Oper? Geschenkt! – Poesie statt Politik

September 28, 2026
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Mamdani mit dem Personal der Met (Foto: Met, Instagram)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute mit einem Must-Hear-Interview mit Intendant Julien Chavaz, mit einem weiteren Rücktritt von Opera Lab, mit verschenkten Tickets und unseren Aufnahme-Highlights. 

Weitere Absage nach BackstageClassical-Recherche

Unsere Recherche über den Umgang mit jungen Sängerinnen und Sängern und das Vienna Opera Lab hat hohe Wellen geschlagen: Inzwischen hat neben Peter Heilker, dem designierten Intendanten der Oper Leipzig, und Malte Puls, dem Künstlerischen Betriebsdirektor der Volksoper Wien, auch Trevor John Pichanick, Referent des Ko-Intendanten der Komischen Oper in Berlin und Leiter des Opernstudios (in einer vorherigen Fassung haben wir fälschlicher Weise »Casting Director« geschrieben), seine Teilnahme abgesagt. Bei uns gingen so viele Reaktionen ein, Hinweise auf andere Workshops und Auditions, Erfahrungsberichte und Positionierungen, außerdem habe ich ein langes Telefonat mit David Blackburn geführt, dem Gründer der New York International Opera Auditions (NYIOP), die ebenfalls Auditions organisieren, die von jungen Sängerinnen und Sängern bezahlt werden müssen. Wir haben uns zu einem Diskussions-Podcast Anfang Oktober verabredet. Überhaupt stellt sich die grundsätzliche Frage: Warum organisieren die staatlich unterstützten deutschsprachigen Opernhäuser nicht einfach selbst internationale Auditions, deren Kosten sie dann auch tragen? Ich denke, dieses Thema wird uns bei BackstageClassical noch einige Zeit begleiten. 

Oper? Geschenkt! 

70.000 Tickets will die Met in New York in der kommenden Saison verschenken – an Einwohner der Stadt, die vorher noch kein Opernticket gekauft haben! Bürgermeister Zohran Mamdani lässt sich dafür PR-tauglich mit dem Met-Personal ablichten. Der Grund: Das Haus ist eh nur zu rund 75 Prozent ausgelastet, da kann man die restlichen Karten auch in einer Lotterie für kostenlose Tickets verlosen. Das Absurde: Gleichzeitig startet Met-Intendant Peter Gelb eine große Bettelaktion und will 1,5 Milliarden Dollar an Spenden sammeln. Beobachten wir in den USA gerade den Ausverkauf (oder sollte man sagen: das »Ausverschenken«) der Kunstform Klassik? Dazu gehören auch die absurden Forderungen der Musikerinnen und Musiker des Cleveland Orchestra. Sie pokern um eine (Achtung!) 25-prozentige Gehaltserhöhung in den kommenden drei Jahren. Derzeit liegt das Mindest-Jahresgehalt bei 165.516 Dollar! Europa sollte sich diese Entwicklung genau anschauen. Wir dürfen einer Amerikanisierung der Klassik nicht die Türen öffnen!

Mit Poesie gegen die AfD

Wenn Sie nur einen Link in diesem Newsletter anklicken, nehmen Sie diesen! Das Podcast-Gespräch mit Magdeburgs Generalintendant Julien Chavaz nach den Wahlsiegen der AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist reinste Erbauung! Das spricht und denkt eine neue Intendanten-Generation, für die Theater kein Bollwerk der politischen Besserwisserei mehr ist, sondern ein Ort der reinen Poesie. Es mag sein, dass die Politik der Kultur längst die Kunst der Inszenierung geklaut hat – was sie aber nicht stehlen kann, sei die Poesie, sagt Chavaz. Einen vorsorglich »AfD-konformen« Spielplan lehnt er ebenso ab wie demonstratives »Widerstandstheater«. Theater müsse keine Ideologie gegen eine andere stellen, sondern zeigen, dass die Welt komplexer ist als die einfachen Erzählungen der Politik. Und es müsse in seiner Stadt verwurzelt bleiben – gern auch mit einer Oper über die Verwandlung des gigantomanischen Intel-Traumes in ein Ackerfeld für Hamster.

