on music and thought. Werner Dabringhaus

Mangelverwaltung in der Schlangengrube

Heute mit der Mangelverwaltung in der Berliner Kultur-Schlangengrube, der Opern-Krise in Saudi-Arabien, einem aufgekratzten Klassik-Begeisterer und dem Innovations-Vorbild Schweden.  

La Fenice trennt sich von Beatrice Venezi

Nach monatelangem Streit beendet das Teatro La Fenice in Venedig die Zusammenarbeit mit der designierten Musikdirektorin Beatrice Venezi. Auslöser sind scharfe öffentliche Äußerungen der Dirigentin über das Orchester; sämtliche Projekte werden gestrichen.

Liebe Karin Bergmann,

Karin Bergmann hält an Teodor Currentzis bei den Salzburger Festspielen fest. Warum das ein Fehler ist. Ein Brief an die Intendantin.

Das Ende der Kulturpolitik

Der Rücktritt von Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson ist konsequent. In Wahrheit aber ist er mehr als das politische Aus einer Politikerin. Er ist der Anfang vom Ende der alten Kulturpolitik in der

Verpassen Sie nicht ...