
Willkommen in der neuen Klassik-Woche,
heute mit fehlenden Unterschriften, einer Vision für das musikalische Bewegtbild, der Frage, wie man mit US-Gastspielen umgehen sollte und zwei traurigen Nachrufen.
Machtkampf und Memorandum
Am Donnerstag wird das Kuratorium der Salzburger Festspiele – unter anderem mit Landeshauptfrau Karoline Edtstadler und Salzburgs Bürgermeister Bernhard Auinger – über die Zukunft von Intendant Markus Hinterhäuser beraten. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, die dem amtierenden Intendanten zum Teil sehr nahestehen oder direkt von seinen Salzburger Festspielen profitieren, haben ein Memorandum unterschrieben, in dem sie sich für seinen Verbleib aussprechen. Das klingt alles nach einem großen letzten Gefecht! Warum das auch nach hinten losgehen kann, erkläre ich hier. Überhaupt sind Listen ja schnell gemacht. Hier noch eine nicht ganz ernst gemeinte mit 20 Personen, deren Unterschriften NICHT unter dem Hinterhäuser-Memorandum zu finden sind: Nikolaus Bachler, Cecilia Bartoli, Rudolf Buchbinder, Mirga Gražinytė-Tyla, Marcel Hirscher, Jonas Kaufmann, Barrie Kosky, Sebastian Kurz, Tobis Kratzer, Papst Leo, Joana Mallwitz, Angela Merkel, Anne-Sophie Mutter, Toni Polster, André Rieu, Bogdan Roščić, Christian Thielemann, Donald Trump, Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker.
Derniere Première?
Ich bin diese Woche eigentlich eher zufällig – auf dem Rückweg von Neustrelitz – in Europas größte Börse für Musik und Bewegtbild, die Avant Première, hineingerutscht. Ich habe mir einige Vorträge angehört und viele Gespräche im Flur geführt. Relativ schnell ist klar geworden: Da treffen sich noch immer die gleichen Leute mit ähnlichen Ideen wie vor 15 Jahren. Doch der Markt für Fernsehen, Kino und Streaming hat sich radikal verändert. Gern wird vorgegaukelt, dass es der Branche gut gehe, aber hinter den Kulissen findet längst ein brutaler Verdrängungswettkampf statt. Grund dafür ist auch, dass die öffentlich-rechtlichen Sender (nicht nur in Deutschland) weniger Geld für Kultur ausgeben, aber noch immer großen Einfluss haben. Wie lange das gut geht, und wo die Perspektiven für die Zukunft liegen, habe ich in einem ausführlichen Essay debattiert (auch als Audio abrufbar).

Personalien der Woche I
Geigerin Carolin Widmann hat die Lufthansa zum Einlenken gebracht. Nachdem Widmann auf Insta postete, dass sie ihre Geige ohne Kasten in der Hand mit an Bord nehmen musste, hat die Airline nun ihre Handgepäck-Bestimmungen gelockert. Das Kranich-Handgepäck wird neuerdings nach der »Widmann-Formel« bemessen: die Addition von Länge, Höhe und Tiefe darf 125 Zentimeter nicht überschreiten. Es dürfen nun also auch Ukulele, Querflöte und ein Mini-Akkordeon transportiert werden – oder eben maximal 72.300 Kubikzentimeter guter Ton (wenn er in einem quadratischen Behältnis mit 41,7 Zentimeter Seitenlänge verstaut ist) +++ Der Regisseur und Autor Armin Petras übernimmt zur Spielzeit 2027/2028 die Intendanz des Theaters Bremen. Er folgt auf Michael Börgerding, der im vergangenen Jahr überraschend verstorben war. +++ Der Chef der Bundestheater in Österreich, Christian Kircher, tritt nach 10 Jahren ab – freiwillig. Vielleicht auch, weil er die Ego-Trips seiner Intendanten satt hat? Wie auch immer: Er ist ein Mann mit Kompass, der gezeigt hat, dass Machtpolitik in der Kultur auch mit Menschlichkeit funktioniert. +++ Peter Gelb, Intendant der Metropolitan Opera in New York, erklärte auf einer Pressekonferenz, dass er seinen Vertrag, der 2030 ausläuft, nicht verlängern wolle »das ist derzeit mein Plan«, wird er von der Associated Press zitiert.
Kultur in den USA
Seit Donald Trump in den USA regiert, gerät auch die US-Kultur in Schieflage. Erst kürzlich wurde der Name des Dirigenten Frédéric Chaslin in den Epstein-Files gefunden – der erklärte sich. Aber das half offenbar wenig, denn die Metropolitan Opera soll ein Vertragsangebot an den französischen Dirigenten zurückgezogen haben, wie die Seite SlippedDisc berichtet. +++ Die Geigerin Hilary Hahn ist zurück auf der Klassik-Bühne, hat aber bekannt gegeben, dass sie ihren Auftritt im Kennedy Center nicht wahrnehmen wird – offiziell ist von Trump-Protest nicht die Rede, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass Hahn nicht im Showroom des Präsidenten fiedeln will. +++ Das machen die Wiener Philharmoniker auf ihrer anstehenden Amerika-Tournee anders und halten an ihrem Auftritt im Kennedy Center fest. Gegenüber dem Standard erklärt das Orchester, man könnte – selbst bei entsprechendem Protestwillen – nicht so spontan absagen wie eine Einzelperson: Für ein großes Ensemble käme das im Rahmen einer Tournee aus ökonomischen Gründen nicht in Frage. Vor allem aber lege man Wert auf Vertragstreue und will sich aus der Politik »raushalten«. Das dürfte schwer werden in einer Welt, in der die Kultur zunehmend politisiert wird.

