Der Literat Christoph Hein legt fünf Bach-Novellen vor. Eine Suite kleiner, literarischer Menuette: Leicht, beschwingt, dem Tode nahe – und mit beiden Beinen auf der Erde.
English summary: Christoph Hein’s The Havelberg Concert presents five short novellas about Johann Sebastian Bach. Like a light literary suite, they portray quarrels, court politics, unrecognized genius, and Bach’s final days. The witty miniatures show the composer as both deeply human and quietly extraordinary.
Manche spielen Bach, um ihre Welt zu ordnen, um klare Gedanken in schwierigen Zeiten zu fassen. Der Literat Christoph Hein scheint den Komponisten ebenfalls als Komplexitäts-Detox zu nutzen, als literarische Fingerübung nach Mammutromanen. Letztes Jahr hatte er mit dem Narrenschiff ein faszinierendes Panoptikum über das allzu Menschliche in der DDR von ihrer Gründung bis zu ihrem Verfall vorgelegt. Nun überrascht Hein mit einem 77 Seiten leichten Novellenband in der Insel-Bücherei. Unter dem Titel Das Havelberger Konzert verbergen sich fünf Miniaturen über den Thomaskantor.
Hein hat viele persönliche Bezüge zu Bach: Er wuchs in Bad Düben, nördlich von Leipzig auf – in einem Pfarr-Haushalt. Heute ist er mit der Opernsängerin Maria Husmann verheiratet. Die Klassik-Affinität liegt auf der Hand.
Das Besondere an dem kleinen Bändchen ist seine vermeintliche Nebensächlichkeit. Keine h-Moll Messe, sondern eher eine kleine Suite aus ganz unterschiedlichen Einzelsätzen.
Den Auftakt macht ein erfundener Brief von Bachs Frau Maria Barbara, den sie kurz vor der Eheschließung an ihre Cousine schreibt. Es geht um Bachs Raufereien, um seinen Kampf um musikalische Qualität in Arnstadt, um einen Chorproben-Streit, der zum Duell mit einem „Zippelfagottisten“ ausartet, um den Protest gegen sein Genie und um die Ängste der Braut vor der Hochzeitsnacht: »Ach dieses Arnstadt war unerfreulich, sagte er, als wir durchs Stadttor fuhren. Eine Stadt, fügte er hinzu, in der man mich einmal oder sogar zweimal umbringen wollte.«
Die letzte Novelle widmet sich dem strebenden Bach, seinen letzten Wochen und Tagen, dem »Charlatan«, der dem Komponisten gleich zweimal die Arme fesselte und den Kopf halten ließ, um ihm in die Augäpfel zu stechen und ihm Tinkturen gegen seine Erblindung einzuflößen – die Wirkung blieb aus. Die Operationen schwächten den Komponisten und machten ihm am Ende den Garaus: »Dona nobis pacem.«
Dazwischen erzählt Hein von zwei Herzögen, dem bürokratischen Wilhelm Ernst und dem prunkliebenden Ernst August, die sich die Macht in Weimar teilen mussten und das Land herunterwirtschafteten. Ein Leitmotiv aller Novellen: Kaum jemand erkannte Bachs Genie. Hein erzählt von Streitereien um das Stimmen der Stadtorgeln und von einem Auftrag durch Friedrich Wilhelm I. in Havelberg, der Bach aber nicht bezahlen wollte. Bach vollendete das begonnene Werk erst später in Brandenburg – heute ist es als Brandenburgisches Konzert bekannt. Dumm gelaufen für Havelberg.
Das Havelberger Konzert ist eine perfekte Zwischendurch-Lektüre und funktioniert wie ein Bach-Menuett: Beschwingt, nostalgisch, genial komponiert – und doch steht es immer mit beiden Beinen mitten im Leben.
Einen der schönsten Dialoge entspannt Hein zwischen Johann Adam von Questenberg und Bachs Witwe. Beim Trauerbesuch sagt Questenberg: »Einen Bach wird man nie vergessen und ihn noch in hundert Jahren aufführen, dessen bin ich gewiss.« Worauf die Witwe des Komponisten antwortet: »Ich weiß nicht. Ich denke eher, mein Mann starb, und nun sterben auch seine Kompositionen.«
Zum Glück sollte sie sich irren. Christoph Hein ist mit seinen Novellen ein weiteres Mosaik gelungen, das ihre Befürchtungen widerlegt.

Christoph Hein
Das Havelberger Konzert (Bach-Novellen)
Insel-Bücherei
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