In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat Lotte Thaler mit dem »Regietheater« abgerechnet. Eine Gegenrede von Axel Brüggemann.
English summary: Lotte Thaler attacks “Regietheater” in the Frankfurter Allgemeine Zeitung as patronizing, stagnant, and ideologically dominant, calling for a return to music-led staging inspired by Adolphe Appia. Axel Brüggemann counters that her critique is vague, outdated, and misdiagnoses today’s opera scene, projecting personal cultural unease onto a straw man rather than fostering a nuanced debate about contemporary aesthetics.
Letzte Woche erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Essay der Journalistin Lotte Thaler. Darin wetterte sie gegen das, was sie »Regietheater« nennt. Thaler macht eine »Bevormundung des Publikums« durch eine Opernästhetik aus, die zur »machthabenden Instanz« an deutschen Opernhäusern geworden sei. Für sie ist das »Regietheater« eine Ästhetik, die seit 40 Jahren herrsche und an der sich seither nichts als die »Diversität der Schauplätze« verändert habe: »Psychiatrie, Luftschutzkeller, Bordell, mafiöse Hinterzimmer, Konzernzentrale, Filmset oder gleich Toilette«. Überall, so Thaler, halten Regisseurinnen und Regisseure ihr Publikum »für blöde«!
Als Gegenentwurf zu dieser Bestandsaufnahme stellt die Autorin eine Regie-Idee vor, die noch älter ist als das Regietheater: Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte Theatermann und Herzblut-Wagnerianer Adolphe Appia eine Bühnenästhetik, nach der die Szene allein der Musik zu folgen habe, weil diese »Zeit und Dauer« der Handlung definiere. Appia ging es in seiner Theorie in erster Linie um die musikalischen Innenwelten der Werke. »Für den Realisten spielt das Drama Parsifal in Spanien«, schrieb er, »für den Idealisten in uns selbst.«
Appias alten Erben
Appias Schriften wurden durch Wieland Wagners Bayreuther »Entrümpelung« der Opernbühne fortgeschrieben, oder durch die stilisierten Bildwelten eines Robert Wilson, der ebenfalls schwärmte: »Appia hat mir den Mut gegeben, das zu tun, was ich mache. Er hat ein komplettes Vokabular für das Theater entwickelt.«
Lotte Thalers FAZ-Rant gegen das, was sie »Regietheater« nennt, liest sich auf der einen Seite wie ein etwas pauschal formulierter, kleiner Wutausbruch, auf der anderen wie eine etwas aus der Zeit gefallene und schlecht gelaunte Besserwisserei. Auf jeden Fall scheint der Text bezeichnend für eine diffuse und weit verbreitete Stimmung zu sein, mit der Thaler ein Unbehagen in der bürgerlichen Theaterlandschaft ausmacht. Dabei ist der Angriff auf »das Regietheater« so alt wie »das Regietheater« selbst. Zumal bis heute nicht wirklich klar ist, was wer damit eigentlich meint.
Wirft Thaler Tobias Kratzers Bayreuther Tannhäuser in den gleichen Hut wie Valentin Schwarz’ Bayreuther Ring? Steckt sie Calixto Bieitos Carmen in die gleiche Schublade wie Peter Konwitschnys Frau ohne Schatten oder Barrie Koskys Hotel Metamorphosis? Und warum lobt Thaler in der FAZ zum Beispiel eine Butterfly-Inszenierung von Davide Livermore, obwohl der die Suche des Pinkerton-Kindes ebenfalls in die Gegenwart verlegt?

Mit anderen Worten: Was Lotte Thaler angreift, ist unter dem von ihr so betitelten Begriff des »Regietheaters« in Wahrheit gar nicht zu fassen. Das Wort »Regietheater« scheint für sie eher ein Synonym für etwas anderes zu sein: Ein Kampfbegriff für etwas, das Thaler offensichtlich aufbringt, von dem sie sich persönlich angegriffen fühlt. Das ihr vielleicht sogar Angst macht. Das sie auf jeden Fall verunsichert – und vielleicht inzwischen auch einfach nur langweilt.
