Tobias Kratzer erzählt Wagners »Siegfried« in München als Coming-of-Age-Soap zwischen Späti, Mikrowelle und Opernfoyer. Vladimir Jurowski entfaltet eine eigene Klangwelt, Benjamin Bruns begeistert als Titelheld. Ein Abend, der zeigt, wie vielfältig Wagner heute wieder sein kann. Kurzweilig. Klug. Kratzer.
English summary: Tobias Kratzer turns Wagner’s »Siegfried« in Munich into a coming-of-age soap opera set between a corner shop, a microwave and the opera house foyer. Vladimir Jurowski creates a sound world of his own, while Benjamin Bruns shines in the title role. An evening that shows just how diverse Wagner can be today. Entertaining. Clever. Kratzer.
Wir können es ganz schnell machen: Für Tobias Kratzer ist »Siegfried« die Coming-of-Age-Story eines Kindes, das von seinem Ziehvater in einer Drei-Zimmer-Jack-Wolfskin-Realität aufgezogenen wird.
Siegfrieds Erweckung und »Erwachsenwerdung« beginnt, wenn er das Schwert Nothung (mit Hilfe seines – im wahrsten Sinne des Wortes – »Alter Egos«, dem Tenor Benjamin Bruns) geschmiedet hat. Dann zieht er mit Dino-Schulranzen, Universum-Nachtkugel und einer Möhre für das Ross Grane in die Schlacht.
Das Fürchten soll er dann vor einem Späti («Super Shop«) in einer gottvergessenen Banlieue kennenlernen, der Drache kriecht mit allerhand Qualm und Feuer aus dem Treppenhaus, und Brünnhilde wird kurzerhand aus dem Opernfoyer der Bayerischen Staatsoper befreit.
Nothung und der Mixer
Noch etwas? Ah ja: Mime mixt seinen Gifttrank im Elektromixer, das Schwert wird in der Mikrowelle geschmolzen, und der Wanderer ist so freundlich und bringt noch schnell den Müll runter. Kurzum: Kurzweilig. Klug. Kratzer.
Aber dieser Abend erzählt auch eine längere Geschichte. Und die handelt davon, dass wir uns in einer Zeit befinden, in der Wagnerianer endlich mal wieder auf ganz unterschiedliche Art auf ihre Kosten kommen. So viel musikalische, stimmliche und szenische Vielfalt wie heute war selten!
Beginnen wir mit der Musik: Münchens GMD Vladimir Jurowski arbeitet an einer ganz eigenen Klangsprache bei Wagner: Federnd ist hier alles, miteinander verbunden, episch, ohne verkitscht zu werden. Auf der einen Seite scheint Jurowski jedes Leitmotiv in die Luft zu recken, gleichzeitig schafft er aber fließende Verbindungen. Die Interpretationsidee ist eher klassisch-romantisch, aber die Ausdünnung und Konzentration des Dirigats lässt das Alte vollkommen neu – und auch modern – erscheinen.
Jurowskis Mittelweg
Oft wird es an kleinen Sequenzen deutlich, wie im ersten Aufzug, in der Verwandlungsmusik zwischen dem Abtritt des Wanderers und dem erneuten Auftritt Siegfrieds. Jurowski schattiert das Licht hier durch die Geigen, Holzbläser und Hörner. Das Waldlicht wandelt sich hier in bedrohliches Schimmern, bis die Tuben mit Fafners Bedrohung übernehmen. Selten hört man dieses Zwischenspiel derart als Zeitkapsel, und sofort wird klar, dass hier eine merkwürdige Zwischenwelt zwischen Siegfrieds Ab- und Auftritt entstanden ist.

Wenn man bislang glaubte, dass Thielemanns Bauch-Wagner und Petrenkos Analyse-Wagner die Gegenpole sind, so schreibt sich ein Jurowski (ebenso wie Pablo Heras-Casado) irgendwo dazwischen ein: Auf der einen Seite im vollen Bewusstsein der alten, thielemannschen Klangtradition, auf der anderen auf der Suche nach anderen, parallelen Erzählschichten, die bei Heras-Casado in erster Linie Farben, bei Jurowski schlank geführte, dramatische Erzähllinien sind.
Homogenes Ensemble
Und auch was die Wagner-Stimmen betrifft, lässt München durchaus aufhorchen. Allen voran Benjamin Bruns’ Debüt-Siegfried. Hier waren die großen Gegensätze bislang Klaus Florian Vogt und Andreas Schager. Der eine: eine kultivierte, schlanke, eher kleine, aber spitze Stimme, die durch Klugheit und Technik nie in Gefahr gerät. Der andere: ein Heldentenor mit Gondelbahnseilen als Stimmbänder. Ein zum Teil undressierbares Naturereignis.
Benjamin Bruns bewegt sich wohltuend dazwischen: ein Heldentenor mit viel Bruststimme, mit wunderschönen, problemlosen Höhen und vor allen Dingen: mit sehr lyrischer Gestaltung und großartiger Diktion. Wenn er seine Karriere ebenso besonnen und klug führt wie seine Stimme, ist Bruns der Siegfried der kommenden Jahre!
