Zum 150. Jubiläum drehen die Bayreuther Festspiele ihre Geschichte auf links. Katharina Wagner holt ausgerechnet den historisch belasteten Rienzi zurück und macht aus der Premiere einen Abend über Macht, Erinnerung und die Frage, worauf Diktaturen wirklich stehen.
Bei Necker-Würfeln weiß man nicht genau, wo vorne ist und wo hinten, wo dunkel und wo hell. Necker-Würfel sind indifferent, und sie zieren zahlreiche Mosaike in Rom. Die diesjährigen Bayreuther Festspiele sind auch so etwas wie Necker-Würfel. Zum 150. Jubiläum changieren hier unablässig Innen- und Außenansichten. Auf der einen Seite der unbedingte Wille zu feiern, auf der anderen die harsche Kritik am Umgang der Festspiele mit ihrer eigenen Geschichte und Wagners Antisemitismus.
Die Reaktion der Festspielleitung ist mutig. Katharina Wagner holt mit dem Rienzi ausgerechnet eine Oper auf die Premierenbühne, die nicht zum Bayreuth-Repertoire gehört und durch Hitlers Begeisterung für den Aufstieg (und Fall) des römischen Volkstribunen historisch mächtig kontaminiert ist. Und dann dies: Zum Festprogramm hängt hinter dem Orchester ein Prospekt auf der Bühne, auf dem Adolf Hitler mit Champagnerbecher im angeregten Gespräch mit den Wagner-Nazis Winifred Wagner und Heinz Tietjen zu sehen ist. Einen Tag vor der Antisemitismus-Rede von Michel Friedman am gleichen Ort.
Der braune Elefant im Licht
Katharina Wagner macht ernst: Sie dreht die Bayreuther Festspiele einmal durch den historischen Necker-Würfel. Die dunklen (und so oft versteckten) Kapitel des Hauses werden ins Licht gezogen. Der braune Elefant wird für alle sichtbar. Und das Konzept geht auf: Michel Friedman lobt in einer anregenden Rede Wagner für ihre Offenheit, beide betonen, Freude daran zu haben, aufeinander zuzugehen. Und die Festspielpremiere des Rienziist gerade deshalb so spannend, weil sie die Handlung eben nicht auf den Obersalzberg verlegt, sondern mitten in unseren multimedialen News-Alltag.
Und am Anfang stehen auch hier: Necker-Würfel. Die einzelnen Quader entpuppen sich als Block aus Wohneinheiten, in denen die Menschen auf engem Raum und pausenlos von einem Einheitsfernsehprogramm berieselt werden. Das Regie-Duo Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka zeigt unsere Gegenwart in Schwarz-Weiß-Quadern, in denen die Intimität des Wohnens ständig mit der Informationsflut der Außenwelt abwechselt.
In einem der Quader wohnen Rienzi und seine Schwester Irene. Die Regisseurinnen deuten an, dass sie auch mehr sein könnten: ein typisch wagnerisches Inzestpaar mit einem gemeinsamen Sohn, den sie als Bruder ausgeben. Schon in der Ouvertüre stirbt das Kind und eröffnet einen weiteren Erzählraum: Die politische Karriere Rienzis verwebt sich mit dem Trauma um seinen Sohn und seine Schwester. Das Politische ist privat, das Private politisch.
Das alte Forum in Rom (hier eine weiße Arena) wird zum »Marktplatz« permanenter Meinungen, Bewertungen und Trendrechnungen. Hier werden Wahlprognosen per Bildschirm projiziert, hier hebt das Volk unentwegt den Daumen – oder senkt ihn. Hier wird das Verhalten Rienzis am Totenbett seines Sohnes ebenso kommentiert wie seine flammenden politischen Reden. Und die Politik wird zur Diktatur des permanenten Urteils. So setzt Rienzi sich gegen die adeligen Familien in Rom durch: Er ist ein hemmungsloser Populist. Bei Wagner heißt das: »Volkstribun«.
Reinste Machtpsychologie
Und der reitet sich immer weiter in die persönliche Katastrophe. Seine geliebte Schwester verliebt sich in den Sohn seines Feindes, in Adriano. Wagner besetzte die Rolle mit einer Frau, Szemerédy und Parditka zeigen sie als fluiden Menschen, der sich zwischen das Geschwisterpaar schiebt.
