Ausgelaugter Peter Sellars?

August 13, 2024
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Der Spieler bei den Salzburger Festspielen (Foto: Salzburger Festspiele, Walz)

Das Feuilleton streitet über die Regie von Peter Sellars, lobt aber einhellig die musikalische Qualität von Prokofjews »Spieler« bei den Salzburger Festspielen.

Die Premiere von Sergeij Prokofjews Der Spieler bei den Salzburger Festspielen war ein musikalisches Highlight – Peter Sellars Regiearbeit bleibt für die meisten Kritiker ungenügend.

Reinhard J. Brembeck schreibt in der Süddeutschen Zeitung über den Abend, der im fiktiven Roulettenburg spielt und die Geschichte eines hochverschuldeten Generals und seiner Stieftochter Polina erzählt, die auf das baldige Ableben der Großmutter hoffen, die allerdings ihr ganzes  Geld verspielt: »Bühnenbildner George Tsypin nutzt die ganze riesige Breite der Felsenreitschule, er hat nur ein paar der Durchlässe verschlossen und sieben riesige Roulette-Maschinen hingestellt.«

Genervt zeigt sich Markus Thiel von der Regie, er schreibt im Merkur: »Im Regiestuhl hat während der Probenwochen ein Mann Platz genommen, der dort längst nicht mehr hingehört. Peter Sellars hat Salzburg einst Unvergessliches beschert (…), doch das ist lange her. Jetzt ist da ein müder Mann, ein Verwalter seiner Kreativitätsreste.« Und auch Ljubiša Tošić zeigt sich im Standard enttäuscht: »In der Felsenreitschule finden sich die Süchtigen allerdings in eine Konversationssituation gepresst, deren habszenische Trostlosigkeit nur mit blinkenden Rouletterädern bekämpft wird. (….) Als wollte Sellars demonstrieren, wie falsch die Felsenreitschule als Ort für diese kammerspielartigen emotionalen Verästelungen ist, bleibt er jedoch oberflächlich konventionell.« EInzig Brembeck zeigt sich begeistert: »Der so eigenwillige wie fantasiereiche Realist Peter Sellars hat den Spieler in einem pausenlos grandiosen Zwei-Stunden-Abend inszeniert und damit getan, was dieser Ausnahmeregisseur immer versucht: eine alte, ferne Geschichte als Analyse des Hier und Heute zu präsentieren.«

Einhelliges Lob gibt es für die musikalische Seite. Thiel lobt den Sänger Sean Panikkar. »Der bildet naturgemäß das Zentrum von Sergeij Prokofjews Der Spieler, er hat sich die Partie auch anverwandelt, lebt sie mit jeder Phrase, mit jedem Ton. Der US-Tenor, nicht nur in Salzburg der Mann für die Eigenbrötler, mag dabei an Fachgrenzen geraten. Doch die Stimme ist musterhaft fokussiert, entwickelt damit große Intensität, Stabilität und natürliche Durchsetzungskraft.« Und auch Tošić schreibt: »Immerhin: Stimmlich ist die Premiere über alle Zweifel erhaben. (…) Asmik Grigorian, deutlich unterinszeniert, wenn man sich an ihre Salzburger Salome-Performance erinnert, deutet zumindest vokal prunkvoll wie farbenreich an, welche seelischen Schattierungen in Polina schlummern. Polinas Stiefvater, den General, gibt Peixin Chen zwar szenisch klischeehaft, aber vokal kultiviert-deftig. Die reiche Babulenka? Ist bei Violeta Urmanain souveränen Händen.«

Ähnliches hörte Meret Foster bei BR Klassik: »Stimmlich ist höchstes Niveau geboten: Asmik Grigorian gestaltet ihre Polina wunderbar differenziert und dominiert mit ihrer Bühnenpräsenz, auch wenn ihre Partie hinter dem fast pausenlos singenden Sean Panikkar zurücktritt. Eindrucksvoll und mit ihrem Mezzosopran klare Kanten markierend ist Violeta Urmanas Großmutter neben dem stimmgewaltigen Bass Peixin Chen als General oder dem brillant deklamierenden Tenor Juan Francisco Gatell. Getragen wird dieses exzellente Ensemble von den Wiener Philharmonikern, die äußerst transparent, präzise und agil musizieren. Timur Zangiev hat mit dieser Produktion als Dirigent Prokofjews abendfüllenden Opernerstling eindrücklich erlebbar gemacht und ein tolles Festspieldebüt gegeben.«

Dem schließt sich auch Thiel an: »Am meisten profitiert man ohnehin vom Blick in den Graben. Dort steht Timur Zangiev, 30 Jahre jung, Schüler des legendären Gennady Rozhdestvensky und bereits mit 18 am Stanislawski-Theater seiner Geburtsstadt Moskau engagiert. Gerade wird er bei renommierten Ensembles herumgereicht, an der Bayerischen Staatsoper zum Beispiel dirigierte er eine Repertoire-Serie von Tschaikowskys Eugen Onegin. Fast 50 Opernproduktionen hat er schon betreut, es ist ihm anzumerken.«

★★★☆☆

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