Überhaupt hat München ein sehr homogenes Ensemble auf die Bühne gebracht: Matthias Klink singt den Mime vollkommen ohne Schmierigkeit, sondern als jemanden, dem man den alleinerziehenden Vater abnimmt – und dessen böses Spiel sich erst langsam entblättert.
Nicholas Brownlee ist ein souveräner Wanderer (auch hier wieder mit schwarzem Kratzer-Cappy und einer Götterburg, in der seine »Gladiatoren« an Fitnessgeräten trainieren). Ein Gott, der seine Autorität nie vokal in den Vordergrund stellt, dafür aber walhallhafte Klangkultur hören lässt. Dunkel und bedrohlich ist der Kapuzenpulli-Alberich von Georg Nigl: ein dramatischer Bassbariton, dessen Stimme gut in die von Kratzer aufgebaute dunkle Großstadtecke passt.
Das Empathietheater geht weiter
Strömend und weich die Erda von Wiebke Lehmkuhl, und dann ist da noch Simone Schneider als Brünnhilde. Man hört ihr noch ein wenig den Übergang von der Sieglinde über die Gutrune und Senta ins brutale Heldinnenfach an. Aber sie muss niemals kämpfen, stößt an keine Grenzen und gibt der Brünnhilde auch eine neue Weichheit, eine durchaus spannende Zärtlichkeit, in die nur noch ein wenig mehr Metall fließen könnte.
Und die Regie von Tobias Kratzer? Wir haben hier einen ganzen Essay über sein neues Empathietheater verfasst. Und in seinem Hamburger »Macbeth« könnte man auf die Idee gekommen sein, dass seine gesamte Energie gerade in den Münchner »Ring« fließt. Und das tut sie zum großen Teil wohl auch.
Schon »Rheingold« und »Walküre« sollen sowohl breites Entertainment wie auch Schnitzelsuche für Profi-Wagnerianer gewesen sein. Und genau da macht Kratzer nun auch weiter: Sein »Ring« ist Unterhaltungs-Soap und kluge Wagner-Exegese zur gleichen Zeit. Und auch hier ist wieder ein Einpendeln früherer Antipoden zu beobachten. Während jemand wie Kirill Serebrennikov bei seinem Salzburger Oster-»Rheingold« an die Mythos-Suche anknüpft, die ein Schlingensief in Bayreuth mit seinem »Parsifal« erfunden hat, steht Kratzer eher in der Linie eines Frank Castorf. Als sich im zweiten Aufzug die hyperrealistische Straßenszenerie (Bühne: Rainer Sellmaier) offenbarte, waren die Assoziationen zu Castorfs Alexanderplatz offensichtlich.
The End is near
Aber während Castorf noch im Eklektizismus badete und den »Ring« als Kapitalismuskritik im Ölzeitalter erzählte, holt Kratzer seinen »Ring« zurück auf den Boden unserer Tatsachen.
Von Mimes Dreizimmerwohnung, in der Vater und Sohn ihre Konflikte austragen, über die dunklen Gassen bis ins kahle Walhall und den »Feuerfelsen« im Opernfoyer sucht Kratzer nach der »Siegfried-Psychologie«. Lustigerweise bleibt er im eigentlich »lustigen« ersten Aufzug dabei oft eher humorlos, während er im spannungsvollen zweiten Aufzug (Drachenkampf!) dann wieder auf allerhand Slapstick setzt – bis hin zu einem Bettler, der ein Schild mit der Aufschrift hochhält: »The End of the World is Near«, und auf der anderen Seite: »Only Wotan Can Save Us.«

Dazwischen sehen wir das inzwischen groß gewordene Adoptivkind mit hellblauer und blutverschmierter Adidas-Jacke und seinen ganzen Kinderhoffnungen. Wagners Naturbursche wird hier zu jenem »kindlichen Helden«, zum »Törichten«, den Brünnhilde am Ende umarmt. Diese letzte Szene gerät ein wenig zum Aktionismus, wenn Kratzer die beiden Liebenden im Scheine der Universum-Gute-Nacht-Kugel Kinderbilder mit Fingermalfarben an die Glasspiegel des Foyers malen lässt: Sonne, Wasser (Rhein) und Monster. Ein Rekurs auf das vermeintlich naive Kinderbild, das bereits im Vorspiel die Bühne verbirgt und mit fetter Tusche die Gebrauchsanweisung für den Abend aufpinselt.
Am Ende des Abends rücken dann zunächst die Walküren an, um Brünnhilde vom Liebestaumel abzuhalten – erfolglos. Danach kommen Alberichs Mannen, um Siegfried aufzuspüren – ebenfalls erfolglos. Denn der schwebt schon mit Brünnhilde auf Kinder-Wolke 7. Kratzer hat also genügend Cliffhanger aufgebaut, die Lust machen auf den letzten Teil seiner »Ring«-Soap-Opera, auf die »Götterdämmerung«.
Transparenzhinweis: Der Autor hat letzten Sommer das Open Air der Bayreuther Festspiele mit Benjamin Bruns moderiert.

