Ein bisschen queer im Weltall

Februar 4, 2025
3 mins read
Der Spieler in der Regie von Axel Ranisch in Stuttgart (Foto: Staatsoper Stuttgart, Siegmund)

Axel Ranisch hat in Stuttgart für Dostojewskis »Spieler« eine galaktische Idee, füllt sie aber nicht mit Inhalt.

English summary: Axel Ranisch’s The Gambler sets Prokofiev’s opera on Mars, inspired by Elon Musk’s visions. Despite creative ideas, the production feels flat. Nicholas Carter conducts precisely but lacks brilliance. Stundyte and Brenna impress vocally, yet the staging remains incomplete. The finale unfolds on a giant roulette wheel. Alexej wins money, but not Polina.

Sein Debüt an der Stuttgarter Staatsoper mit Sergej Prokofjews Die Liebe zu den drei Orangen im Jahr 2018 war ein Geniestreich. Axel Ranisch inszenierte die groteske, märchenhafte Geschichte als Computerspiel aus den 90ern mit pixeligen Videos und einem ebensolchen Bühnenbild. Das ungewöhnliche Setting sorgte für eine hohe Gagdichte und betonte das Spielerische der Vorlage. Nun ist der Film- und Fernsehregisseur (u.a. Ich fühl mich Disco, Nackt über Berlin) nach seiner dystopischen Hänsel und Gretel-Lesart (2022) für Prokofjews erste große Oper Der Spieler nach Dostojewskis gleichnamigem Roman erneut an das Haus zurückgekehrt. Und verfrachtet das im fiktiven Roulettenburgspielende Geschehen auf den Mars.

Eine an Elon Musks Fantasien angelehnte Zufluchtsstätte für Superreiche, während die Welt in Trümmern liegt. So originell Ranischs Grundidee auch ist – sie wird bei der Stuttgarter Premiere zu wenig mit Leben gefüllt. Die rötliche Wüstenlandschaft von Bühnenbildnerin Saskia Wunsch schafft trotz der knalligen Kostüme (Claudia Irro, Bettina Werner) und der Spiellust der Akteure keine eigene Welt. Ranisch gelingt es auch nicht, das Groteske so zu überspitzen, dass es schmerzt. 

Mit noch größerer Spannung wurde in Stuttgart die musikalische Realisierung erwartet, denn am Pult des Staatsorchesters stand mit Nicholas Carter der künftige Stuttgarter Generalmusikdirektor (ab 2026/27). Der Australier, Chefdirigent der Bühnen Bern, arbeitet die schroffen und scharfen Seiten der kniffligen, kurzatmigen Partitur heraus. Die Dissonanzen kosten die Blechbläser aus. Meist klappen die heiklen rhythmischen Überlappungen und häufigen Taktwechsel ohne Reibungsverluste.

Carter wählt für diese Dialogoper schnelle Tempi, die klangliche Balance zwischen Orchester und Solisten ist gut. Im vierten Akt könnte es sogar im Zusammenspiel mit dem extrem präsenten Staatsopernchor (Leitung: Manuel Pujol) sogar noch etwas mehr aus dem Graben sein. Was dem Orchesterklang mitunter fehlt, ist Brillanz und Raffinesse. Zu Beginn des vierten Akts klappert es in den hier auch zu stumpfen Streichern. Nicht jedes Detail wird mit gleicher Sorgfalt musiziert. Auch beim Auftritt der Babulenka (großartig: Véronique Gens), deren Erbe eigentlich die finanziellen Probleme der Protagonisten lösten sollte, ist Sand im Orchestergetriebe. 

Warum der verschuldete General, dem Goran Jurić stimmlich mit viel Testosteron ausstattet, ein ärmelloses Jackett ohne Hose trägt und der geldgebende Marquis (präsent: Elmar Gilbertsson) Hotpants mit Puffärmeln kombiniert, erschließt sich nicht – außer, dass die geldgierigen Happy Few, die es auf den Ersatzplaneten geschafft haben, auch optisch aus der Masse herausstechen wollen mit einem vor allem aus blauen Schleifen bestehenden Kleid für Blanche, der Stine Maria Fischer  Klasse und Temperament verleiht, oder den Overknee-Stiefeln des Fürsten Nilski (Robin Neck).

Alles ziemlich queer hier. Dass die Servicekräfte im Weltall Bärtierchen sind, die im Original 1 Millimeter groß werden und wegen ihrer Widerstandsfähigkeit überall überleben können, ist eine typische Axel-Ranisch-Idee. In Stuttgart tragen deshalb sechs Statisten verknautschte Köpfe, servieren Drinks und knabbern auch mal an einer Leiche. Nur der Hauslehrer Alexej und Polina, die Stieftochter des Generals, sind nicht Teil dieser durchgeknallten Gesellschaft, sondern Einzelgänger, die mal emotional zusammenfinden, sich dann aber auch wieder fetzen. Ausrine Stundyte verleiht Polina mit ihrem kräftigen, enorm tragfähigen Sopran dramatische Wucht. Die exponierte Partie von Alexey singt Daniel Brenna mit Intensität und perfekter Projektion.

