Am 2. November wäre Giuseppe Sinopoli 80 Jahre alt geworden. 2001 starb der Dirigent während einer Aufführung von Verdis »Aida«. Damals hatte er einen Text über Freundschaft, Versöhnung und Vergänglichkeit geschrieben. Eine nostalgische Erinnerung.
»Du und diese Stadt … das Schicksal sei Euch gnädig, und im Wohlergehen erinnert Euch immer mit Freude an mich, wenn ich tot sein werde.«
Es sind die letzten Worte eines Textes, den Giuseppe Sinopoli für eine Aufführung von Verdis »Aida« an der Deutschen Oper Berlin geschrieben hatte. Sie stammen aus Sophokles’ »Ödipus auf Kolonos« – gedacht als Erinnerung an den verstorbenen Regisseur Götz Friedrich. Wenige Stunden später war Sinopoli tot.
Am 20. April 2001 dirigierte er »Aida« an der Deutschen Oper Berlin. Im dritten Akt brach er am Pult zusammen – Herzinfarkt mit 54 Jahren.
Was von diesem Abend blieb, ist ein ungewöhnliches Dokument: ein persönliches Vorwort, das Sinopoli für die Aufführung verfasst hatte. Es trägt den Titel »Aida für Götz Friedrich«.
Schwierige Freundschaft
Sinopoli und Friedrich verband eine lange künstlerische Zusammenarbeit, aber ihre Beziehung war konfliktreich. 1990 sollte Sinopoli Generalmusikdirektor der Deutschen Oper werden. Noch vor seinem Amtsantritt kam es zum öffentlichen Streit mit Friedrich. Die Zusammenarbeit scheiterte.
Jahrelang hatten die beiden keinen Kontakt. Erst im Frühjahr 1999 besuchte Friedrich den Dirigenten in Rom. Sie sprachen über Alban Bergs »Wozzeck«, über Ernst Bloch, über Utopien und Hoffnung. Es waren Themen, die beide schon früher beschäftigt hatten.
In seinem Vorwort beschreibt Sinopoli, dass beide eine radikale Betrachtungsweise menschlicher Existenz geteilt hätten: kompromisslos und ohne Einschränkungen. Und gerade diese Unnachgiebigkeit sei ein Grund für ihre Schwierigkeiten gewesen.
In Rom äußerte Friedrich den Wunsch, dass er vor seinem Abschied von der Deutschen Oper noch einmal gemeinsam mit Sinopoli zusammenarbeiten wollte – an jenem Theater, an dem sie so viele Jahre miteinander gestritten und Musik gemacht hatten.
Sinopoli erinnert sich an die Umarmung der beiden Männer: »Ich umarmte ihn wie in alten Zeiten. Es war ein Augenblick großer Ergriffenheit.«
Die letzte gemeinsame Oper
Aus dieser Begegnung entstand die Idee für Verdis »Aida«. Aber Götz Friedrich erlebte seine Rückkehr nach Berlin nicht mehr. Er starb am 12. Dezember 2000. Sinopoli hielt aber an der geplanten Aufführung fest. Als Erinnerung an den verstorbenen Freund.
In seinem Vorwort beschreibt er, was beide am Theater gesucht hatten: jenen Augenblick, in dem Musik und Szene über das bloße Aufführen hinausgehen. Sinopoli bezieht sich auf Nietzsche und die dionysische Kraft der Kunst. Zugleich beschäftigt ihn die Vergänglichkeit, die jedem künstlerischen Augenblick eingeschrieben ist.

Es sind Gedanken, die zu einem Dirigenten passen, der sich nie allein mit der musikalischen Oberfläche zufriedengegeben hatte. Sinopoli hatte Medizin studiert, sich mit Psychiatrie beschäftigt und neben seiner musikalischen Karriere Archäologie studiert. Er wollte verstehen, warum Musik wirkt. Und was sie über den Menschen erzählt.
Ein Text über Vergänglichkeit
Sinopolis Vorwort ist die Erinnerung an einen verstorbenen Freund. Er erzählt von gemeinsamen Überzeugungen, von Streit und Versöhnung. Und davon, wie eng Kunst und Vergänglichkeit für ihn zusammengehörten.
Die schwierigen Jahre, die Auseinandersetzungen und Verletzungen waren für ihn ebenfalls Teil der Freundschaft. So entstand ein sehr persönlicher Text für ein Opernprogramm.
Sinopoli war ein Dirigent der Extreme. Einer, der Partituren nicht einfach zum Klingen bringen, sondern sie durchleuchten wollte. Seine Interpretationen waren analytisch, manchmal geradezu sezierend, dann wieder von rauschhafter Intensität.
Besonders in den Werken von Mahler, Strauss und Wagner suchte er nach den Brüchen, den Abgründen, den verborgenen Schichten der Musik. Sein Dirigieren war selten gefällig, oft umstritten, manchmal verstörend. Er konnte Orchester zu einer fast schmerzhaften Klangschönheit führen, aber auch die Zerbrechlichkeit hinter dem großen Pathos freilegen. Sinopoli wollte nicht nur zeigen, wie Musik klingt, sondern warum sie uns erschüttert.
Seine vielleicht engste musikalische Heimat fand Sinopoli in Dresden. Seit 1992 leitete er die Sächsische Staatskapelle, jenes Orchester, das den Klang von Richard Strauss wie kaum ein anderes in seiner DNA trägt. Die Musiker erinnerten sich an Proben, die manchmal eher philosophischen Vorlesungen glichen. Sinopoli erklärte Schumann mit Hölderlin, sprach über Literatur, Psychologie und die Abgründe des Menschen.
Morgens studierte er in seinem Hotelzimmer Archäologie, danach stand er am Pult. In Dresden wurde aus dem analytischen Außenseiter ein Orchesterchef, der eine tiefe menschliche Bindung zu seinen Musikern entwickelte. Kurz vor seinem Tod hatte er bereits einen Vertrag unterschrieben, um auch die musikalische Verantwortung für die Semperoper zu übernehmen. Es sollte nicht mehr dazu kommen.
»Aida« war für Sinopoli aus verschiedenen Gründen wichtig: Mit dieser Oper hatte er seine Karriere als Operndirigent 1976 in Venedig begonnen. Nun also die Rückkehr nach Berlin. Die Aufführung sollte seine letzte werden.
Am Ende seines Vorworts stellt Sinopoli sich vor, wie Götz Friedrich ihn an diesem Abend zum Dirigentenpult begleitet. Und wie der verstorbene Freund noch einmal die Worte des Ödipus aus Sophokles’ »Ödipus auf Kolonos« spricht.
Giuseppe Sinopoli konnte nicht wissen, dass er wenige Stunden später selbst sterben würde. Er hatte über den Tod seines Freundes geschrieben, über das Theater und die Vergänglichkeit. Im Nachhinein liest sich sein Text wie eine Vorahnung, die keine war.
Der letzte Satz gilt Götz Friedrich. Heute klingt er auch wie ein Abschied Giuseppe Sinopolis:
»Du und diese Stadt … das Schicksal sei Euch gnädig, und im Wohlergehen erinnert Euch immer mit Freude an mich, wenn ich tot sein werde.«

