Der Kehlkopf der Königin der Nacht

Juni 18, 2024
1 min read
Die Comic-Sopranistin Bianca Castafiore (Bild: Pow!)

Eine neue Studie findet heraus: Spitzentöne von Sängerinnen entstehen nicht im »Pfeif«-Register, sondern werden wie beim Sprechen produziert.

Viele pädagogische und wissenschaftliche Quellen weisen darauf hin, dass die höchsten Töne des klassischen Gesangs nur mit einem sogenannten »Pfeif«-Stimmregister erzeugt werden können – vergleichbar mit der Ultraschall-Stimmerzeugung bei Ratten und Mäusen. Doch nun hat ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Matthias Echternach vom LMU Klinikum München und Christian T. Herbst von der Universität Wien diese Annahme. Sie konnten zeigen, dass die hohe Operngesangsstimme auf demselben Prinzip beruht wie die Stimmproduktion beim Sprechen und dem Gesang bei tieferen Tönen. Die Studie erschien kürzlich in Scientific Reports.

Um die Tonerzeugung bei besonders hohen Tönen zu untersuchen, machten die Wissenschaftler Videoaufnahmen – im Kehlkopf der Sängerinnen. Bei dieser sogenannten transnasalen Endoskopie entstanden Ultrahochgeschwindigkeits-Videoaufnahmen von neun professionellen Opernsängerinnen. Die Analyse der Aufnahmen zeigte: Abhängig von der gesungenen Tonhöhe vibrieren und kollidieren die Stimmlippen im Kehlkopf 1.000 bis 1.600 Mal pro Sekunde, was exakt der Frequenz des erzeugten Tons entspricht. Dies steht in Gegensatz zu dem angeblichen, aber durch diese Studie widerlegten »Pfeif«-Mechanismus, der eine Unbeweglichkeit der Stimmlippen während der Stimmproduktion erfordert hätte.

Koronale Ansicht des menschlichen Kehlkopfes (C), die die offene und die geschlossene Phase der mediolateralen Stimmlippenvibration veranschaulicht; (D) Stimmlippenverschiebungsmuster und daraus resultierende prototypische akustische Stimmquelle (Grafik IMU Klinikum)

Die Studie zeigt somit deutlich, dass der »Standard«-Mechanismus der Stimmproduktion beim Menschen und den meisten Säugetieren auch für die obersten Tonlagen des Operngesangs gilt. Simulationen mit einem Computermodell legen nahe, dass die Sängerinnen ihre höchsten Töne unter anderem nur mit einer stark erhöhten Spannung der Stimmlippen, unterstützt durch sehr hohe Ausatmungs-Luftdrücke, erzeugen können.

Christian Herbst, sagt: »Dies entlarvt endlich einen seit langem bestehenden Mythos der Stimmpädagogik. Es ist bemerkenswert, dass solch extreme Klänge mit einem recht gewöhnlichen Stimmerzeugungs-Mechanismus produziert werden können – dies ist nur mit einer hervorragenden muskulären Feinbeherrschung des Gesangsinstruments durch diese Sängerinnen möglich.« 

Matthias Echternach fügt hinzu: »Es ist wirklich erstaunlich, wie manche Sängerinnen die erforderlichen, extrem hohen Spannungen in ihren Stimmlippen erzeugen können, die erforderlich sind, um diese hohen Töne zu produzieren, ohne gesundheitliche Probleme für die Stimme zu erleiden.« Warum manchen Sängerinnen eine Erzeugung von solch hohen Stimmlagen gelingt und anderen nicht, muss vorerst allerdings offen bleiben.

Zur Original-Studie hier entlang.

BackstageClassical

BackstageClassical bringt Ihnen Debatten und Nachrichten aus der klassischen Musik. Die Seite ist kostenfrei. Bestellen Sie unseren Newsletter oder unterstützen Sie unseren unabhängigen Musikjournalismus durch Ihre Spende.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Ruzicka fordert Missbrauchsverfahren gegen GEMA

Der Komponist und Dirigent Peter Ruzicka geht juristisch gegen die GEMA vor: Beim Bundeskartellamt hat er Beschwerde eingelegt, um die geplante Reform der Kulturförderung kurzfristig zu stoppen. Er sieht die Existenz der

Liebe Künstlerinnen und Künstler,

dieses Mal war es das Berliner Boulevard-Blatt BZ, das die Kosten-Rechnung aufgemacht hat: Während man in der Hauptstadt durchschnittlich 62,20 Euro für ein Opernticket hinblättert, zahlt der Staat für jedes verkaufte Ticket noch mal 251,60

Tod eines umstrittenen Chorleiters

Gerhard Schmidt-Gaden ist tot. Er starb mit 88 Jahren im oberbayerischen Benediktbeuern. Er war eine ebenso prägende wie umstrittene Persönlichkeit im Chorbetrieb.

Endlich bekommt Venedig ein richtiges Wagner-Museum

Nach mehr als 30 Jahren Planung wird ein Richard-Wagner-Museum in Venedig Realität: Ein Abkommen sichert die Zukunft der Wagner-Räume im Palazzo Vendramin Calergi. Ab 2027 soll das Haus Teil des städtischen Museumsnetzwerks

Was ist los in der Klassik?

Podcast: Hannah Schmidt und Axel Brüggemann debattieren die neue Theater-Saison, Opern-Finanzierung, Salzburger Festspiele und Wolfram Weimer.

Der große Spielplan-Check

Die neue Opernspielzeit steht vor der Tür. In Folge I checkt BackstageClassical die Spielpläne der großen Häuser: Vielfalt ist das Motto – und allerhand Namen von der Stange.

Ermittlungen am Teatro San Carlo

Die Polizei in Italien ermittelt Unregelmäßigkeiten am Theater in San Carlo. Im Zentrum stehen Ex-Intendant Stéphane Lissner und verschiedene Künstlerinnen und Künstler, unter ihnen Asmik Grigorian, Claus Guth und Jonas Kaufmann.

Verpassen Sie nicht ...