»Es zählt allein die Qualität«

Dezember 3, 2024
4 mins read
Der Musikverleger Günter Hänssler (Foto: Hänssler)

Der Musikproduzent Günter Hänssler über Streaming, KI in der Musik und die Kunst, das wirklich Bedeutende zu finden und zu fördern. Ein Gespräch zum 65. Geburtstag.

English summary: In the podcast Guten Morgen, music publisher Günter Hänssler discusses his 65th birthday and 45 years in the music industry. He reflects on producing over 170 Bach works and adapting to the digital era with streaming. Despite the decline of physical media, Hänssler sees opportunities in reaching new audiences and preserving classical music’s value through digital platforms. He emphasizes that music is more than business—it’s a passion, with his labels, Hänssler Classic and Profil, focusing on quality and long-lasting works. The podcast highlights his influence on classical music and its evolving market.

Im Podcast Guten Morgen von Backstage Classical mit Axel Brüggemann feiert der legendäre Musikverleger Günter Hänssler seinen 65. Geburtstag und blickt auf 45 Jahre Erfahrung in der Musikindustrie zurück. Hänssler, Gründer von Hänssler-Klassik und Hänssler-Profil, hat alle großen Veränderungen der Musikmedien miterlebt: von der Langspielplatte über die Musikkassette und CD bis zum heutigen Streaming (hier der Podcast für Apple und für alle anderen Formate).

Im Gespräch mit Brüggemann feiert der Musikverleger seinen 65. Geburtstag und blickt auf eine beeindruckende Karriere zurück, die von einer Leidenschaft für klassische Musik geprägt ist. Hänsslers bemerkenswerteste Leistung ist die Produktion von mehr als 170 CDs mit den kompletten Werken Bachs und anderer großer Meister. Die Entscheidung, solche umfangreichen Sammlungen zu produzieren, war für ihn eine Mischung aus musikalischer Leidenschaft und strategischem Kalkül. Besonders die Bach-Werke – einschließlich der Kantaten – waren für ihn eine besondere Herausforderung, die sich durch die Zusammenarbeit mit berühmten Künstlern und einer treuen Käuferschaft auszahlte. »Man kann sich solche Projekte nur leisten, wenn man auch Kunden findet, die bereit sind, für die Musik zu bezahlen«, erklärt Hänssler.

Neue Zeiten

Der Wandel der Musikindustrie hat auch Hänssler herausgefordert. Die Zeiten von CDs und physischen Tonträgern sind längst vorbei, und der digitale Wandel hat die Branche verändert. Das Streaming von Musik ist inzwischen die zentrale Einnahmequelle, jedoch auch eine Herausforderung für Nischengenres wie Klassik, die oft nicht die gleiche Rentabilität bieten wie Mainstream-Musik. Hänssler betont, dass der Wert der Musik sich verschoben hat – hin zu digitalen Medien, die vor allem langfristige Stücke und Klassiker erhalten können, während der Markt für physische Tonträger schrumpft.

In der heutigen Zeit, in der viele junge Menschen Musik oft nur nebenbei hören, fragt sich Hänssler, ob noch Raum für die Art des tiefen, konzentrierten Hörens bleibt, das er und seine Generation gekannt haben. »Wer setzt sich noch hin, hört eine Schallplatte und dreht sie dann um?«, fragt er nachdenklich. Dennoch bleibt er optimistisch und sieht die digitale Welt auch als Chance, neue, jüngere Zuhörer zu erreichen.

Für Hänssler ist Musik nicht nur ein Geschäft – es ist eine Leidenschaft, die in der Arbeit mit Künstlern und der Vermittlung von Musik weiterlebt. Das Ziel ist nicht nur die kommerzielle Verwertung, sondern auch die kontinuierliche Pflege eines Repertoires, das über Jahre hinweg den Wert der Musik bewahrt. Er sieht sich als »Inhaltsverliebten Marketingmann«, der sich trotz aller technischen Entwicklungen stets auf die Qualität der Musik konzentriert.

Der Wandel der Musikindustrie

Brüggemann fragt Hänssler, ob sich das Geschäft trotz der Medienwechsel im Kern gleich geblieben sei. Hänssler erklärt, dass der Wandel enorm war. Während früher physische Träger wie Langspielplatten und CDs dominierten, müssen Labels heute digital agieren. Streaming-Plattformen erfordern neue Geschäftsmodelle, und viele unabhängige Musikverleger hätten Schwierigkeiten, diese Chancen voll zu nutzen.

Streaming: Bedrohung oder Chance?

Hänssler sieht in der Digitalisierung auch Potenzial: »Die digitalen Einnahmen sind stabil.« Dennoch stellt er fest, dass nur ein kleiner Teil der Aufnahmen den Großteil der Einnahmen generiert. Besonders im Klassikbereich sei es schwer, profitabel zu bleiben. Werke, die wenig gestreamt werden, könnten schnell in den Hintergrund geraten. Gleichzeitig betont Hänssler, dass hochwertige Aufnahmen, die langfristig erfolgreich sind, weiterhin bestehen können.

