Kunterbunte Klassik-Prostitution

Oktober 4, 2025
3 mins read
Hauptsache bunt. Die Neuschwanstein-Konzerte im ZDF (Foto:Screenshot ZDF)

Auftritte von Künstlern im quietschbunten Klassik-Konzept des ZDF tun weh und schaden der Musik mehr als dass sie helfen. 

English summary: ZDF’s flashy “classical” shows turn great music into cheap spectacle, harming its image. Instead of showing how vibrant and modern classical music is, the network offers kitsch and cliché. True innovation thrives elsewhere—on Arte, in theaters, and online—while ZDF betrays its cultural mission.

An Theatern und in Orchestern ist längst angekommen, dass Klassik immer auch im Jetzt verankert sein kann, dass Musik von Beethoven, Wagner und Bizet keine Geschichtsstunde, sondern Gegenwart mit historischem Bezug ist. Dass Klassik jung, einfallsreich, überraschend, emotional und verblüffend ist. Doch von all dem hat das ZDF offenbar noch nichts gehört. Klassik wird dort immer wieder besonders bräsig und stumpfsinnig in Szene gesetzt – als sei sie eine Traumschiff-Folge aus den 80er Jahren.

Und so erinnerte auch die 75 Minuten Klassik-Show am Freitagabend eher an Western von Gestern: Rrrrrrrrolaaaaaando Villazón gab sich die Ehre, die unverzichtbare Elina Garanca, Klaus Florian Vogt und (was zum Teufel war das?) ein Florian-Silbereisen-Cellist namens Hauser. »Lippen schweigen« mit mexikanischem Tremolo, Zauberflöte mit etwas zu großer Heldenkraft und allerhand Boy-Group-Filmklassik auf einem Schloss Neuschwanstein, das derart kunterbunt-kitschig illuminiert war, dass es selbst dem Kini und Disney zu viel geworden wäre. 

Das Konzept: Musikalische Verblödung, Hauptsache in Farbe! Während der Einleitung schwärmten die Künstler über Wagner, während Bizet zu hören war. Kein Wunder, dass gleich neben dem Konzert in der ZDF-Mediathek die Giovanni Zarrella Show zu finden ist.

So sieht das Fernsehen alt aus

Die Klassik-Fenster im ZDF-Hauptprogramm sind so rar, dass die Verantwortlichen eigentlich genau überlegen müssten, was sie in den wenigen bundesweit ausgestrahlten Musik-Minuten bringen. Aber wer Klassik auch beim Opus für dumm verkauft, fällt offensichtlich auch auf eine Veranstaltung rein, die Mühe hatte, selbst die wenigen hundert Plätze bei echtem Publikum an den Mann zu bringen (das zeigte jedenfalls ein Blick auf die Ticketverkäufe an den Tagen vor den Vorstellungen). Das schleppende Interesse an den Konzerten verwundert nicht, denn da draußen ist schon lange niemand mehr an dieser Art von Uralt-Klassik interessiert. Derartige Konzerte verstrahlen den Charme der Schwiegermutter auf dem Weihnachtssofa.

Ganz abgesehen davon, das diese Veranstaltung mit ihren horrenden Eintrittspreisen ein einziges Klischee der Hochglanz-Kultur darstellt! Ein aufgeblasenes kulturelles Nicht-Ereignis, das wahrscheinlich aufgrund der ZDF-Gelder überhaupt existieren kann. Kaum verwunderlich, dass die »Intendantin« des Festivals einst an der Seite von Hans Joachim Frey (heute Intendant in Sotschi) zuvor fragwürdige Veranstaltungen wie den Dresdner Semperopernball mit heißer Luft aufgeblasen hat.

Dass sich das ZDF von den Übertragungen der Salzburger Festspiele zurückgezogen hat – geschenkt! Dass der Sender außer der immergleichen Namen keine anderen einfallen – schon bedenklicher. Wirklich frustrierend aber ist, dass in der Sendeplanung niemand versteht, dass die Klassik in Deutschland in Wahrheit längst ganz woanders spielt. Dass sie viel spannender ist als das, was das ZDF zufällig auf den Schreibtisch gespült bekommt. Dass Konzertmitschnitte wie jene aus Neuschwanstein in den Wohnzimmern der Nation ein vollkommen falsches Bild davon vermitteln, wie hochwertig, ideenreich, überraschend und spannend die Klassik-Kultur in Wahrheit längst geworden ist.

So gesehen ist eine derartige Übertragung am Ende ein gigantischer Imageschaden für die Musik. Gehen die verantwortlichen Redakteure überhaupt in Konzerte oder in deutsche Opernhäuser? Oder lassen sie sich von klassikunkundigen Produzenten und längst kriselnden Plattenlabels einfachen nur irgendwelche Namen auf ihre Lerchenberg-Schreibtische spülen, bevor sie sich wieder um ihre Urlaubsanträge kümmern?

Das gute Beispiel

Aber es gibt auch die andere Seite. Wer dieser Tage bei arte reinschaut, versteht, was Klassik im Fernsehen auch kann. Hier läuft gerade ein Mitschnitt von der Saisonpremiere der Hamburgischen Staatsoper: Tobias Kratzers gegenwärtige, ergreifende, gekonnt mit dem Kitsch jonglierende Inszenierung von Robert Schumanns Das Paradies und die Peri. Doch hier im Nischenprogramm wären eine Handvoll Scheine mehr aus dem Hauptprogramm sehr hilfreich gewesen, um zumindest eine vernünftige Fernseh-Regie zu engagieren, die auch die wesentlichen Momente der Inszenierung einfängt, und um eventuell ein Rahmenprogramm auf die Beine zu stellen, das die Menschen hinter diesem musikalischen Geniestreich vorstellt. Auf jeden Fall zeigen Inszenierungen wie diese, wie modern und lebendig die Klassik in Deutschland ist und welch großartige Stimmen inzwischen auf unseren Bühnen singen (Vera Lotte Boecker oder Kai Kluge). 

Dass Omer Meir-Wellber sowohl Neuschwanstein als auch Hamburg dirigiert, zeigt, dass offensichtlich auch Künstler nicht immer in der Lage sind, an den richtigen Stellen »nein« zu sagen. Und am Ende ist es erschreckend zu sehen, dass ein Orchester wie die Kammerphilharmonie Bremen ihren guten Ruf dem vermeintlichen Klassik-Populismus des ZDF opfert. Wer sich für so ein Programm kaufen lässt, dem nimmt man seinen andauernd formulierten Hochkultur-Anspruch in Zukunft nur schwer ab.

Das ZDF zeigt mit solchen Abenden, dass es seinen Kulturauftrag unterwandert und mithilft, die Kultur unserer weltweit einmaligen Theater- und Orchesterlandschaft für dumm zu verkaufen. Kein Wunder, dass die sich inzwischen entnervt vom Fernsehen abwendet und eigene Medien gründet: Die Berliner Philharmoniker suchen mit ihren großartigen Konzerten in der Digital Concert Hall ein interessiertes Publikum, die Staatsoper München hat mit dem eigenen staatsopern.tv gerade einen Internet-Sender gegründet, in dem Formate entwickelt werden, die Lust auf Bühne machen. Das ZDF schafft sich derweil in Sachen Kultur selbst ab – nur seine Redakteurinnen und Redakteure scheinen das noch nicht gemerkt zu haben.    

Eine Replik auf diesen Text von Thomas Schmidt-Ott gibt es hier.  

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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