Zukunft ist immer

März 23, 2026
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Simon Rattle und Lahav Shani in Lederhosen (Bild: KI)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute geht es um das Ende des Theaters in Ingolstadt, um die Zukunft der Oper in der ganzen Welt, um eine Salzburg-Nachlese und um das neue »Umarmungstheater«. 

Ingolstadt: Kein Geld für das Theater 

Die Meldung war relativ klein, aber die Geschichte dahinter ist gigantisch! Ingolstadt muss sein Theater schließen. Der Grund: Die Stadt hat kein Geld mehr, um die Sanierung zu bezahlen. Besonders die Steuern, die der Autohersteller Audi einst zahlte, sind dramatisch eingebrochen – und damit der gesamte Haushalt. Für »freiwillige Leistungen« wie die Kultur ist kein Geld mehr da. In einem dramatischen Podcast warnte der ehemalige Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins und der heutige Kulturreferent von Ingolstadt, Marc Grandmontagne, bereits vor einem Jahr bei BackstageClassical vor dem kulturellen Ausverkauf seiner Stadt. Er beklagte, dass es in vielen Städten und Gemeinden nicht mehr um die Frage ginge, wo man noch sparen könne, sondern darum, was man schließen müsse. Nun scheint es in Ingolstadt so weit zu sein. Bayerns fünftgrößte Stadt ist in Sachen Kultur handlungsunfähig. Bleibt die Frage: Wo ist das Sondervermögen, wenn es man es wirklich braucht? 

Richtungsstreit im Komponistenverband

Es brodelt im Deutschen Komponistenverband. Präsident Moritz Eggert hat sich im Kampf gegen die GEMA-Reformen weit aus dem Fenster gelehnt. Dabei gelang es ihm mit seinem Engagement, die Reform der Verwertungsgesellschaft vorerst zu stoppen. Doch nun weht ihm Wind aus dem eigenen Verband entgegen. Eggerts oft auf den Grenzen tanzende Social-Media-Kampagne ging manchen Mitgliedern zu weit – einige verließen den Verband aus Protest (die Rede ist von 15 Prozent). Nun zieht der Komponist die Konsequenz und kündigt an, am Ende seiner Amtszeit nicht weiter zur Verfügung zu stehen – bis dahin wolle Eggert sein Amt nur noch »formal« ausüben. In einem Schreiben wirft er Teilen des Vorstands vor, den Verband instrumentalisiert zu haben. Kritische Stimmen zur GEMA-Reform seien ausgebremst worden. Wörtlich beschreibt Eggert Vorstandssitzungen als »Minenfeld« und spricht von einem Klima, in dem sachliche Arbeit kaum noch möglich gewesen sei. Für die im Mai geplante Neuwahl spricht sich Eggert für einen personellen Neubeginn im Vorstand aus.

Hommage ans Umarmungstheater

Es war nicht erst Timothée Chalamet, der die Frage aufwarf, ob die Oper in unserer Zeit überhaupt noch eine Bedeutung hat. Ist unsere Kunst wirklich noch relevant? Rechtfertigt sie die enormen Kosten, die sie verursacht? Und in welche Richtung muss sie sich bewegen, um gegenwärtig zu bleiben? Der aktuelle Podcast von BackstageClassical beflügelt diese Diskussion – unter anderen mit Viktor Schoner aus Stuttgart, Tobias Kratzer aus Hamburg, Serge Dorny aus München, Matthias Schulz aus Zürich, Aviel Cahn, bald in Berlin, und Stefan Herheim aus Wien. Es geht um Milliarden-Finanzierungen für Neubauten und Renovierungen, um moderne Strukturen der Häuser– vor allen Dingen aber um die Frage, ob das Krawalltheater nicht längst vom »Umarmungstheater« abgelöst wurde.

