Dirk Kaftan ruft am Rhein um Hilfe, in Berlin und Sachsen protestieren Künstler gegen Kürzungen. Doch wo bleibt das Publikum? Für wie relevant hält es die Kultur wirklich? Und was, wenn die Gesellschaft längst nicht mehr alle Kulturinstitutionen in ihrer bisherigen Form erhalten will?
English summary: Dirk Kaftan calls for help from the banks of the Rhine, while artists in Berlin and Saxony protest against funding cuts. But where is the audience? How relevant does the public really consider culture to be? And what if society is no longer willing to preserve every cultural institution in its current form?
Das Insta-Reel wirkt irgendwie traurig: Dirk Kaftan steht am Rhein. Hinter ihm fließt das Wasser, über den Ufern prangt eine Burg. Ein Schiff kreuzt das Bild. »In Bonn ist Sturm!«, sagt der Generalmusikdirektor des Beethoven Orchesters und liest seinen Text offenbar vom Teleprompter ab. »Ruf vom Rhein!« ist sein Video überschrieben. »Wir stehen vor einem Kipppunkt«, heißt es, und Kaftan warnt: »Die Schließung ganzer Häuser wird diskutiert.«
Es folgt eine Bestandsaufnahme. Die Konzerte seines Orchesters seien zwar überdurchschnittlich gut besucht, trotzdem drohten Einsparungen – überall. Das Kulturbiotop der Stadt sei in Gefahr! Und es wäre nun an der Zeit, dass das Publikum seine Stimme erhebt.
Tatsächlich ist die Lage in Bonn sehr ernst. Und vielleicht haben Kaftan, Operndirektor Bernhard Helmich und Beethovenfest-Intendant Steven Walter einfach auch zu lange einen Kuschelkurs gefahren – zuletzt noch in einem Essay, der auch bei BackstageClassical unter dem Titel »Bonn braucht klugen Atem« veröffentlicht wurde. Kaftan hat erst vor Kurzem verlängert, Helmich ebenfalls. Ihre Posten sind gerettet. Nun aber geht es ums Ganze! Inzwischen wird sogar über die Abschaffung der Schauspielsparte diskutiert.

Und Bonn ist kein Einzelfall. Überall in Deutschland geraten Theater und Orchester unter Druck. In Düsseldorf wurden die Pläne für einen Opernneubau aus finanziellen Gründen gestoppt. In Ingolstadt schlägt die Krise bei Audi auf die Gewerbesteuereinnahmen und damit auf die Kultur durch, und in Sachsen sollen die Landesmittel für kommunale Theater und Orchester um zehn Prozent gekürzt werden.
Wo bleibt das Publikum?
Der Chemnitzer Generalintendant Christoph Dittrich warnte im Gespräch mit BackstageClassical vor den Folgen. Seine Stadt will zwar alle fünf Sparten erhalten, Beschäftigte sollen aber auf Teile ihrer Vergütung verzichten. Dittrich kämpft um den gesellschaftlichen Auftrag seines Hauses. Theater seien Orte des Widerspruchs, der Bildung und der öffentlichen Debatte, sagt er. Indem er Theater und Kultur in erster Linie gesellschaftlich und politisch begründet – und nicht durch Auslastungszahlen legitimiert – und indem er warnt, dass finanzielle Abhängigkeit irgendwann auch die Freiheit der Kunst gefährden könnte, argumentiert Dittrich anders als Kaftan.
Dabei wäre es ungerecht, Kaftan zu unterstellen, dass er sich nur um den Erhalt seines Orchesters kümmert. Im Gegenteil: Er versucht seit Jahren, mit neuen Formaten und Vermittlungsangeboten die Stadtgesellschaft zu erreichen. Vielleicht ist sein Hilferuf gerade deshalb so bemerkenswert. Wenn selbst ein Dirigent, der sein Orchester öffnet, am Ende am Rhein steht und um Unterstützung bittet, scheint gute künstlerische Arbeit allein nicht mehr auszureichen.
Aber auch in Sachsen sind es in erster Linie die Kulturschaffenden selbst, die auf die Straße gehen. Anfang Oktober standen rund 1.000 Menschen vor der Dresdner Semperoper – zum großen Teil Theaterangestellte. In Berlin war es ähnlich, als der Senat 2025 rund 130 Millionen Euro im Kulturhaushalt strich. Auch hier gingen in erster Linie Künstler, Orchestermusiker, Theaterbeschäftigte und Vertreter der freien Szene auf die Straße – rund 2.500 Menschen beteiligten sich auf dem Höhepunkt an einem »Trauermarsch«.