Der große Naxos-Poker

Wochenlang haben wir über die Situation von Naxos recherchiert: Hinter den Kulissen läuft ein Machtkampf um Geld, Anteile und Kontrolle. Gründer Klaus Heymann hat einst die Mehrheit verkauft und später auch die operative Macht verloren. Nun fordert der fast 90-Jährige Darlehen zurück – und leitet ausgerechnet Winding-up-Verfahren gegen Gesellschaften der Naxos-Gruppe ein, an der er selbst noch beteiligt ist. Dahinter steckt ein kompliziertes Geflecht chinesischer Anteilseigner, umstrittener Transaktionen und blockierter Entscheidungen. Anfang Oktober geht der große Naxos-Poker offenbar vor Gericht in Hongkong weiter.

Das Kölner Rosenkavalier-Desaster

Eine Woche Party! Nach 14 Jahren ist die Kölner Oper endlich zurück auf dem Offenbachplatz: Aus geplanten 253 Millionen Euro wurden fast 1,5 Milliarden, aus drei Jahren Bauzeit 14! Trotzdem wurde gefeiert, bis die Bühnentechnik kracht! Noch kurz vor der Eröffnung sorgten technische Probleme für Nervosität. Nun ist das Haus tatsächlich offen: Ich war bei der Eröffnungspremiere mit dem Rosenkavalier dabei – und, wie soll ich sagen. Ich habe diese Oper noch nie so schlecht gesehen. Meine Kritik hier.

Missbrauch? Na und? 

Missstände an Österreichs Theatern werden oft gar nicht erst intern gemeldet. Laut dem Verein »Das zeitgemäße Theater« waren 85 Prozent der untersuchten Fälle zuvor nicht bei den Häusern angezeigt worden – aus Angst vor Konsequenzen oder mangelndem Vertrauen. Der Verein sieht vor allem strukturelle Probleme: Führungsversagen, unklare Zuständigkeiten, problematische Arbeitsbedingungen und schwache Aufsicht. Ein Wechsel an der Spitze allein reiche nicht. Gefordert wird eine stärkere Kontrolle durch die Kulturpolitik.

Personalien der Woche

Die Sanierung der Stuttgarter Oper steht wieder grundsätzlich zur Debatte. Nun soll Günther Oettinger zwischen Land und Stadt vermitteln. Geprüft werden Sanierung, Neubau und das 289 Millionen Euro teure Interim. Die Hintergründe hier. +++ Ein Lutschbonbon hat die Feuilletons von FAZ und ZEIT ziemlich geschickt einen ganz besonderen PR-Drops lutschen lassen. Wie konnte das passieren: Eine Geschichte mit leichtem Hustenreiz. +++ Die Pariser Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren gegen den französischen Dirigenten und Komponisten Frédéric Chaslin wegen des Vorwurfs sexueller Belästigung eingestellt. Nach Angaben seiner französischen Anwälte sei nach Abschluss der Ermittlungen kein Straftatbestand festgestellt worden. +++ He did it again! Unser News-»Opi« hat mal wieder Markus Hinterhäuser zitiert: Der Ex-Intendant halte die Verlängerung von Präsidentin Kristina Hammer »für eine ganz schlechte Entscheidung.« Ach was!?! Mensch, inzwischen seid Ihr mit Eurer provinziell-nöligen Grummelei selbst in diesem Newsletter schon auf den letzten Platz der Meldungen gerutscht.  Weiter hinten rangiert nur noch Ioan Holender.

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo verdammt bleibt es denn? Vielleicht ja hier! BackstageClassical wird in Zukunft nicht nur mehr Rezensionen von Aufführungen anbieten, sondern auch jede Woche in den aktuellen Aufnahmemarkt hören und die fünf spannendsten Neuerscheinungen (samt Streaming-Links) vorstellen. Zum Auftakt haben wir eine große Oper herausgesucht, ein Berliner Philharmoniker-Debüt und einen spannenden Spaziergang durch französische Klavierminiaturen. Mit dabei: Jakub Hrůša, Himari und Alexandre Tharaud. Es gibt so viel zu entdecken in unserer großen Welt der Musik – hier bekommen Sie alles auf die Ohren!    

In diesem Sinne, halten Sie die Ohren steif

Ihr

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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