»Mehr Musik in die Schule!«

Juni 11, 2025
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Der Tölzer Knabenchor (Foto: Chor, Roeder)

Der Tölzer Knabenchor wird erstmals Bach-Kantaten in der original Stimmstärke aufführen. Geschäftsführerin Barbara Schmidt-Gaden fordert von Bayerns Politik mehr Bewusstsein für Musik in den Schulen.

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English summary:The Tölzer Knabenchor will premiere Bach cantatas with original 1730s vocal forces. Managing director Barbara Schmidt-Gaden urges stronger music education in Bavarian schools, citing declining choir interest. She calls for more creativity and emotional learning amid rising AI influence.

Der Tölzer Knabenchor feiert eine Weltpremiere mit der Aufführung von Bach-Kantaten in einer Besetzung, wie sie Johann Sebastian Bach selbst im Jahr 1730 entwarf. Gleichzeitig ist das Ensemble mit zunehmenden Herausforderungen bei der Nachwuchsgewinnung konfrontiert. Die Geschäftsführerin des Chores, Barbara Schmidt-Gaden forderte in einem Gespräch mit BackstageClassical auch politisches Engagement, etwa von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, um mehr für den Schulunterricht in Deutschland zu tun.

Lesetipp: Über das Festival der Knabenchöre bei BackstageClassical

Die weltweit erste Aufnahme und Aufführung von Bach-Kantaten in der von Bach gewünschten Besetzungsstärke von drei bis vier Sängern pro Stimme wird am 21. Juni in der Allerheiligen Hofkirche in der Münchner Residenz stattfinden. »Was mich wahnsinnig freut ist, dass die Kinder so einen Spaß dran haben«, sagt Schmidt-Gaden, »manche haben sogar ihre Urlaube für dieses Projekt abgesagt.«

Nachwuchs? Schwierig!

Gleichzeitig erklärt die Chor-Managerin, dass es schwieriger geworden sei, Nachwuchs zu finden. Der Tölzer Knabenchor habe in rund 80 bis 100 Grundschulen im Umkreis von 30 km um Unterföhring 1.500 musisch begabte Kinder entdeckt, doch die tatsächlichen Anmeldungen zu Schnupperkursen seien von 140 Anmeldungen im Jahr 2017 auf lediglich 60 im aktuellen Schuljahr zurückgegangen.

»Ich führe das zum einen darauf zurück«, sagt Schmidt-Gaden, »dass  Musik oder Singen in den Familien einfach immer mehr verloren geht.« Ein weiteres großes Problem sei die heutige Schulstruktur: »Wir haben es mit überforderten Kindern zu tun, wenn sie bis 16 Uhr Unterricht haben. Damals war um 13 Uhr Schulschluss, und den Kindern blieb ausreichend Zeit für Chorproben. Heute kommen viele um 16 Uhr zur Probe und sind total durch.«

Der Tölzer Knabenchor setzt sich aktiv für eine bessere Integration von Musik in den Schulalltag ein. Sie stehe »ständig im Austausch mit dem Kultusministerium und den Schulämtern«, sagt Schmidt-Gaden und betont den positiven Einfluss von Chorarbeit auf die Kinder: »Sie lernen beim Singen, sich zu konzentrieren, sich zu disziplinieren – und das hat nichts mit Drill zu tu. Es geht schon darum, sich für eine Leistung ins Zeug zu legen. Aber mit Freude an der Sache.«

Menschen im Zeitalter von KI

Angesichts der rasanten Entwicklung künstlicher Intelligenz plädiert Schmidt-Gaden für eine Umkehr in der Bildungspolitik: »In Zeiten der KI müsste man gerade das Emotionale und Sinnliche, das authentisch Menschliche in unseren Schulen fördern.« Die Chormanagerin kritisiert, dass Musikunterricht eine immer geringere Rolle an Bayerns Schulen spielt und befürwortet nachdrücklich, dass »wieder mehr Kreativität in die Schulen einzieht.« Chöre böten dabei eine hervorragende Möglichkeit zur Integration: »Ich kann ausländische Kinder wunderbar durch Musik in eine Gemeinschaft integrieren.«

Um die Verbindung zur Schule zu stärken, kooperiert der Chor mit Grundschulen in der Nähe und erstellt Videos von Liedern mit Einsingübungen, die Lehrerinnen und Lehrer im Unterricht über YouTube nutzen können. Dieses Angebot würde bereits »sehr, sehr dankbar angenommen«.

Das neue Bach-Experiment des Tölzer Knabenchores kann erstmals öffentlich am 21. Juni um 19 Uhr in der Allerheiligen Hofkirche in der Residenz in München erlebt werden. Es werden drei Bach-Kantaten (BWV 79, 178 und 198) aufgeführt. Tickets sind über München Ticket oder an der Abendkasse erhältlich. Die Aufnahme der Kantaten wird zudem später bei Naxos erscheinen.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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