Fliegender Teppich ohne Magie

Februar 25, 2026
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»Tamerlano« bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe (Foto: Grünschloß)

Bluescreen-Effekte prägen Händels »Tamerlano« bei den 48. Internationalen Händel-Festspielen Karlsruhe. Doch der eigentliche Zauber entsteht im Orchestergraben.

English summary: At the 48th Internationalen Händel-Festspiele Karlsruhe, Kobie van Rensburg’s staging of Tamerlano dazzles with bluescreen tricks and flying carpets but lacks focus. True magic arises in the pit, where René Jacobs and the Freiburger Barockorchester reveal the emotional depth of Georg Friedrich Händel’s drama.

Barockoper heißt immer auch Bühnenzauber. Im 18. Jahrhundert wollte man im Theater nicht nur spektakuläre Stimmen hören, sondern auch die neuesten Bühneneffekte sehen. Bei der Eröffnung der 48. Internationalen Händel-Festspiele Karlsruhe lässt Regisseur Kobie van Rensburg in Tamerlano Teppiche fliegen und Elefanten über die Bühne schreiten. Die Leinwand wird zum Bühnenbild, das Bluescreen-Verfahren zum Zauberkasten. Aber auf Dauer ermüden die digitalen Kunststückchen.

Dem über vierstündigen Abend fehlt der szenische Fokus und die Unmittelbarkeit. Zum eigentlichen Zauberer wird der im Sitzen dirigierende René Jacobs. Was er mit dem Freiburger Barockorchester im Orchestergraben kreiert, ist weniger effektgetrieben, sondern vielschichtig und differenziert. Musikalisch erfährt man mehr vom Innenleben der Figuren als visuell – von Schmerz und Verzweiflung, von vorgespielten Gefühlen und tiefer Kränkung, von Annäherung und wachsender Distanz. 

Für seine am 31. Oktober 1724 am King’s Theatre London uraufgeführte Oper Tamerlano überarbeitete Georg Friedrich Händel die schon fertige Fassung wegen einer neuen Sängerbesetzung. Und dramatisierte auch die Sterbeszene von Bajazet, dem vom Tatarenkönig Tamerlano gefangenen Sultan. Ein Selbstmord auf der Bühne? Das war eine mutige Neuerung – wie auch das deutlich verschattete Lieto Fine und die vielen Accompagnato-Rezitative, die vom Orchester eine noch stärkere Dramatisierung verlangten.

Barocke Videoorgie

Am Badischen Staatstheater stehen drei Kameras auf der Bühne, der Boden ist mit Markierungen beklebt. Hier treten die Sängerinnen und Sänger im Kostüm auf und agieren miteinander, aber auch mit der Kamera. Ihre Videoaufnahme wird auf der Leinwand im Hintergrund in ein historisches Ambiente in Schwarz-Weiß montiert. Der Palast mit seinen Kuppeln und Minaretten ist digital, die Figuren auf der Bühne werden Teil davon. Nur die in blauen Ganzkörperanzügen gekleideten Assistenten, die Hellebarden anreichen und Kissen schweben lassen, bleiben für die Kamera unsichtbar. 

»Tamerlano« bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe (Foto: Grünschloß)

Die Texte werden auf der Leinwand eingeblendet, die Gesichter in Nahaufnahme gezeigt. Da muss Alexander Chance als Andronico nur eine Augenbraue heben, um seiner Verwunderung über Asterias Verhalten Ausdruck zu verleihen. Wenn er mit seinem wunderbar geschmeidigen Altus in der Arie Più d’una tigre altero an einen Tiger denkt, erscheint dieser mit fletschenden Zähnen im Hintergrund. Ein Tisch auf der Bühne wird zur Grillstelle im Film – digitale Schmetterlinge landen auf der ausgestreckten Hand der zunächst verschmähten Prinzessin Irene (Kristina Hammarström).

Das ist handwerklich präzise gemacht und sorgt für den einen oder anderen Lacher – eine echte szenische Deutung gelingt Kobie van Rensburg damit aber nicht, weil er die beiden Ebenen des besonderen Settings einfach übereinanderlegt, anstatt daraus künstlerisches Kapital zu schlagen. 

Großartigkeit im Graben

Im Gegensatz dazu macht das Freiburger Barockorchester nicht immer das Gleiche, sondern verleiht jedem Rezitativ und jeder Arie eine besondere Farbe und eine spezielle Emotionalität. In der Continuogruppe um den souveränen Cellisten Stefan Mühleisen versammeln sich zwei Cembali, Orgel, Harfe und Laute. Die Instrumentation ist genau auf den geforderten Ausdruck abgestimmt. Auch die Streicher zeigen eine große Bandbreite zwischen sanftem Säuseln und kratzbürstigen Einwürfen.

René Jacobs wählt organische Tempi, spannt klare Phrasierungsbögen, lässt Zeit zum Atmen und schafft atmosphärisch dichte Übergänge zwischen den Szenen. Christophe Dumaux macht mit seinem beweglichen Countertenor aus Tamerlano einen charmanten Despoten. Der Tenor Thomas Walker als Bajazet braucht ein paar Arien, um seinem Gesang und Spiel mehr Präsenz zu verleihen. Die Sopranistin Mari Eriksmoen ist eine berührende Asteria mit reichem Innenleben, der Bariton Matthias Winckhler ein sonorer Leone. Kristina Hammerström stattet Irene mit dunklen 

Mezzotiefen und einer komischen Note aus. Ganz am Ende nach dem Suizid Bajazets, den Thomas Walker mit Expressivität auflädt, schaltet Kobie van Rensburg das Video aus. Zur Arie Padre amato, in me riposa geht Mari Eriksmoen zum Bühnenrand, um als Asteria mit vielen Farbnuancen den Tod des Vaters zu beweinen. Auf einmal entsteht direkte, ungebrochene Emotionalität im Badischen Staatstheater. Dafür braucht es keine Großaufnahme. Und auch keinen fliegenden Teppich. 

Weitere Vorstellungen: 25./28. Februar, 3. März 2026, www.staatstheater-karlsruhe.de. 

Georg Rudiger

Georg Rudiger hat Musikwissenschaft, Geschichte und Germanistik in Freiburg und Wien studiert. Er beobachtet von Freiburg aus das Musikleben im Südwesten Deutschlands, der Schweiz und dem Elsass - als fester Freier für die Badische Zeitung, überregional u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, neue musikzeitung und Der Tagesspiegel. Er ist bei wichtigen Musikfestivals und Opernpremieren (Jurymitglied der Opernwelt), gelegentlich auch Rock- und Jazzkonzerten.

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