Der Bieder-Knigge vom NDR

April 25, 2024
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Bild von Tariks Klassik-Knigge beim NDR auf Instagram
Der NDR wirbt mit Tarek Tesfu für klassische Konzerte (Fotos: NDR/Instagram)

Der NDR versucht neues Publikum auf Instagram zu locken – mit Tarik Tesfu. Gute Idee, schlecht gemacht, findet Antonia Munding.

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»Wenn ihr mich fragt, ist das Leben eine nicht enden wollende Motto-Party«, sagt Tarik Tesfu, der Sauna-, Club- aber halt auch klassische Konzertgänger miteinander verbinden will. Jedenfalls für den NDR – der sich nicht nur die Insta– und Tiktok-Reichweite des Sängers und Entertainers  (unter anderem bekannt für seinen Song Halleluja aus dem Album Mutterland und den Podcast Tratsch & Tacheles) zu Nutze machen, sondern – by the way – auch ein fresheres Antlitz in Sachen Diversität und Progressivität verpassen möchte. Denn dass es der deutschen Musiklandschaft genau daran mangelt, hat Tesfu in Interviews immer wieder thematisiert. Ein kluger Schachzug, ihn nun als neuen non-binären Klassik-Chairman zu etablieren, um der angegrauten Hood ganz smooth hart umkämpfte neue Followerinnen und Follower zuzuführen.

Aber wie lockt man denn nun Menschen in ein klassisches Konzert, die niemals selbst auf diese Idee kämen?

Die Attraktivität der Location unterstreichen und Schwellenängste abbauen. So versucht es zumindest der NDR mit Tariks KLASSIK-Knigge. In aufwändig produzierten One-Minute-Clips schwenkt die Kamera durch die Elbphilharmonie und setzt Tarik als glamourösen Master mit viel Lipgloss in Szene. Und der benennt dann mit säuselndem Bariton Hürden, die coolen Menschen angeblich den Weg zur Klassik versperrten: Klar, erstmal die verstaubten Dresscodes. Lässig macht Tarik klar: ein »must-have« gäbe es auch im klassischen Konzert nicht. Ganz easy könne man dort auch seine eigene Fashion-Party starten (echt jetzt?!?). Und ruck-zuck verwandelt sich die Elphi-Bühne in einen Catwalk, auf dem Tarik in wechselnden (zugegebener Maßen richtig attraktiven) Outfits posiert. Bequem müssten die allerdings sein. Immerhin sitze man bei einem solchen Event manchmal länger als zwei Stunden auf dem »Popöchen«.

Tarik Tesfus Klassik-Knigge für den NDR

Zweite Hürde: Essen! Viele seien davon abgeschreckt, dass man im Unterschied zu einem Pop-Konzert während eines klassischen Konzertes nichts zu sich nehmen dürfe. Warum? Die »No food-Policy« habe triftige Gründe, klärt Tarik auf. Denn der Konzertsaal sei akustisch so gebaut, dass das Schmatzen in Reihe 12 nicht nur den Sitznachbarn, sondern auch auf der Bühne störe. Tarik kennt den Weg aus dem Dilemma: Einfach VOR dem Konzert mit Freunden essen gehen – und sich in der Pause einen prickelnden Champagner gönnen – dazu schwenkt er ein riesiges, bis zum Rand gefülltes Rotweinglas über dem Kopf.

Okay, spätestens hier dürften selbst Klassik-fremde »pfiffige« Menschen merken, dass mit dem NDR- Knigge irgendwas falsch läuft. Will Tarik uns verarschen – oder ist das ein hintersinniges Provokations-Kalkül, eine besonders abgründige Pointe? Wenn er dann noch – um die heutige Spaßbefreitheit des klassischen Betriebs so richtig abzuwatschen – seinen »Kumpel Mozart« zitiert, der extra Tafelmusik zu sinnlichen Genüssen geschrieben habe, merkt man, dass die teuer produzierten Knigge-Clips inhaltlich Müll sind. Weder nimmt man Tarik die Mozart-Kumpelei ab, noch geht der Tafel-Musik-Verweis wirklich auf. Als solche bezeichnete man im 16. und 17. Jahrhundert Hintergrundmusik für Feste und Bankette, die einzig zu diesem Zweck komponiert wurde. Mozarts berühmte »Tafelmusik« aus dem Schlussmahl Don Giovanni zitiert dieses Genre, um seinen Protagonisten musikalisch als sterbenden Gastgeber einer eigentlich untergehenden Zeit zu charakterisieren – eine Publikumsaufforderung, jetzt das mitgebrachte Picknick auszupacken, war sie sicherlich nicht.

Die Witze, die der NDR Tarik in den Mund legt, humpeln konsequent, sind nicht nur unlogisch, sondern auch sachlich falsch. Denn warum bitte sollen Saunagänger, selbst wenn sie nicht Teil der Klassik-Motto-Party sind, und es eigentlich keine Dresscodes, erst recht keine »must-haves« für sie gibt, trotzdem »lieber nicht mit Schnorchel« ins Konzert gehen. Tariks Fazit: Weil das »tatsächlich nichts für dich tut«. Da zucken die KNIGGE-Gucker:innen dann ratlos mit den Schultern, während die Pointe kläglich verreckt – egal um wieviele Kurven sie sich bereits gequält hat. 

Tarik überlegt, wie man sich im Konzert kleidet.

Ähnlich fühlt man sich, wenn Tarik im Folge-Clip die eigentlich schöne, poetische Frage stellt, welche Dance-moves zu Mahlers 2. Sinfonie passen könnten, obwohl man noch den aggressiv eingespielten Jingle aus Brahms ungarischem Tanz Nummer 5 im Ohr hat. Oder wenn Tarik auf der riesigen Elphi-Bühne im violett blinkenden Nadelstreif den expressiven Dirigenten mimt, aber am Ende doch einfach nur vor einem gähnend leeren Auditorium fuchtelt (das Geld für die Statisten hätte der NDR ruhig locker machen können). 

So überwiegen am Ende die Zweifel. Zum einen, weil das implizite Versprechen einer diversen, genre-sprengenden Kulturveranstaltung in der Klassik sich so gar nicht im Konzertprogramm des NDR-Orchesters niederschlägt. Zum anderen, weil es fraglich bleibt, ob Tarik mit diesem KNIGGE jemals auch nur einen einzigen seiner treuen Follower zu einem klassischen Konzert bewegen wird. Geschweige denn, ob er selbst je in einem war. Oder ob er nicht viel-viel lieber mit Beyoncé die Bühne rocken würde.  

Antonia Munding

Antonia Munding studierte klassischen Gesang, Musikwissenschaft, Germanistik und Journalismus. Sie war als Sängerin an verschiedenen Bühnen engagiert und arbeitete als Nachrichtenredakteurin. Als freie Autorin veröffentlicht sie unter anderem bei den Frankfurter Heften, Deutschlandfunk Kultur und der Freitag.

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