Uns ist bewusst, dass der Podcast ein wenig männerlastig ausgefallen ist. Deshalb hier noch einige Links zu anderen Podcast-Perspektiven von weiblichen Intendantinnen:

Salzburgs unendliche Geschichte

Wir würden ja gern auch endlich dieses leidige Kapitel schließen und die Causa Markus Hinterhäuser nicht andauernd weiterspinnen. Aber auch die letzte Salzburger Kuratoriumssitzung hat noch keine endgültige Lösung gebracht: Nun werden wohl die Anwälte beider Seiten die Vertragsauflösung des Intendanten der Salzburger Festspiele in die Wege leiten. Es ist kein Geheimnis: BackstageClassical hat Hinterhäusers Amtsführung schon früh kritisiert – und dafür auch viel Kritik eingesenkt. Deshalb hier nun der Versuch, seine Zeit in Salzburg noch einmal zu würdigen, und zu erklären, wie seine Amtsführung in den letzten Jahren gekippt ist. obwohl der Drops längst gelutscht scheint, hat sich Österreichs Kunst-Kurie noch einmal ins Zeug gelegt, um für Hinterhäuser zu kämpfen. Ob diese Leute immer noch nicht verstanden haben, dass ihr hemdsärmeliger Aktionismus und ihre altbackene Kunstauffassung auch ein Grund dafür waren, warum Hinterhäuser nun wohl gehen muss? Hier mein Brief an sie

Russische Recherchen

Schon vor einigen Wochen hatte mich die Redaktion der französischen Zeitung Le Monde für ihre Recherchen über den Dirigenten Teodor Currentzis kontaktiert. Nun ist ein ausführliche Artikel über die Verbindungen von Currentzis und Valery Gergiev zum System Putin erschienen. Die Autoren Benjamin Quénelle und Tatiana Weimer kritisieren, dass Putins Kulturpolitik keine soft power mehr ist, sondern eine sharp power, und dass Currentzis eine Art kulturpolitische »Grauzone« bespielt. Ihr Resümee: »Er profitiert vom Schweigen als Laissez‑passer, während die Finanzierung seiner russischen Ensembles de facto Teil des russischen Propaganda‑ und Machtapparats bleiben.« Auch die ukrainische Seite united24 widmet sich in ihren aktuellen Recherchen den Geldflüssen rund um Currentzis, um den Oligarchen Dmitry Aksenov und den russischen Politiker und Militär, Dmitry Sablin. 

Personalien der Woche

Die Bayerische Staatsoper tut alles, um Intendant Serge Dorny in perfektes Licht zu rücken: Erst vermeldet der Intendant eine Auslastung von 99 Prozent, dann, dass er zum Präsidenten von Opera Europe gewählt wurde. Schielt da etwa jemand nach Salzburg? +++ Kein Interesse an der Leitung der Salzburger Festspielen bekundete derweil der Dirigent Franz Welser-Möst. In der österreichischen Zeitung Kurier sagt er: »Die wenigsten wissen, was sie nicht können. Ich weiß das genau. Und ich weiß, was für eine Belastung so ein Job ist.« Welser-Möst glaubt, dass nun eine Management-Figur die Geschäfte übernehmen solle. +++ Nach einem Unfall bei einer Aufführung von Schneewittchen in der Kieler Oper wurde auch eine geplante Aufführung für Sonntag abgesagt. Am vergangenen Wochenende ist eine Darstellerin von der Bühne gestürzt. Sie verletzte sich dabei schwer und wird nach wie vor in einem Krankenhaus behandelt, teilte das Theater am Freitag mit. Wie es zu dem Unfall kommen konnte, ist bisher nicht bekannt. +++ Mit einem zünftig bayerischen »Servus« wird Lahav Shani auf den neuen Plakaten der Münchner Philharmoniker begrüßt – ein weltoffenes »Shalom« wäre auch schön gewesen.

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann? 

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier? Der gerade verstorbene Philosoph Jürgen Habermas erinnert uns in seinem Vermächtnis an eine der wesentlichen Aufgaben der Musik. Anders als bei Adorno spielte die Klassik im Werk Habermas‘  kaum eine Rolle. Wohl aber die Kommunikation über die Kunst an sich. Musik war für Habermas – auch hier unterschied er sich von Adorno – kein Fluchtort für eine bessere Welt, sondern eine Möglichkeit, um über unsere reale Welt ins Gespräch zu kommen. Ich habe Habermas einen »Brief von Brüggi« nachgeschrieben!

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüggemann 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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