Die Spirale aus öffentlicher Meinung, der Sehnsucht des Volkes nach starken Führern und Rienzis Begabung, dem Volk zu geben, was es sucht, dreht immer weiter ins Dunkle: Kriege werden geführt, Menschenmassen erschossen, und die Stimmung kippt. Rienzi verfällt in Wahn und ist bereit, in einen hellen Himmel aufzusteigen, der in Wahrheit so dunkel wie die Hölle ist.
Szemerédy und Parditka inszenieren einen vielschichtigen Ritt durch die menschliche Machtpsychologie und assoziieren dabei so wild und genial wie Hans Neuenfels in seinen besten Jahren. Und vor allen Dingen haben sie auch Spaß: Im Ballett des zweiten Aktes tritt ein goldener Mini-Wagner auf und dirigiert ein Theater seines Größenwahns: Charaktere aus allen zehn Bayreuth-Opern treten auf. In den Pausen drängelt sich das Publikum erst vor dem Bierstand, dann vor den Toiletten des Festspielhauses. Eine Clownerie, die im Finale zur Dystopie wird: Die Bayreuther Bühne liegt in Schutt und Asche. Der Mensch hat sich selbst zu Tode gespielt.
All das ist so zwingend und so zeitlos, dass es bedrückender wirkt als eine bloße Hitler-Parodie. Dieser Rienzi zeigt uns: Wir alle – jeder Einzelne – sind das Fundament, auf dem jeder Diktator steht.
Der französischen Dirigentin Nathalie Stutzmann gelingt auch ein musikalischer Necker-Würfel: Auf der einen Seite lässt sie das große Tschingderassabumm der Pariser Grand Opéra hören, die Wagner am Anfang seiner Karriere inspirierte, auf der anderen blättert sie weiter und lässt Motivfetzen aus dem Graben plumpsen, die eindeutig Lohengrin, Tannhäuserund den Fliegenden Holländer vorahnen lassen. All das gelingt Stutzmann ohne erhobenen Finger. Tatsächlich spannt sie einen großen (fast vierstündigen) Bogen über die Partitur: derb, wo es sein muss, und bedrohlich – und auch im Hellen schwingt stets die Nacht mit.
Das Ende des Diktators
Andreas Schager tut, was Wagner in dieser Oper von einem Tenor verlangt: Er schreit, er agitiert, er mahnt die Massen – meist in einem beeindruckenden Fortissimo. Und das muss er auch, so oft singt er über dem (von Thomas Eitler-de Lint vortrefflich einstudierten) Chor. Und man hört inzwischen auch, dass Schager bewusst an seinen leisen Momenten arbeitet. Dass ihm die Stimme beim letzten Gebet im fünften Akt bricht, können Musikkritiker à la Beckmesser als selbstverschuldeten Makel ankreiden. In diesem Moment aber erreicht ein despotischer Schreihals (so nannte Wagner seinen Rienzi), der sein Leben und seine Stimme der eigenen Karriere opfert, tatsächlich auch sein Ende. Schager ist in diesem Sinne ein Method Singer.
Beide Frauenrollen ließen sich von Schagers Temperament anstecken und drehten ebenfalls (vielleicht manchmal zu sehr) an den Lautstärkereglern ihrer Stimmbänder. Gabriela Scherer gelang im Finale als Irene aber eine ergreifende Innenansicht ihrer Psyche, und Jennifer Holloway gelang der vokale Necker-Würfel zwischen sinnlichem Liebhaber und leidenschaftlichem Politiker – ein wenig mehr Genauigkeit in der Diktion hätte die Rolle noch erweitert.
Im Vorfeld der Bayreuther Festspiele gab es viele Bedenken. Bereits an ihrem zweiten Tag konnten einige davon ausgeräumt werden. Nicht, weil Rienzi historische Schuld relativiert oder Bayreuth sich freispricht. Sondern weil die Inszenierung die Perspektive verändert und Licht auf das wirft, was sonst im Schatten bleibt.
Transparenzhinweis: Axel Brüggemann moderiert das Open Air der Bayreuther Festspiele.

