Fünf Fragen an Bayreuth 

Mai 27, 2026
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Gegenwart und Vergangenheit der Bayreuther Festspiele, wie die KI sie sieht.

Wagner-Experte Stephan Mösch hat ein neues Buch über die Geschichte der Bayreuther Festspiele vorgelegt. Hier antwortet er auf fünf Fragen über Vergangenheit und Zukunft der Wagner-Festspiele.

Auf fast 700 Seiten präsentiert, ordnet und analysiert der Musikwissenschaftler Stephan Mösch die Geschichte der Bayreuther Festspiele anhand von Quellen: Bislang ungelesene Briefe, Diagramme mit Tempoarchitekturen, Notizen von Dirigenten in ihren Partituren: Mösch gräbt spannende Quellen aus und erklärt uns, warum wir immer wieder staunen können. Wir werden sein neues Buch »Bayreuth als Theater. Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte« (Bärenreiter) noch ausführlich vorstellen. An dieser Stelle haben wir dem Autor erst einmal fünf Fragen gestellt und bitten um kurze Antworten.

Was ist der ärgerlichste  Bayreuth-Mythos? 

Noch immer wird in Hinblick auf den Antisemitismus rigoros zwischen Wagner und seinen Epigonen getrennt. Man versucht damit, den »Meister« rein zu waschen. Es ist noch nicht lange her,  da hat ein Wagner-Verehrer türenschlagend den Saal verlassen, als ich das Thema bei einem Vortrag anschnitt. Und kürzlich saßen in der Stuttgarter »Meistersinger«-Premiere ähnlich gesinnte Menschen und versuchten, die Aufführung zu stören, weil Paul Celans »Todesfuge« zugespielt wurde. Da macht sich ein aggressiver Neo-Konservativismus breit. Er schlägt bei Wagner besonders durch und imaginiert sich – so absurd das ist – gerade bei diesem Komponisten Kunst als konfliktfreien und geschichtslosen Raum. Natürlich gab es Verschiebungen und Verfälschungen nach Wagners Tod. Doch wäre die Entwicklung ohne ihre Wurzeln undenkbar, und die führen nun einmal zu ihm. Die Metapolitik, die Wagner mit und durch Bayreuth betreiben wollte, war antisemitisch konnotiert. Er war sich darin mit dem Staatsrechtler Constantin Frantz und vielen anderen Publizisten und Politikern ebenso einig wie in der Ablehnung von Bismarcks Nationalstaat, der in den ersten Jahren liberal grundiert war und den Juden vielfältige Bürgerrechte einräumte. In der Wagner-Dynastie wurden die Denkmuster und Überfremdungstheorien ausgebaut, stets mit Bezug auf den »Meister«. Cosima Wagner und Chamberlain lassen sich dabei so wenig auseinander dividieren wie Siegfried und Winifred Wagner. Jüdische Wagnerianer haben sich dazu immer wieder und in aller Klarheit geäußert. Der Bayreuther Rabbiner Dr. Falk Salomon schrieb 1924 direkt nach Wahnfried, die Gefahr bestehe weniger in ein paar Fanatikern, sondern darin, dass die antisemitische Bewegung staatstreue und konservative Kreise »erst künstlich in den Radikalismus« hineindränge. Daran heute zu erinnern, kann nicht schaden.

Diese Quelle bedeutet mir besonders viel…

Ich habe ein dreiviertel Jahr über den Partituren gebrütet, die sich Felix Mottl eingerichtet hat, bevor er seinen ersten eigenen »Ring« dirigierte. Das war nicht in Bayreuth, aber Mottl war 1876 bei der ersten Einstudierung als Assistent dabei gewesen. Er hat vieles von Wagners Probenanweisungen gesammelt und konkret in seine eigene musikalische Praxis übersetzt. Man versteht den Weg vom Erstdruck der Partituren zur klingenden Realisierung. Man versteht auch, wie neu diese Musik damals war. Und warum sie im Laufe des 20. Jahrhunderts so oft missverstanden wurde. 

War Wolfgang Wagner wirklich ein Langweiler?