Der Spieler in der Regie von Axel Ranisch in Stuttgart (Foto: Staatsoper Stuttgart, Siegmund)

Die von Ranisch angedeutete heimliche Liebe zwischen dem Casinobesitzer Mr. Astley (Shigeo Ishino) und Polina bleibt ohne Konsequenz. Wie auch die allmähliche Zerstörung der Erde (Projektionen: Philipp Contag-Lada) szenisch nicht zu Ende gedacht wird. 

Im temporeichen vierten Akt findet man sich plötzlich nicht mehr auf dem Mars, sondern auf einem überdimensionierten Roulette wieder. Die Spieler selbst werden zur Kugel und laufen über die Scheibe. Dazu regnet es unter virtuosen Orchesterklängen Geldscheine vom Himmel, weil Alexej so viel gewinnt, dass die Bank schließen muss. Polina bekommt er aber trotzdem nicht. Und auch Mr. Astley bleibt trotz seines schicken goldenen Anzugs allein. 

In einer vorigen Version haben wir versehentlich Stine Maria Fischer  und Véronique Gens vertauscht. Wir bitten um Entschuldigung.

★★☆☆☆

Weitere Vorstellungen: 5./20./23.2., 10./15./19./30.3.2025, Tickets unter www.staatsoper-stuttgart.de oder tel. unter 0711/202090. 

Georg Rudiger

Georg Rudiger hat Musikwissenschaft, Geschichte und Germanistik in Freiburg und Wien studiert. Er beobachtet von Freiburg aus das Musikleben im Südwesten Deutschlands, der Schweiz und dem Elsass - als fester Freier für die Badische Zeitung, überregional u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, neue musikzeitung und Der Tagesspiegel. Er ist bei wichtigen Musikfestivals und Opernpremieren (Jurymitglied der Opernwelt), gelegentlich auch Rock- und Jazzkonzerten.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

BackstageClassical ist in den Sommerferien

Die Klassik-Welt dreht weiter, aber wir machen Ferien. Am 1. September sind wir wieder für Sie da – mit täglichen News aus der Welt der Klassik. Bis dahin hier ein wenig Lektüre und

Publikumsbeschimpfug ist auch keine Lösung, Herr Mondtag

Ersan Mondtag nennt das Salzburger Publikum nach den Buh-Rufen für seine „Ariadne auf Naxos“ provinziell. Doch wer Kritik als Unfähigkeit abtut, verwechselt künstlerischen Anspruch mit Überheblichkeit – und verliert den Respekt vor

Friedman, Rienzi, Ring und Co. – eine Bayreuth-Bilanz

Peter Huth, ehemaliger Chefredakteur der Welt am Sonntag und Kommunikationschef von Axel Springer, bespricht mit Axel Brüggemann die erste Festspielwoche im Podcast von BackstageClassical. Auch Nathalie Stutzmann, Michel Friedman oder Katharina Wagner

Warum fällt Hinterhäuser der Abschied so schwer?

Markus Hinterhäuser ist nicht mehr Intendant der Salzburger Festspiele. Dennoch ist er allgegenwärtig. Der Streit um seine Trennung wirft Fragen nach Transparenz auf – und nach der Fähigkeit, ein Amt auch wirklich

Rienzi ist Wagners Monster

Die Dirigentin Natalie Stutzmann und die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka haben in Bayreuth mit ihrer Lesart von Wagners Rienzi begeistert – hier blicken sie hinter die Kulissen und erklären Ihre Ansätze.

Neuer Blick auf Karajan

Karajans Rolle im Nationalsozialismus muss historisch genau betrachtet werden, sagt Biograf Wolfgang Rathert und fordert wissenschaftliche Sachlichkeit in der Karajan-Debatte. Dabei attestiert er dem Dirigenten Skrupellosigkeit in seiner Karriere.

12 Wurstfinger und ein König

Der KI-Ring in Bayreuth ist ein anstrengendes Unterfangen. Die von Marcus Lobbes kuratierten Bilder erinnern an die Pionierzeit der künstlichen Intelligenz. All das scheint nicht nur das Publikum abzulenken, sondern auch das

Diktator sind wir alle

150 Jahre Bayreuth: Zwischen Festakt und Rienzi drehen die Festspiele ihre eigene Geschichte durch den Necker-Würfel. Ein Essay über Erinnerung, Macht, Populismus – und die Verantwortung jedes Einzelnen.

Lieber Igor Levit,

Igor Levit und Danger Dan dürfen beim ZDF nicht auftreten – nun stilisieren sie sich zum Opfer. So geht PR.