Wie ein Popstar Norweger zur Oper lockt

Oktober 31, 2024
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Die Bühne des Operafest Røykenvik (Foto: Operafest, Goddokken )

NORDLICHT: Eli Kristin Hannsveen ist begeistert von der Oper. Nun lockt sie ein junges Publikum auf ihre neue Seebühne in Røykenvik.

Dieses NORDLICHT ist ein Rückblick und hat eine weite Reise hinter sich, nicht nur geografisch zu den Fjorden und Seen Norwegens, sondern eine mit Wurzeln, die viele Jahrhunderte zurück gehen. Wir befinden uns am Randsfjord, zwei lange Tagesritte nördlich vom Oslo; auch wenn der Name anderes vermuten lässt, ist das ein See und kein Meeresarm.

Neuntes Jahrhundert unserer Zeitrechnung, im Winter: Hálvdan der Schwarze, Vater des späteren ersten norwegischen Königs Harald I., reitet über das Eis. Es ist dunkel. Es knackt… Er bricht mit seinem Ross ein und ertrinkt samt seinem Gefolge. Zeitsprung zurück in unsere Gegenwart: Als Arbeiter das Gerüst für eine riesige Seebühne in den Schlamm gerammt haben, im am Wasser gelegenen Dorf Røykenvik finden sie Wikinger-Artefakte – Vielleicht war ein Messer dabei von Hálvdan dem Schwarzen, oder das Hufeisen seines Hengstes.

DIE NORDLICHT-KOLUMNE Natürlich sterben Oper, Theater und Konzerte mit klassischer Musik in Deutschland nicht sofort aus. Vielerorts stehen sie nicht einmal auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Aus dem Norden aber hört man bemerkenswert oft etwas von Theaterneubauten, von Erfolgsmodellen und inspirierenden neuen Formaten. Solche »Nordlicht«-Erfahrungen stellt diese Kolumne von Stephan Knies vor.

In Røykenvik findet jährlich das Operafest statt, mit einer Tribüne, auf der nicht weniger als 1.200 Menschen Platz finden. Bregenz en miniature also? Soweit ist es noch nicht, noch dauert das Festival nur vier Tage im Juni, wenn die Sonne kaum untergeht. Und Oper gibt es nur in Häppchen, dargereicht zwischendurch in Orchesterkonzerten, bei Band-Events und Formaten zu Mitternacht oder zum Sonnenaufgang morgens um Viertel vor fünf. 

Wie passt das alles zusammen? Und warum heißt das Ganze dann Operafest? Nun, hinter all dem steckt Eli Kristin Hannsveen, eine gelernte Popsängerin, die aus dem norwegischen Fernsehen bekannt ist. Hier tritt sie regelmäßig auf, seit sie als Teenager-Star ihre Karriere gestartet hat. Später hat sie zur Opernsängerin umgeschult und ist seit Jahren Solistin im Ensemble der Osloer Oper; inzwischen unterrichtet sie dort sogar den Nachwuchs im Opernstudio. »Und ich habe mir gedacht: Wenn sogar ich, die mit Oper überhaupt nichts am Hut hatte, sie so lieben kann, dann kann jeder andere wenigstens eine Arie lieben!«

Und Arien kriegen die Besucher des Festivals reichlich. Hannsveen hat in dem Dorf, in dem sie seit Jahrzehnten lebt, alle für ihr Projekt begeistert, vom lokalen Autohändler für den Künstlerfuhrpark bis zu Bente Erichsen, Vorstandsmitglied des Festivals und schon immer sehr umtriebig, etwa als ehemaliges Mitglied des Nobelkomitees, TV-Produzentin und Chefin des Olympia-Kulturprogrammes in Lillehammer 1994. Die Damen denken von Anfang an groß – und so treten sogar die großen Orchester des Landes auf der riesigen Bühne im Randsfjord auf – gerne sogar mit TV-Übertragung. Im vergangenen Sommer musste an der Tribüne angebaut werden, so weit im Voraus waren die Hauptevents ausverkauft.

Festival-Gründerin Eli Kristin Hannsveen ist ein Popstar in Norwegen.

Eigentlich will Eli Kristin, wie sie alle hier nennen, einfach nur singen. Sie habe das nie gelernt, was sie da an Organisationsarbeit, Netzwerken, Fundraising und Eventmanagement leistet. Sie macht das einfach. Eines Abends im Juni kommt sie fast zu spät zur Generalprobe in Røykenvik – die Nachmittagsvorstellung im Opernhaus am Oslofjord hat länger gedauert, danach der Stau. In aller Seelenruhe parkt sie fünf Minuten vor Beginn das Auto hinter der Tribüne, geht auf die Bühne und legt los.

Solche Nerven und derartig viel Energie hat wohl nur, wer von den Wikingern abstammt. Und Norwegen kann stolz sein, ein Festival zu haben, das an historischer Stätte ganz vielen Menschen erstmals die Oper näherbringt – in unfassbar großartiger Landschaft, mitten im Fjord, zwei lange Tagesritte nördlich von Oslo.

Stephan Knies

Stephan Knies ist Dramaturg, Musiker, Librettist und Autor und schnell begeistert von gutem Theater-Handwerk, frischen Ideen und ungewöhnlichen Formaten. Seine Opern-Moderationen, beispielsweise für sein Ensemble »D´Accord« und dessen Wagner-Paraphrasen im Haus Wahnfried in Bayreuth oder in der Hamburger Elbphilharmonie, stoßen beim Publikum auf relativ wenig Ablehnung. Ein Schwerpunkt seiner Reisetätigkeit für Magazine wie die »Opernwelt« ist Nordeuropa – von Riga bis Reykjavik.

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