Die Kulturpolitik des Kremls
Die Kollegen des lesenswerten Klassik-Portals Opern.news stellen eine große Studie des Politikwissenschaftlers Martin Malek vor, der sich mit der Rolle der Kultur in Russland beschäftigt. Putin verstehe Kunst und Kultur durchaus als Waffe, erklärt Malek in seinem Essay und zeigt, wie der Kreml Musik, Sprache und »Soft Power« zur Durchsetzung außenpolitischer Ziele einsetzt. Eine gut argumentierte Aushebelung der »Cancel-Culture«-Argumentation von Leuten wie dem Philosophen Konrad Paul Liessmann.
Buch-Empfehlungen bei BackstageClassical
Lesen Sie unseren Vorabdruck der neuen Gulda-Biographie von Rüdiger Albrecht, oder reiben Sie sich an den neuen Karajan-Thesen von Michael Wolffsohn in unserem Podcast mit dem Autoren.
Noch Mal BUH!
Buhs in den Stuttgarter Meistersingern, ein eskalierender Schlussmonolog in Bochum, bereits letzte Woche wurden diese Dinge auf unseren Seiten in den sozialen Medien heftig debattiert. Unsere Autorin, die Pianistin Shoko Kuroe, hat sich all das noch einmal ganz zurückgelehnt angeschaut und in einem lesenswerten Essay sortiert. Ihr Resümee: »Respekt vor Kunst und Recht auf Widerspruch sind keine Gegensätze — sie stehen in einem Spannungsverhältnis, das jede Aufführung neu aushandeln muss.« Ich selber habe mich noch Mal mit Milo Rau und Harald Martenstein auseinandergesetzt und am Ende selber »Buh« gerufen.

Personalien der Woche II
Der Leiter von Haus Wahnfried, Sven Friedrich, hat sich in einem Beitrag für BackstageClassical sehr emotional von Tenor Wolfgang Schmidt verabschiedet, lobt seine stählerne Stimme, seine musikalischer Präzision und seine unbändige Bühnenpräsenz – vor allen Dingen aber seinen Humor und seine Menschlichkeit. +++ Der belgische Bassbariton José van Dam ist im Alter von 85 Jahren in Brüssel gestorben. Über fünf Jahrzehnte prägte er die Opernbühnen Europas – mit klanglicher Noblesse, stiller Autorität und großer Menschlichkeit.
Briefe von Brüggi
Jeden Morgen um 6:00 erscheint ein Brief von Brüggi (Di-Fr) bei BackstageClassical. Hier die Briefe der letzten Woche.
- An Carolin Widman für ihren Handgepäck-Kampf
- An Christian Kircher als kleine Verneigung
- An Hilary Hahn, die auf die Bühne zurückkehrt
- An Waltrud B. für ihre tollen Leserbriefe
Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?
Ja, wo zum Teufel bleibt es nur? Vielleicht ja hier! BackstageClassical versteht sich als Medium des Diskurses. Auf unseren Instagram-, Facebook– oder BlueSky-Kanälen toben oft spannende Debatten. Und dass es uns überhaupt gibt, liegt auch an Ihren Spenden. Natürlich bekommen wir auch regelmäßig LeserInnenbriefe. Aus vielen sind in der Vergangenheit schöne Diskussionen entstanden, manche von Ihnen schreiben uns aber auch nur, um ein bisschen Frust abzulassen: Der Professor, der mir regelmäßig Beschimpfungen, gemischt mit Pro-Russland-Propaganda, sendet oder (viel angenehmer) Waltraud B., die immer und überall was zum Bekritteln findet. Ihr habe ich nun öffentlich zurückgeschrieben, einfach auch, damit Jonas Kaufmann erfährt, wie sehr sein Fan sich für ihn ins Zeug legt! Hier mein Brief von Brüggi an Waltraud B.
In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif
Ihr
Axel Brüggemann