Auch damals stellte sich bereits die Frage: Wo waren die Menschen, die sonst in die Konzerte und Theater gehen?
Die Illusion der Systemrelevanz
Die Frage erinnert an die Corona-Zeit. Viele Künstlerinnen und Künstler erklärten ihre Arbeit für »systemrelevant«, als Theater, Opernhäuser und Konzertsäle geschlossen wurden. Sie wollten auf eine Stufe mit jenen gestellt werden, die das öffentliche Leben tatsächlich am Laufen hielten – und fanden sich am Ende doch auf der Ebene von Fitnessklubs wieder.

In der Pandemie haben wir gelernt: Kunst ist für viele Menschen wichtig. Aber die Gesellschaft bricht nicht zusammen, wenn ein Opernhaus für einige Monate geschlossen bleibt. Und vor allen Dingen: Je größer die gesellschaftlichen Auswirkungen einer Krise, desto weniger wichtig scheint die Kultur den Menschen zu sein.
Damals hat das die Branche nachdenklich gestimmt. Aber inzwischen scheint diese Erfahrung schon wieder vergessen. Denn auch jetzt – in der Wirtschaftskrise – versuchen einige Akteure der Kultur, ihre gesellschaftliche Relevanz wieder durch Selbstbehauptung zu erklären. Aber die Geschichte hat gelehrt: Diese Methode fruchtet nur wenig.
Vielleicht steckt dahinter auch ein grundsätzlicher Irrtum. Nur weil die Kunst wichtig ist, muss nicht automatisch jede Institution, die sie hervorbringt, in ihrer bisherigen Form unverzichtbar sein. Das eine ist die gesellschaftliche Bedeutung der Kultur. Das andere sind die Häuser, Ensembles und Strukturen, in denen sie stattfindet. Beides hängt zusammen. Aber es ist nicht dasselbe.
Zumal die Zeiten für alle schwer sind: Volkswagen baut Arbeitsplätze ab, Audi streicht Kulturförderung, Schulen, Infrastruktur und Gesundheitssystem stehen unter finanziellem Druck. Wer in dieser Situation für den Erhalt jeder Orchesterstelle kämpft, muss damit rechnen, dass sein Protest auch als Verteidigung von Privilegien wahrgenommen wird.
Das mag ungerecht sein. Viele Musiker arbeiten hart, die freie Szene lebt ohnehin oft am Existenzminimum. Aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass fest angestellte Orchestermusikerinnen und Orchestermusiker eine soziale Sicherheit genießen, von der viele andere Beschäftigte nur träumen können.
Wer Solidarität fordert, muss deshalb auch erklären, warum die Gesellschaft diese Solidarität aufbringen sollte. Der Verweis auf die große Tradition, die Qualität der Konzerte oder die Bedeutung Beethovens reicht dafür offenbar nicht mehr aus.
Spitzen-Klassik für wenige, Solidarität von allen?
In Bonn ist dieser Widerspruch derzeit besonders offensichtlich. Während Kaftan sein Publikum auffordert, für die Kultur zu kämpfen, verpflichtet die Oper mit Anna Netrebko einen internationalen Star. Bis zu 276,90 Euro kostet eine Karte für ihren »Nabucco«. Reguläre Opernkarten sind deutlich günstiger. Kaftan selbst hat zuletzt mit Plácido Domingo zusammengearbeitet. Beide Sänger sind umstritten: Netrebko wegen ihrer früheren Nähe zu Putin, Domingo wegen der Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens.
Aber das ist nur ein Teil des Problems. Beide stehen auch für eine bestimmte Vorstellung von Klassik: große Namen, große Stimmen, internationale Aufmerksamkeit (die mit Bonn nur sehr wenig zu tun hat). Klassik als exklusives Ereignis. Als Luxus, den man sich leisten können muss.
Worüber reden wir? Die exklusive Spitzen-Klassik mit Eintrittspreisen von fast 300 Euro oder Kaftans Kultur der Stadtgesellschaft?
Wenn die Institution wichtiger wird als die Kunst
Und wofür wird eigentlich gekämpft? Oft verteidigen Künstler und Kulturmanager erst einmal die bestehenden Strukturen: ihre Häuser, ihre Ensembles, ihre Stellenpläne. Das ist verständlich. Aber ist der Erhalt einer Institution automatisch identisch mit dem Erhalt von Kultur?