Wer sagt das? Was ich wahrnehme, ist eine Trennung zwischen Wolfgang Wagner als glänzendem Festspielleiter und glanzlosem Regisseur. Das hat dazu geführt, dass man einer wissenschaftlichen Annäherung an sein Lebenswerk vielfach aus dem Weg gegangen ist, anders als bei seinem Bruder Wieland. Ich habe versucht, beiden Brüdern gerecht zu werden. Wolfgang Wagner hat als Festspielleiter die Balance zwischen ästhetischer Originalität und dem gewachsenen Bayreuther Gedächtnis ganz anders ausbalanciert als sein Bruder. Das ist mit dem Schlagwort vom Pluralismus nicht zu erfassen. Man muss Wolfgang Wagner in den Kontext der gesellschaftspolitischen, aber auch geisteswissenschaftlichen Entwicklung der 1970er Jahre stellen, um seinen Erfolg zu verstehen. Er hat sich dazu nicht direkt geäußert, weil er wusste, wo seine Grenzen sind. Aber er hat sich gehäutet und viel dazu gelernt. Die Quellen geben darüber Auskunft.

Warum hat Karajan Bayreuth so wenig geprägt? 

Wenn es stimmt, was Wieland Wagner in einem Interview gesagt hat, dann fuhr Karajan Anfang der 1930er Jahre mit dem Fahrrad von Salzburg nach Bayreuth, um Toscanini zu hören. Seitdem haben ihn die Festspiele nicht mehr losgelassen. Mit der Wagner-Familie war er schon in der NS-Zeit bekannt. Dass er nach dem Krieg eine Rolle spielen würde, war nach der internen Logik alles andere als eine Überraschung. Er hat sich dann um 1950 massiv eingebracht und die Enkel vielfältig unterstützt, nicht nur beim Aufbau des Orchesters. Wenn man moderne Kriterien von Kommunikation, Planungsvorläufen, Transparenz, Mitarbeiterführung usw. anlegt, war Karajan seiner Zeit weit voraus. Bayreuth konnte damals nicht mithalten, auch nicht mit seinem Tempo. Deshalb zog er sich zurück. Natürlich arbeitete er nicht uneigennützig, wollte sich medial in Stellung bringen und auch experimentieren. Trotzdem ist es eine Konstruktion der Bayreuther Geschichtsschreibung, dass er seiner Eitelkeit und Originalitätssucht zum Opfer fiel und deshalb an Bayreuth scheiterte. Die Zeitgenossen haben seine Dirigate als »Ausdruck eines neuen Lebensgefühls« begrüßt. Und Wieland Wagner hat ihn noch 1965, unmittelbar nach Knappertsbuschs Tod gefragt, ob er den »Parsifal« übernehmen wolle. Erst danach war Pierre Boulez an der Reihe.

Was kann Bayreuth aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen? 

Es gibt da keine schnellen oder einfachen Weisheiten. Bayreuth ist immer das Besondere und das Allgemeine zugleich. In diesem Sinn wurde Verantwortung von den Festspielleiterinnen und -leitern in den letzten 150 Jahren sehr unterschiedlich wahrgenommen. Insofern ließe sich aus jeder Epoche etwas lernen – im Guten wie im Schlechten. Die Festspiele mussten sich immer wieder neu erfinden. Nach Wagners Tod genauso wie nach den beiden Weltkriegen. Und sie müssen es auch heute, wo der Konsens zwischen Subvention und Subversion bröckelt und die sogenannte »Hochkultur« vielen Gefährdungen und gesellschaftlichen Veränderungen ausgesetzt ist. Ich denke aber: Die Matrix der Festspiele ist in sich so reich, dass das gelingen kann. 

Stephan Mösch

Prof.Stephan Mösch absolvierte ein Doppelstudium: Musik-, Theater- und Literaturwissenschaft in Berlin, sowie Gesang in Berlin und Stuttgart.
Von 1994–2013 arbeitete Stephan Mösch als Chefredakteur der Fachzeitschrift »Opernwelt« (Berlin). In diesen Jahren war er auch Mitherausgeber des Jahrbuchs »OPER« und einer CD-Reihe. 2004 wurde »Opernwelt« mit der Gottlob-Frick-Medaille in Gold ausgezeichnet. Seit 25 Jahren schreibt Stephan Mösch für das Feuilleton der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« und arbeitet für Radioanstalten der ARD. Wiederholt wurde er als Experte zu Fernsehsendungen eingeladen, unter anderem zu den ersten Live-Übertragungen von den Bayreuther Festspielen (Arte, ZDF/3sat, BR).
Im Jahr 2022 wurde Stephan Mösch zum Mitglied der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste gewählt. 2024 war er Stipendiat der Kempff-Kulturstiftung (Berlin/Positano).

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