Die CD als Marketing-Tool

Interessant ist Hänssler Einschätzung zur CD: Sie sei heute weniger ein Verkaufsprodukt als vielmehr ein Marketinginstrument. Während in den 80er- und 90er-Jahren CDs noch hohe Umsätze erzielten, dienen sie nun dazu, Künstler sichtbar zu machen.

Leidenschaft als Triebkraft

Hänssler reflektiert, dass seine persönliche Leidenschaft für Musik eine entscheidende Rolle beim Aufbau seines Labels spielte. Was einst als Buch- und Notenverlag begann, hat sich zu einem bedeutenden Klassik-Label entwickelt.

Der Podcast verdeutlicht, wie sich die Musikwelt verändert hat und wie Visionäre wie Hänssler diese Veränderungen mitgestalten. In einer Zeit, in der digitale Plattformen dominieren, bleibt seine Botschaft klar: Qualität und Leidenschaft sind die Konstanten im sich wandelnden Musikgeschäft.

Der Verlag

Als Leiter und Geschäftsführer des Tonträgerbereichs im Hänssler-Verlag baut er konsequent das Label hänssler CLASSIC auf, international renommiert und für seine Einspielungen mit sämtlichen Musikpreisen geehrt, die zu vergeben sind.  Als »Sternstunden-Sammler« wird er von der Presse zurecht bezeichnet, er hebt Schätze aus den Rundfunkarchiven. Seit September 2015 werden hänssler CLASSIC und Profil unter einem Dach geführt, dabei sollen beide Labels jeweils ihre Programm-Schwerpunkt behalten. Beide Labels haben insgesamt 14 Echos und 13 Grammy Nominierungen erhalten.

In letzter Zeit entstanden Mozart Violinkonzerte mit Frank-Peter Zimmermann, Thomas Fey’s Haydn Symphonien mit den Heidelberger Symphonikern, Gerhard Oppitz´ Beethoven Zyklus. Florian Uhligs Schumann-Zyklus, Lautenwerke mit Joachim Held, Gerd Schallers Zyklus mit Bruckner-Symphonien, Sviatoslav Richter Edition und ganz aktuell: die Hans Swarowsky Edition.

Auch bei hänssler CLASSIC etablieren sich Editionen, ein Schwerpunkt bildet Carl Philipp Emanuel Bach, zunächst mit der Einspielung der kompletten Klavierwerke auf 21 CDs mit Ana-Marija Markovina, den Flötensonaten mit der Solistin Dorothea Seel oder die vielbeachtete Einspielung der CPE Bach- Klavierkonzerte mit dem vielbeachteten Pianisten Michael Rische.

Zur Seite von Hänssler Klassik

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Liebe Ösi-Kurie,

ich finde es turboaffentittengeil, wie Ihr Eure Beine spreizt, Eure Stimme erhebt und andauernd rumpoltert (das ist der Ton, den Ihr versteht, oder?). Euer neuer Aufreger: Die »Wohlverhaltensklausel« bei den Salzburger Festspielen.

Liebes München,

Ich weiß, dass Du vor regionalem Stolz fast platzt wie eine Weißwurst. Und als Bremer frage ich Dich: Wie machst Du das nur, dass jeder, der zu Dir kommt, sofort zum Volksmusikclown

Die Zukunft der Oper

Die deutsche Opernlandschaft ringt um neue Visionen. Führende Intendanten wie Viktor Schoner, Tobias Kratzer, Matthias Schulz oder Serge Dorny und Stefan Herheim debattieren im Podcast von BackstageClassical die Neuausrichtung des Genres.

Lieber Habermas,

zu Lebzeiten hätte ich mich nie getraut, Dir zu schreiben! Aber jetzt bist Du tot. Und es gibt doch noch zwei, drei Dinge, die ich Dir gern sagen will.  Das erste ist,

Hinterhäuser schweigt: Wie geht es weiter in Salzburg?

Markus Hinterhäuser hat das Ultimatum des Kuratoriums verstreichen lassen. Nun wird am kommenden Freitag über seine Zukunft entschieden. BackstageClassical entwickelt ein Szenario der weiteren möglichen Schritte bei den Salzburger Festspielen. 

Klassik auf Wiedervorlage

Salzburg, Karajan, Timothée Chalamet – und ein Brief an Rolando Villazón. Außerdem schauen wir nach Bonn, in den Nahen Osten und Wolfram Weimer auf die Finger.

»Brief von Rolli«

Vor einiger Zeit hat BackstageClassical-Herausgeber Axel Brüggemann einen Brief an Rolando Villazón geschrieben: Es ging um seine Suche nach einer neuen Pamina für seine Konzerte. Hier antwortet der Sänger dem Journalisten.

Grenell muss Kennedy Center verlassen

Richard Grenell, ein enger Vertrauter des früheren US-Präsidenten Donald Trump, verlässt nach rund einem Jahr seinen Posten als Leiter des John F. Kennedy Center for the Performing Arts in Washington.

Bonn sucht seine Bühne

Bonn steht vor einer Grundsatzentscheidung: Sanieren oder neu bauen? Die maroden Theatergebäude zwingen die Stadt, über einen neuen Kulturstandort nachzudenken – mit möglichen Folgen für Stadtbild, Kosten und kulturelle Identität.

Verpassen Sie nicht ...