Tugan Sokhiev dirigiert erstmals das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Das Programm erinnert an Josef Strauß, hat historische und politische Bezüge und öffnet sich zaghaft für Frauen.
Der russische Dirigent Tugan Sokhiev wird am 1. Januar 2027 erstmals das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker leiten. Im Mittelpunkt des Programms steht der 200. Geburtstag von Josef Strauß. Neben bekannten Walzern und Polkas gibt es vier Erstaufführungen, darunter erstmals ein Werk der französischen Komponistin Cécile Chaminade. Auch die Wiener Chormädchen sind bei zwei Stücken zu hören.
Das Programm hat durchaus politische Untertöne. Eröffnet wird das Konzert mit dem »Vaterländischen Marsch« von Johann und Josef Strauß, der 1859 während des Krieges Österreichs gegen Sardinien-Piemont und Frankreich entstand und patriotischen Zwecken diente. Am Ende des offiziellen Programms steht Johann Strauß’ Polka »Éljen a Magyar!« (»Es lebe der Ungar!«), die 1869 im Umfeld des erstarkten ungarischen Nationalbewusstseins entstand.
Zwischen diesen beiden Werken erklingt auch ein Walzer aus Tschaikowskys »Dornröschen«. Sokhiev war bis 2022 Musikdirektor des Moskauer Bolschoi-Theaters und gab seinen Posten nach dem russischen Angriff auf die Ukraine auf. Die politischen Bezüge des Programms sind damit zumindest bemerkenswert. Eine bewusste politische Aussage der Wiener Philharmoniker lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.
Auch die Öffnung für Frauen bleibt zaghaft. Mit Cécile Chaminades »Air de Ballet« steht erstmals ein Werk dieser Komponistin auf dem Programm. Die Wiener Chormädchen dürfen bei zwei Polkas mitsingen. Gemessen an der langen Geschichte des Neujahrskonzerts sind das kleine Schritte. Eine Dirigentin hat das traditionsreiche Konzert bislang noch nie geleitet. Die Wiener Philharmoniker setzen weiterhin eher auf behutsame Veränderungen als auf einen wirklichen Aufbruch.
Musikalisch bleibt das Orchester seiner Tradition weitgehend treu. Die politische Entstehungsgeschichte mancher Werke zeigt allerdings, dass die vermeintlich unbeschwerte Walzerseligkeit des Neujahrskonzerts keineswegs immer so unpolitisch war, wie sie heute erscheint.

