Du hast es auch nicht immer leicht. Was für schöne Namen haben wir Dir schon gegeben! Du warst unser »Kraftwerk der Gefühle« (Alexander Kluge), »Debattenort unserer Städte« oder – ganz früher – einfach nur ein »Irrtum«, da in Dir das Mittel des Ausdrucks – die Musik – zum Zweck und der Zweck des Ausdrucks – das Drama – zum Mittel gemacht wird (Richard Wagner).
Heute bist Du für viele allerdings nur noch bedauernswert und zum Lachen (Timothée Chalamet).
Tatsächlich scheinst Du Dir Deiner eigenen Rolle gerade nicht mehr so sicher zu sein. Bist Du noch eine Kunst, die uns zur »Sammlung« animiert, oder lediglich eine Möglichkeit zur »Zerstreuung« (Adorno) in einer Welt, die längst verrückter geworden ist als Du selbst? Bist Du am Ende nur noch eine kostspielige Form des Eskapismus?
René Kollo nannte dich einmal einen »Zirkus«, in dem Künstler wie er die todesmutigen Seiltänzer seien, und die Staatsoper Hamburg kommt nun mit einem ähnlichen Bild daher: Du seist das »klügste Spektakel der Welt«, schreibt Tobias Kratzers Haus in seiner neuen Saison-Kampagne und zeigt Dich als smarten Zirkus mit allerhand Tschingderassabum.
Klar, das klingt ein bisschen nach Duplo (»die längste Praline der Welt«), aber irgendwie auch danach, dass Du gerade einmal wieder neu erfunden wirst: Als Unterhaltung im besten Sinne. Als sinnliche Denkmaschine, die uns auch noch staunen lässt. Und, ja, als das, was Du schon am Haymarket warst: Als Spektakel, das uns berührt.
Liebe Oper, ich finde, der Slogan trifft Dich ganz gut. Mit Spektakeln ist es nämlich so wie mit den Menschen – die Klugen sind die spannendsten!


