Mahnruf von Universal-Mitarbeiter: Bitte mehr Nische!

Mai 23, 2024
1 min read
Auch die Universal-Zentrale in Wien ist von Kürzungen betroffen (Foto: BC)

Die Stellenstreichungen bei Universal Music kommen auch in Europa an. Nun hat ein scheidender Mitarbeiter aus Wien einen bewegenden Abschieds-Rundbrief geschrieben – und vor dem Geschäfts-Kalkül gewarnt.

Bereits Ende letzten Jahres hatte die Universal Music Group, zu der auch die Deutsche Grammphon gehört, erklärt, dass sie im ersten Quartal 2024 einige ihrer 10.000 Stellen weltweit  abbauen würde. Nun verlassen die ersten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Unternehmen. Zum Teil mit wehmütigen Abschieds-Bekundungen. 

Ein Mitarbeiter der Dependance in Wien schrieb in einem Rundbrief: »Diese Entscheidung von Universal Music mag in erster Linie eine Nische treffen, aber das kann nichts mit der Qualität der Musik zu tun haben. Es ist ein kalkulatorisches Kalkül, das schon in der Vergangenheit immer wieder getroffen wurde: lieber ein Großer als viele Kleine. Lieber ein Megastar als viele kleinere Künstler. Lieber eine große Händlergruppe als viele kleine Fachhändler. Lieber Pop als Klassik/Jazz. Lieber wenige Headcounts als viele.«

Tatsächlich war der Umsatz des Unternehmens im dritten Quartal des letzten Jahres unter anderem durch die Popularität von Taylor Swift im Jahresvergleich um 3,3 % (und währungsbereinigt um fast 10 %) gestiegen.

Universal habe in den den letzten Jahren besonders auf den Ausbau seiner Direktkunden- und E-Commerce-Aktivitäten gesetzt, erklärte der Vorstandsvorsitzende Lucian Grainge in einem internen Memo, das Reuters veröffentlichte. »Im Jahr 2024, wenn wir unsere Investitionen in A&R und Künstlerentwicklung fortsetzen, werden wir unsere Organisationsstruktur weiterentwickeln, um die Effizienz in anderen Bereichen des Unternehmens zu erhöhen«, fügte CEO Grainge hinzu.

Grainge hat die Versuche von Universal Music, die Wirtschaftlichkeit von Streaming zu verbessern und den verantwortungsvollen Einsatz von künstlicher Intelligenz zu fördern, in den Vordergrund gestellt.

Der scheidende Mitarbeiter aus Wien verströmt am Ende dennoch Hoffnung, auch für die vielen Einzelkünstlerinnen und Einzelkünstler. »Nur hat die Zeit gezeigt« Tröster er, »dass genau diese kleinen Gruppen stark sind, wiederauferstehen und immer wieder an Relevanz gewinnen können.« Hoffen wir, dass dem so ist.

BackstageClassical

BackstageClassical bringt Ihnen Debatten und Nachrichten aus der klassischen Musik. Die Seite ist kostenfrei. Bestellen Sie unseren Newsletter oder unterstützen Sie unseren unabhängigen Musikjournalismus durch Ihre Spende.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Sony Classical verliert seine Eigenständigkeit

Per Hauber geht, einen Nachfolger gibt es offenbar nicht. Schon 2024 hatte sich Michael Brüggemann zurückgezogen. Sony Classical bleibt – aber seine Eigenständigkeit schwindet. Dahinter steht eine größere Frage: Wie viel ist

Empathietheater statt Regietheater

Unsere Zeit ist brutal. Und an unseren Bühnen wird die Sehnsucht nach Sanftheit immer lauter. Ein neues Theater entsteht: Es will nicht mehr belehren und entlarven, sondern zuhören und berühren und Menschen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Eine Kritik der Kritik: Alles blöde, nur das Orchester ist gut? Die Kritik will gern was gutes finden. Aber es geht nicht um Lobhudelei, sondern auch um Fakten.

Meisterliches Minden

Mit den »Meistersingern von Nürnberg« endet nach 24 Jahren ein einzigartiges Wagner-Projekt. Philipp v. Studnitz erlebt in dem kleinen Stadttheater große Oper – mit Frank Beermann, einem brillanten Ensemble und einem Minimalismus,

Entdeckt, gefördert – und dann?

Unsere Recherche zum Vienna Opera Lab hat eine Debatte über das Geschäft mit der Hoffnung junger Sänger ausgelöst. Dorothea Gregor, die seit Jahren für die Liz Mohn Stiftung in der Nachwuchsförderung arbeitet,

Verpassen Sie nicht ...