Natürlich braucht Kunst Institutionen. Ein Orchester ist mehr als die Summe seiner Musikerinnen und Musiker, ein Theater mehr als eine Bühne mit angeschlossener Verwaltung. Ensembles brauchen Kontinuität, künstlerische Qualität braucht Verlässlichkeit. Aber daraus folgt noch lange nicht, dass jede Struktur für alle Zeiten festgeschrieben sein muss.
Ein Orchester kann großartige Musik machen, ohne dass jede seiner Strukturen unangetastet bleibt. Ein Theater kann gesellschaftlich wichtig sein, ohne dass jede seiner Sparten für immer erhalten werden muss. Und wer Reformen grundsätzlich als Angriff auf die Kunst versteht, macht es sich zu einfach.

Vielleicht ist es gerade so, dass die Kultur sich auch gesellschaftlich neu verortet. Oder anders: Dass die Gesellschaft die Kultur neu verortet. An manchen Orten kämpfen Theater und Orchester massiv um Publikum, an anderen Orten zumindest um die Solidarität ihrer Besucherinnen und Besucher. Vielleicht aber gibt es derzeit auch einfach nur ein zu großes Angebot oder eine veränderte Nachfrage – und es ist unausweichlich, dass wir uns überlegen, welche Institutionen wir behalten wollen, welche reformiert werden und welche vielleicht sogar ganz verschwinden müssen.
Es wäre ein erneuter Selbstbetrug, nicht wahrzunehmen, dass die Bedeutung der Kultur innerhalb der Gesellschaft oft nicht mehr mit der Bedeutung übereinstimmt, die Kulturschaffende sich selbst zugedenken.
Im Wandel zum »Weniger« liegt vielleicht ja auch eine Chance. Es könnten schlankere Institutionen entstehen, die näher am Publikum sind. Es könnte eine komplexe Kultur viel gezielter gefördert werden, die finanziell nicht überlebensfähig ist, aber einen gesellschaftlichen Auftrag erfüllt. Und es könnte mehr Vertrauen in eine kapitalistische Kultur geben, die sich dafür selbst rechnen kann.
Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung: Die Klassik muss lernen, sich nicht allein durch ihre Kunst zu legitimieren, sondern auch durch die Kreativität und Wandlungsfähigkeit ihrer Strukturen in Krisenzeiten.
Wer nur jammert, verliert
Nur eines scheint klar: Im Kampf um die eigene Existenz ist das Lamento eines der schwächsten Argumente. Ich bezweifle, dass ein Hilferuf wie der von Kaftan wirklich geeignet ist, Menschen zu mobilisieren. Verbreitet er nicht eher das Gefühl, dass eine Branche ihre Zukunft selbst nicht mehr in der Hand hat? Niemand setzt sich freiwillig ins Rettungsschiff. Und wenn, dann bitte in jenes, in dem wenigstens die Stimmung stimmt.
Ein Blick nach Wien zeigt, wie begrenzt die Wirkung des öffentlichen Klagens ist. Stefan Herheim, Intendant des MusikTheaters an der Wien, hat in den vergangenen Monaten immer wieder über die Kulturpolitik der Stadt geschimpft, fehlenden Sachverstand beklagt und vor den Folgen der Sparmaßnahmen gewarnt. Geholfen hat es wenig. Die Stadt kürzte die Zuschüsse für die Vereinigten Bühnen radikal. Die Kammeroper musste als Spielort aufgegeben werden, Produktionen und Vorstellungen wurden gestrichen.
Herheim hatte gute Gründe, sich gegen diese Einschnitte zu wehren. Aber seine öffentliche Strategie hat auch Fragen aufgeworfen. Statt sich mit einer selbstbewussten künstlerischen Vision zu behaupten, wurde er zunehmend als Intendant wahrnehmbar, der vor allem erklärt, was alles nicht mehr möglich ist.
Vielleicht braucht die Klassik gerade jetzt weniger Untergangsrhetorik und mehr Kreativität im Wandel. Mehr Zuversicht ins eigene Tun. Mehr Überzeugung durch Begeisterung und weniger die Verteidigung des Bestehenden durch Lamento.
Dirk Kaftan steht am Ufer des Rheins und ruft sein Publikum um Hilfe. Aber einem Großteil seiner Gäste steht das Wasser ebenfalls bereits bis zum Hals.

