So klingt Vielfalt

September 20, 2025
2 mins read
Julia Ruhs – die Bratsche des NDR? (Foto: NDR, Collage BC)

Der NDR verzichtet in Zukunft auf die konservative Moderatorin Julia Ruhs. Thomas Schmidt-Ott erklärt anhand eines Orchesters, warum er das falsch findet.

Im NDR rumort es. Eine Petition macht die Runde: Die Bratschen sollen künftig aus dem Elbphilharmonie-Orchester verbannt werden. Bratschen! Seit Jahrhunderten verschrien als die Diesel unter den Geigen – unkaputtbar, aber eben auch irgendwie, naja, unfein. Man macht Witze über sie, wie Stoiber einst über die Frustrierten, zumindest wenn einem nichts mehr zu den Fagotten einfällt (Wie heißt die Teufelstrillersonate für Bratsche? Für Elise). Jetzt also, im NDR,  die Forderung: Schluss mit der Bratscherei! Sie zerstöre die Harmonie, passe nicht ins Klang-, geschweige denn Selbstbild des NDR, beleidige quasi die Ohren. Und das Allerschlimmste: Die Bratschen sitzen rechts vom Dirigenten. Rechts! Das geht in Hamburg ja nun wirklich nicht.

Ein Kompromiss wird vorgeschlagen: Ab sofort nur noch im Bayerischen Rundfunk – da dürfen sie rechts sitzen. Söder kann das ab. Und siehe da: Intendant Hendrik Lünenborg zeigt Rückgrat. Also, sagen wir so: das einer Qualle im Hamburger Hafen. Er knickt ein, erklärt die Elphi zur bratschenfreien Zone und verkauft den Schritt als »mutig«. Kritikerinnen und Kritiker von Union bis Musikverein halten das für einen Offenbarungseid. Der Sprecher der NDR-Bratschen schäumt: »Ich glaube, für den NDR sitzen wir zu weit rechts. Für den BR nicht. Rattle steht hinter uns.« Aber der NDR hält eisern dagegen: »So klingt Vielfalt.«

Kommen wir von Bratschen-Witzen zur Realität: Julia Ruhs. Sie durfte drei Mal die Sendung Klar moderieren – ein Format, das ausdrücklich Vielfalt versprach. Und siehe da: Ruhs brachte Themen, die nicht allen schmeckten. Zack: angeblich 250 Mitarbeiter:innen schreiben Protestbriefe, weil jemand für die Vielfalt tatsächlich Vielfalt wagte. Statt zu sagen: »So läuft das in einer Demokratie, da quietscht es manchmal im Getriebe«, tat der NDR, was er am liebsten tut: Er stellte das Störgeräusch ab. Ruhs abgesetzt, Problem gelöst, und als Stempel drauf: »Stärkung der Meinungsvielfalt.« Das ist so absurd, als würde Lünenborg den Schlagzeuger der NDR-Bigband feuern, um den Groove zu retten.

Natürlich: Niemand will eine Moderatorin, die AfD-Parolen säuselt. Aber Ruhs ist weder Hetzerin noch Extremistin. Sie ist konservativ, unbequem, widerspenstig – also genau das, was eine Sendung Namens Klar klar nötig hat. Doch der NDR versteht Vielfalt so: alles gleich, Hauptsache, niemand fühlt sich unwohl. Dass man Ruhs loswird, weil es in der Belegschaft knarzt, zeigt nur eins: Beim NDR tönt nicht das Orchester der Vielfalt, sondern das Diktat der reinen Dur-Tonleiter.

Musik lebt vom Kontrapunkt. Demokratie auch. Harmonie entsteht erst durch Dissonanz. Wer jede Reibung eliminiert, kriegt am Ende keine Symphonie, sondern einen Jingle. Beethoven wusste das, der NDR nicht. Wer glaubt, Demokratie werde stabiler, wenn man alle missliebigen Stimmen verstummen lässt, hat am Ende kein Orchester mehr, sondern einen Alleinunterhalter in der Hamburger Fußgängerzone. Oder, um’s mit einem letzten Tusch zu sagen: Bratschen und Julia Ruhs, sie leben Hoch! Sie haben etwas gemeinsam: sie sind unverzichtbare Stimmen. Genau deshalb braucht man sie. Nur mit ihnen klingt Vielfalt. 

Thomas Schmidt-Ott

Thomas Schmidt-Ott promovierte über amerikanisches Orchestermarketing, nachdem er in den Marketing- und Development-Abteilungen der Orchester in Boston und Los Angeles tätig gewesen war. Im Anschluss arbeitete er als Leitungsreferent Kultur im Berliner Senat und war Vorstandsvorsitzender der Brandenburgischen Sommerkonzerte. 2003 übernahm er die Position des Chefmanagers für die Orchester und den Chor des Bayerischen Rundfunks. 2007 wechselte er als Programmchef in das Start-up-Team von TUI Cruises. Im Jahr 2020 kehrte er – zum zweiten Mal in seiner Laufbahn – als Direktor zum Deutschen Symphonie-Orchester Berlin zurück. Thomas Schmidt-Ott ist seit September 2025 Mitglied der Direktion und der Künstlerischen Leitung der Komödie am Kurfürstendamm.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Siegfried erobert Rom

Daniel Harding dirigiert Wagners »Siegfried« in Rom – und entfesselt mit dem Orchester der Accademia Santa Cecilia einen Klangrausch. Große Stimmen und eine Reise durch die Religionsgeschichte.

Wenn die Wirtschaft die Kultur streicht

Audi streicht Konzerte und Nachwuchsförderung, BWT zieht sich von den Salzburger Festspielen zurück. Gleichzeitig kürzt die öffentliche Hand Kulturhaushalte. Und selbst in den USA wird das Geld knapp. Wer soll die Kultur

Eine Prestige-Oper für Shanghai

Ein weißer Fächer am Ufer des Huangpu, drei Bühnen mit 4.200 Plätzen und ein Dach, das allen gehört: Shanghai hat eines der spektakulärsten Opernhäuser der Welt eröffnet. Der Neubau ist auch ein

Was soll das, Bonn?

Anne Netrebko kommt nach Bonn. Die Hütte ist voll. Den Intendanten freut’s. Aber ist es wirklich ein Grund zur Freude, wenn eine der zweifelsohne bekanntesten, aber auch nicht unumstrittenen Sängerinnen unserer Zeit

Lieber François-Xavier Roth,

Heftige Proteste gegen François-Xavier Roth Bei den Donaueschinger Musiktagen - das richtet sich nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen die SWR-Leitung.

Neue Chefs, alte Konflikte

Auf den Opernbühnen wird protestiert, in Sachsen ums Überleben gekämpft, und auch hinter den Kulissen fliegen die Fetzen. Immerhin: Solange wir streiten, ist unsere Kunst lebendig.

Neue Intendanz rein! Altes Ensemble raus?

Heute Abend protestierten Künstlerinnen und Künstler in Düsseldorf auf offener Bühne gegen Vertragskündigungen durch die neue Intendantin Ina Karr. Und auch in Münster wird gegen den Kurs des designierten Intendanten Neil Barry

Verpassen Sie nicht ...