Als russische Truppen den Sturm auf Kiew begannen, veränderte sich die Welt – und mit ihr auch die Kulturberichterstattung. Ein Zwischenruf.
Die Großoffensive Russlands auf die Ukraine hat die Kulturberichterstattung grundsätzlich verändert. Wir haben – zunächst bei Crescendo, dann bei BackstageClassical – immer wieder über die politischen Implikationen des Krieges auf die Kultur berichtet. In verschiedenen Recherchen konnten wir aufzeigen, wie klassische Musik zum Werkzeug russischer Propaganda geworden ist.
Viele Fälle werden inzwischen debattiert: Der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, Valery Gergiev, wurde entlassen, weil er zu tief in Putins Propaganda involviert war. Schon vor der Großoffensive (und nach der Invasion der Krim) hatten kritische Journalisten regelmäßig beim Orchester angefragt, warum ein offen homophober Dirigent, der sich explizit für Putins Aggressionspolitik ausspricht, staatliche Gelder in Deutschland kassieren kann. Entsprechende Anfragen wurden damals vom Intendanten stoisch mit Unverständnis und dem Verweis darauf beantwortet, dass politische Meinungen die Privatsache der jeweiligen Musikerinnen und Musiker seien.
Neuer Blick auf die gesellschaftliche Rolle
Inzwischen haben wir auch durch zahlreiche Recherchen gelernt (selbst Alexander Nawalny widmete sich vor seinem Tod dem politischen Netzwerk Gergievs), dass Kulturjournalismus durchaus eine gesellschaftliche Verantwortung hat. Dass es nicht nur um die künstlerische Bewertung von Aufführungen gehen kann, sondern auch um die gesellschaftliche Rolle der Kultur in Zeiten des Krieges.
Besonders in den ersten Monaten nach Beginn der russischen Großoffensive ließ sich beobachten, dass die kulturpolitische Verantwortung an vielen Institutionen erst noch wachsen musste. Recherchen wurden anfänglich massiv und mit ganz unterschiedlichen Mitteln bekämpft. Die Redaktion von BackstageClassical bekam Anrufe von Schweizer Troubleshooting-Managern, die uns am Telefon massiv unter Druck gesetzt haben, und immer wieder wurde auch juristisch gegen unsere Recherchen vorgegangen.
Vertrauen in den deutschen Staat
Doch auch das ist eine der wesentlichen Erkenntnisse der letzten vier Jahre: Der deutsche Rechtsstaat nimmt den Journalismus sehr ernst, schützt seriöse Recherchen und die veröffentlichte Meinung – so lange sie auf faktischen Grundlagen basiert. Anfänglich wurde uns vorgeworfen, dass ein moralischer Kompass in Zeiten des Krieges »billig« sei. Doch dem war nicht so: Viele Recherchen waren zunächst nicht opportun und mussten mit großem finanziellen und zeitlichem Aufwand verteidigt werden. Aber nur so wurden zahlreiche Verbindungen von Kultur und Politik offenbar.
Im Nachhinein bin ich überzeugt, dass die Debatten, etwa um die Rolle von Teodor Currentzis und dessen russisches Ensemble MusicAeterna, einen wichtigen öffentlichen Diskurs darstellen. Dass viele Recherchen wichtig waren, um auch die Verstrickung westlicher Kulturmanager mit russischen Geldern und Institutionen offenzulegen, ebenso wie öffentliche Debatten darüber, ob einzelne Konzerte stattfinden sollten oder nicht.
Mehr Verantwortung der Veranstalter
Viele der anfänglichen Diskurse führten in vollkommen neue Richtungen und in sehr tiefe Gewässer, etwa durch die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Verbindungen am Brucknerhaus in Linz, durch die provokanten Russland-Auftritte von AfD-Musikern oder die Debatten um den Pianisten Justus Frantz. Debatten, die uns auch in Zukunft wohl noch weiter beschäftigen werden. Mit dem ARD-Podcast »Klang der Macht« habe ich versucht, ein Szenario russischer Kultur-Einflüsse vom Ende der DDR in Dresden bis in unsere Gegenwart nachzuvollziehen.
In der Ukraine werden inzwischen fast täglich Zivilisten angegriffen und ermordet: Kinder, Frauen, Männer. Bombardiert werden Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten. Viele hunderttausend Soldaten sind auf dem Schlachtfeld gefallen oder massiv verletzt worden. Und ja, Kultur kann in Zeiten des Krieges Brücken bauen, aber sie kann eben auch wesentlicher Teil der politischen Propaganda werden. Es ist nicht immer leicht, den Unterschied zu erkennen (lesen Sie dazu auch den Text von Martin Malek bei Opern.News).
Vier Jahre nach der völkerrechtswidrigen Großoffensive Russlands auf die Ukraine hat sich auch der öffentliche Blick auf die Rolle der Kultur grundlegend verändert. Sie hat einen Teil ihrer Unschuld verloren und stellt damit vollkommen neue Ansprüche an Veranstalter und Kulturjournalisten.

