Lieber Habermas,

März 16, 2026
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zu Lebzeiten hätte ich mich nie getraut, Dir zu schreiben! Aber jetzt bist Du tot. Und es gibt doch noch zwei, drei Dinge, die ich Dir gern sagen will. 

Das erste ist, dass ich immer eher ein Fan von Dir als von Theodor war. Du hast die Musik an sich zwar nie sonderlich ernst genommen, Dich aber auch nie über Komponisten definiert und erhoben und dich dabei selber desavouiert, indem Du Leute Hans Werner Henze heruntergeputzt hast.

Vor allen Dingen aber warst Du immer ein Vertreter der Position, dass der wahre Grund der Musik nicht allein die Musik sein kann. Du warst kein Pessimist wie »Theodor Weh«, der die Kunst als Fluchtort brauchte. Für Dich war Musik nie die bessere Wirklichkeit. 

Für Dich, lieber Habermas, war Kunst – und die bürgerliche Musik des 18. Jahrhunderts ins Besondere– stets ein Grund zur Kommunikation. Musik hat für Dich lediglich einen Raum geschaffen, in dem wir uns ästhetisch und argumentativ austauschen können. Du hast uns Musikkritiker ernst genommen, weil Du uns einen eigenen Ort zugestanden hast. Musik war für Dich keine Traumwelt, sondern Anlas für  Rationalität im Diskurs.

Du seist »religiös unmusikalisch« hast Du einmal gesagt, Habermas. Für Dich waren Beethoven und Bach keine Götter, sondern Menschen – so wie Du selber.     

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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