
Willkommen in der neuen Klassik-Woche,
heute mit einer großen Glocke der Provokation, einer Frage nach der Bedeutung von Musik an unseren Opernhäusern, ein wenig Dirigenten-Gossip und vier Köpfen für ein Happy End.
Milo, Du bist kein Christoph!
Ich halte sehr viel von Christoph Schlingensief. Seine größte Innovation war es, die Mittel der Kunst in dem, was wir Wirklichkeit nennen, auszuprobieren: Eine Kunst-Partei (Chance 2000), die bei der Europa-Wahl antrat, eine Kunst-Talkshow (Talk 2000) die im echten Fernsehen lief und ein Kunst-Abschiebungs-Spiel, das mitten in Wien die Rechten auf die Palme brachte. Nun wird das MAK in Wien eine große Schlingensief-Retrospektive zeigen, initiiert unter anderem von Milo Raus Wiener Festwochen. So sehr ich mich auf die Ausstellung freue, erhebe ich Einspruch, wenn der Verdacht entsteht, dass Rau ein legitimer Nachfolger Schlingensiefs wäre. Schlingensief nutzte das anarchische Trotz- und Provokationspotenzial der Kunst, um die Grenzen seiner Wirklichkeit herauszufordern, während Rau den Raum der Kunst nutzt, um die Provokateure unserer so genannten »echten Welt« hineinzulocken und hier Schein-Kämpfe zwischen Nazis und Demokraten auszufechten. Die »Freie Republik« von Milo Rau ist eine spießige »Reichsbürgertümelei« innerhalb der Kunst. Rau fehlt Schlingensiefs Lust an der Naivität, und der Schalk seiner Anarchie! Meine Überlegungen zu den beiden Antipoden (und zur Spießer-Kunst von Florentina Holzinger) lesen Sie hier.

Der Dirigenten-Gossip der Woche
Unter uns Journalisten ist es ein lustiges Spiel, wer was zuerst schreibt, noch wichtiger ist aber, was am Ende stimmt. Nachdem Kollege Norman Lebrecht letzte Woche so sicher auf Santtu-Matias Rouvali als kommenden Chefdirigenten in Cleveland gesetzt hatte (und wir immer wieder hören, dass das Orchester erst Ende des Jahrs entscheiden wird), sind wir heute mal an der Reihe und spekulieren (nach Rücksprache mit unseren US-Quellen), dass Elim Chan ziemlich sicher nach San Francisco gehen wird. Und weil wir gerade dabei sind, legen wir noch einen drauf: Zieht es Daniel Harding etwa nach Los Angeles? Wie schreibt Norman (best wishes!) so gern: »You read it here first« 🙂

Hat die Musik in der Oper noch Vorfahrt?
Die Diskussion schwelt schon einige Zeit, zuletzt kochte sie bei der GMD-Konferenz hoch: Viele Dirigentinnen und Dirigenten beklagen, dass die Rolle der Musik innerhalb unserer Opernhäuser immer weiter in den Hintergrund rückt. Bemerkenswert offen äußert sich nun die Musikchefin der Oper in Kopenhagen und die designierte Chefdirigenten des WDR Sinfonieorchesters, Marie Jacquot, im aktuellen BackstageClassical-Podcast. Die Musik dürfe nicht nivelliert werden, mahnt sie, die Programme sich nicht allein an Publikumsumfragen ausrichten. Orchester und ihre Dirigenten bräuchten Rückhalt für die Kunst aus der Intendanz. Außerdem geht es um die aktuelle Vielfalt der Dirigierstile und darum, wie man es heute noch schaffen kann, etwas Eigenes zu hinterlassen. Eine unbedingte Hörempfehlung!
GEMA heim?
Der Drops ist gelutscht. Was für ein Krimi: Peter Ruzicka reichte auf der Zielgeraden noch erfolglos Beschwerde beim Bundeskartellamt ein, Moritz Eggert kämpfte einen letzten Kampf, und die »E-Musik«-Lobby verschickte kurz vor der finalen GEMA-Versammlung vermeintliche »Beweise« einer Wahlmanipulation in allerhand Redaktionen (auch an uns). BR Klassik nahm das Thema schließlich auf, was am Ende auch nichts änderte. Letztlich waren die leisen Töne erfolgreicher: Der neue Präsident des Komponistenverbandes, Alexander Strauch, (er ist auch Autor bei BackstageClassical) verhandelte gemeinsam mit seinen Truppen noch einige Vorteile für E-Komponisten in die Reform. In den Kommentarspalten wurde jetzt vielerorts das Ende des Abendlandes beschworen. Aber das ist übertrieben! Es ging im GEMA-Streit oft auch um egoistische Interessen (ich ordne hier ein), und es war (wie Shoko Kuroe bei uns schrieb), wichtig, Vernunft und Gemeinsinn walten zu lassen. Letztlich ist die Reform ein Ausrufezeichen: Die GEMA hat die schwindende Rolle der Klassik in der Gesellschaft lediglich nachvollzogen. Nun ist es an uns, sie wieder zu stärken – nicht durch weitere Grabenkämpfe, sondern durch spannende Projekte.

