Milos Kack-Theater

Februar 16, 2026
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Prozess gegen Deutschland (Foto: Hammerl/Thalia)

Milo Raus Prozess gegen Deutschland plädiert am Ende dafür, ein Verbot der AfD zu überprüfen. In Wahrheit verzerrt die Inszenierung aber unsere Wirklichkeit. Eine Einordnung.

English summary: Milo Rau’s “Trial against Germany” ends by urging review of an AfD ban, yet the production merely mirrors Germany’s polarized media debate. Rather than expanding perspective, it stages a curated pseudo-reality where all actors stay in role, reinforcing—not challenging—existing narratives.

Beginnen wir diesen Text mit einem kleinen Wirklichkeits-Check. Wenn Theater unsere Perspektiven auf die Welt verändern soll, was hat sich dann durch Milo Raus »Prozess gegen Deutschland« verändert? 

Die Antwort ist: Genau gar nichts!

Das Drehbuch seines Theaters folgt lediglich dem bekannten (und alltäglichen) Drehbuch unserer Wirklichkeit: BILD-Mann Martenstein provoziert mit der erwartbaren These, dass nicht die AfD, sondern ihr Verbot undemokratisch sei. Matussek und seine Bande jubeln. Die NZZ reproduziert diesen Quatsch. Der Cicero frohlockt, und die Welt mischt natürlich auch mit! Und, klar, Julian Reichelt beschimpft schon mal das »menschliche Antlitz des Sozialismus« im Publikum. Derweil lässt die Linke ihre pawlofschen Hunde von der Leine und schießt aus verrosteten Rohren: »Verharmlosung der Nazis!«, »Falscher Dialog« und »Martenstein mögen wir sowieso nicht!« Aber brauchen wir für dieses Theater wirklich das Theater?  

Falsche Voraussetzung

Wenn die Bühne das  Denken über unserer Wirklichkeit erweitern soll, ist das hier (wie eigentlich immer bei Milo Rau) fulminant in die Hose gegangen! Hamburgs Thalia Theater hat lediglich die ritualisierte deutsche Debatten-Realität auf die Bühne gestellt. 

Milo Raus Theater basiert auf dem gigantischen Missverständnis (oder der bewusst formulierten Falsch-Behauptung?), dass es in Deutschland gar keinen offenen Diskurs der Meinungen gäbe, dass unsere Gerichtsbarkeit sich nicht täglich ernsthaft und nach allen Regeln des Grundgesetzes mit den politischen Grenzregionen auseinandersetze, und dass für all das – für Legislative, Exekutive und Judikative – Milo Raus Theater unverzichtbar sei. 

Eine Hybris, die an den politischen Großschauspieler Donald Trump erinnert. Milo Raus »Prozess gegen Deutschland« funktioniert wie die True Social-Plattform des US-Präsidenten: Ein perfekt kuratierter Ort der Gegenwirklichkeit. Ziel ist es, selber zur Wirklichkeit zu werden. Dabei setzt jede während des Klogangs geschriebene Kack-Nachricht traumwandlerisch die Aufregungsmechanismen der realen Welt in Bewegung und inszeniert so ein neues Zerrbild unserer Wirklichkeit.

Keiner bricht aus der Rolle

Milo Rau behauptet eine kommunikativen Blockade unserer Gesellschaft, die durch seine Inszenierung zu lösen sei. Das ist natürlich totaler Quatsch! Vielmehr ist unsere politische Wirklichkeit seit vielen Jahren selber zum Theater geworden. Die Politik hat der Bühne ihre alten Tricks abgeschaut: die Inszenierung, das Pathos, die Behauptung der Lüge als Wirklichkeit und die Emotion als Triebkraft des Handels. So gesehen ist der »Prozess gegen Deutschland«  nichts anderes als eine Simulation unserer Wirklichkeit, die seit langer Zeit das Theater selber simuliert.

Niemand bricht aus seinen Rollen aus: Martenstein bleibt der konservative Provokateur, die Medien übernehmen die Rolle des Verstärkers und die politischen Gruppierungen lassen ihre Reflexe spielen. Am Ende ist genau das herausgekommen, was Skeptiker wie die Publizistin Leonie Plaar und der Philosoph Rainer Mühlhoff mit ihrer Absagen befürchtet haben: Die AfD bekam das Theater, das sie ansonsten so gern bekämpft, als Bühne, BILD-Kolumnist Martenstein erhielt von Rau eine kulturelle Legitimation, und das so genannte »Urteil«, das die AfD als rassistisch einstuft, und in dem ein Parteiverbot in Erwägung gezogen wird, geht im medialen Spektakel über das Bühnenspektakel unter.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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