»Wir möchten, dass das aufhört – Und zwar gestern!«

September 10, 2024
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Julian Rachlin (Foto: Herbstgold,Balevska)

Der Geiger, Dirigent und Intendant Julian Rachlin spricht im BackstageClassical-Podcast über die Situation in Israel und den Start seines Festivals Herbstgold in Eisenstadt.

Heute beginnt das Herbstgold-Festival von Julian Rachlin im Schloss Esterházy in Eisenstadt. Es trägt das Motto »Verführung«. Vor der Eröffnung spricht Axel Brüggemann mit dem Geiger, Dirigenten und Intendanten Julian Rachlin über das Programm, aber auch über die Situation in Israel – Rachlin ist auch Leiter des Jerusalem Symphony Orchestra. Gerade jetzt war er oft in Israel und sagt, es sei wichtig, hier Musik zu machen: »Musik rettet vielleicht keine Menschenleben, aber sie heilt die Seelen.« (Hier geht es zum Podcast bei appleMusic und für alle Player)

Julian Rachlin über die Situation in Israel:

»Ich war im Oktober, zur Zeit des Attentats, in TelAviv – und ich habe seit dem über 50 Tage dort verbracht. Es gibt viele junge Menschen, denen man nun begegnet, die verletzt sind. Viele von ihnen schwerst verwundet. Und die sagen natürlich: ‚Wir möchten, dass das aufhört. Und zwar gestern!’ Aber man hat in Israel auch noch 100 andere Meinungen. Das alles ist so kompliziert, dass niemand wirklich qualifiziert ist, hier ein Urteil über die fast unlösbare Situation zu fällen.«

»Ich wurde Anfang der 2000er Jahren von Zubin Mehta eingeladen, um mit dem Israel Philharmonic zu spielen – das war mitten in der zweiten Intifada, und niemand wollte damals nach Israel, weil das zu unsicher war. Meine Eltern haben gesagt: ‚Das kannst Du nicht machen, Du bist unser einiger Sohn.‘ Aber mir war klar, dass ich da hin muss. Es war gar keine Frage, dass ich nach Israel gefahren bin.«

»Israel ist ja wieder mehr oder wenige isoliert – bei der Einreise in der Reihe ‚ausländische Pässe’ bin ich oft der Einzige. Dieses Gefühl, wenn ein Land isoliert ist, das ist uns in Europa ja vollkommen unbekannt. Ich spüre überall diese Dankbarkeit, diese Wärme, dieses Gefühl, das im Saal entsteht, wenn es den Leuten schlecht geht. In dieser Situation Musik zu machen, ist nicht nur eine riesengroße Ehre, sondern hinterlässt auch ein Gefühl, das einzigartig ist. Das Leben in Israel geht weiter – so oder so. Und die Menschen haben keine andere Wahl als ebenfalls weiter zu machen. Ich spüre gerade in dieser Situation die Dankbarkeit und die Sehnsucht der Menschen, ein Konzert lang Mal dieser verrückten Welt entkommen zu können. Musik rettet vielleicht keine Menschenleben, aber sie tröstet die Seelen.«

Das Herbstgold-Festival dauert noch bis zum 22. September und steht unter dem Motto »Verführung«. Das ganze Programm gibt es hier. 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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