Vier Köpfe für ein Happy End
Salzburg hat eine Findungskommission: Der frühere Geschäftsführer der Bundestheater-Holding, Christian Kircher, Dirigent Franz Welser-Möst sowie die Intendantinnen Nora Schmid (Semperoper Dresden) und Sonja Anders (Thalia Theater Hamburg) werden die Hearings für die neue Festspielintendanz führen, nachdem Markus Hinterhäuser vorzeitig gehen musste. Nun geht es darum, Kandidatinnen und Kandidaten mit Visionen zu finden, die Salzburg mit Vielfalt statt mit alten Netzwerken bespielen, mit Teamgeist statt mit egoistischer Exzentrik. Nora Schmid macht das an ihrer Semperoper gerade ziemlich gut vor. Die Bewerbungsfrist endet am 5. Juni, die Gespräche finden nach den Festspielen statt, die neue Intendanz (und Präsidentschaft) soll Ende Oktober benannt werden.

Ist die Met am Ende?
Einer der meistgelesenen Artikel bei BackstageClassical war diese Woche der Brief an die Metropolitan Opera in New York. Ist das Haus am Ende? Lange wurde die Oper von den reichsten Familien des Landes getragen, dann von den großen Firmen der USA – heute fühlt sich niemand mehr verantwortlich. Und Intendant Peter Gelb gehen nach dem geplatzten Saudi-Deal langsam die Ideen aus. Er träumt von einem Multimilliardär und einer Milliarden-Spende, von deren Zinsen er dann leben will. Doch da kann Gelb wohl lange warten. An der größten US-Oper zeigt sich eine grundsätzliche Krise der Klassik, die auch Europa treffen könnte: Es geht um die Schlüsselfrage, welche Rolle die Kunst noch innerhalb unserer Gesellschaft hat – und wer bereit ist, sie zu finanzieren. Meine Beobachtungen dazu hier.
Personalien der Woche
Ein Gericht in der georgischen Hauptstadt Tiflis hat den Bass Paata Burchuladze wegen der Organisation von Protesten verurteilt. Der 71-jährige erklärte, er habe »nichts zu rechtfertigen« und sei weiterhin überzeugt, »auf dem richtigen Weg« zu sein. Zugleich äußerte er scharfe Kritik an der aktuellen Führung des Landes und zeigte sich zuversichtlich, dass sich die politische Lage in Georgien grundlegend ändern werde. Mehr hier. +++ Nichts Genaues weiß man nicht: Nach 23 Jahren bei den Nürnberger Symphonikern muss IntendantLucius Hemmer gehen. Warum? Unklar. Von fristloser Entlassung reden die einen, die anderen dementieren. So oder so: Das Orchester steht mitten im Jubiläumsjahr vor einem Scherbenhaufen. +++ Es folgt KEINE Buchempfehlung: Der AfD-Bundestagsabgeordnete und ehemalige Cellist des Leipziger Streichquartetts, Matthias Moosdorf, hat ein Buch herausgebracht, in dem klar wird, was Kulturpolitik der AfD bedeutet: Kultur von Rechts beschreibt, wie der AfD-Politiker sich selber als Verteidiger des »Guten, Hehren und Schönen« installiert, um systematisch eine Kulturpolitk gegen jene zu etablieren, die eine andere Kunstauffassung haben als er. Liebe Parteien, die AfD beherrscht nicht nur TikTok, sondern will auch über die Kulturpolitik ihre Ideologie voranbringen. Kultur ist kein »Nebenfach« – auch nicht in der Politik. Sie ist ein Kampffeld um unsere Zukunft! Überlasst es nicht den Radikalen!
Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?
Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier! Dieses ist zwar ein Klassik-Newsletter, aber große Musik braucht immer auch große Themen. Ich lese seit einigen Wochen an einem echten literarischen »Schinken«: Dimitré Dinevs Zeit der Mutigen ist einer der besten Romane, die ich in den letzten Jahren gelesen habe: Die zutiefst menschliche Geschichte seines Protagonisten Meto und seiner Familien torkeln durch das letzte Jahrtausend und erzählen genau das, woran wir in einer verrückten Welt immer wieder erinnert werden sollen: Mut ist oft nur Mitgefühl, Empathie und Anstand. Tugenden, die uns in einer harten Welt zuweilen stolpern lassen – aber am Ende retten sie unserem Dasein den Sinn und bleiben der wahre Sieger jeder Geschichte – in Romanen, wie in unserer Welt, die (schaut man den einzelnen Menschen in die Herzen) vielleicht gar nicht so kalt ist wie sie erscheint. Sie sollten sich die 1.200 Seiten schon mal als Sommerlektüre besorgen.
In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif
Ihr
Axel Brüggemann