Falsche Schablonen
Ich kann mich mit einigen ihrer Tiraden durchaus identifizieren; auch ich habe in den letzten Jahren immer wieder Inszenierungen gesehen, deren Provokationspotenzial mich müde hat abwinken lassen: »Kenne ich. Langweilt mich. Interessiert mich nicht.«
Aber die ästhetischen Schablonen die Thaler vorstellt, scheinen einfach nicht ins 21. Jahrhundert zu passen. Natürlich würden die meisten heute arbeitenden Opernregisseurinnen und Opernregisseure für sich ebenfalls den Anspruch erheben, die Partitur als Grundlage ihrer Arbeit zu verstehen. Und natürlich richten sie sich in ihren Inszenierungen meist auch nach Zeit(Ablauf) und Raum, wie sie in der Partitur vorgegeben sind. Aber selbst wenn sie das nicht tun, wie zum Beispiel im genialen Pasticcio Hotel Metamorphosis von Barrie Kosky, wird doch gerade das von einem Großteil der Kritik und des Publikums heute zu Recht auch gelobt! Mir anderen Worten: Nicht einmal die Partitur als einzig gültige und unantastbare Grundlage hat Bestand.
Das Problem ist, dass bereits Thalers Grundthesen nicht stimmen. Es ist gar nicht erkennbar, dass das von ihr beschriebene Theater in einer Art Verschwörungsabkommen der Theaterintendanzen zu einem vorherrschenden Mainstream geworden ist. Diese Behauptung klingt eher nach einer »deep state«-Verschwörung als dass sie durch die Realität an unseren Theatern bestätigt wird. Ist nicht gerade das Gegenteil der Fall? Suchen nicht immer mehr Häuser nach ästhetischen Inszenierungen, die nur wenig Provokations-Potenzial haben? Haben wir nicht diesen Sommer gerade in Bayreuth und Salzburg wirklich harmlose Bühnenwerke gesehen, und sind nicht auch die deutschen Stadttheater gerade viel mehr auf der Suche nach einer neuen Schlichtheit und Ästhetik – allen voran die großen Bühnen von Frankfurt über Berlin und Zürich bis nach Wien?
Falsche Voraussetzungen
In Wahrheit hat das alte Blut, Schweiß und Sperma-Theater der 2000er Jahre doch längst ausgedient. Das muss eine Musikkritikerin wie Lotte Thaler doch ebenfalls mitbekommen haben! Selbst in dem von ihr (und mir) oft kritisierten Kassel ist weniger von Provokation die Rede als von der vielleicht etwas verunglückten und zu selbstgefälligen Suche nach neuen Ausdrucksmitteln und einem etwas absurden Auftreten der Intendanz gegenüber dem Orchester. Aber Provokation? Ich weiß nicht.
Worum geht es einer Kritikerin wie Lotte Thaler also wirklich? Sie lehnt Veränderungen des Komponisten-Wunsches explizit nicht ab, ebensowenig wie Modernisierungen. Geht es ihr vielleicht eher um eine ihrer Meinung nach »schlechte Übersetzung« alter Inhalte ins Heute? Übt Thaler lediglich Kritik an einem Blick auf die Welt, in dem die Regie ihr eigenes Dogma über die Ästhetik stellt, mit denen Thaler Mozart, Verdi oder Wagner ins Heute blicken lassen würde?
Es wäre schließlich lächerlich, zu erwarten, dass alle Regie sich nur noch »nach innen« kehrt, ästhetische Räume schafft und in sich selber mystisch bleibt. Denn natürlich weiß auch Lotte Thaler, dass die Kunstform Oper (anders als die Malerei) zwei Schöpfungsakte hat: die Partitur und ihre andauernd neue Übersetzung ins Heute. Und natürlich können Regisseurinnen und Regisseure nicht so tun, als würde es Netflix oder TikTok gar nicht geben. Schon Nikolaus Harnoncourt wusste, dass jede »historische Aufführung« sich bewusst sein müsse, dass wir Mozart anders hören als die Menschen zu Mozarts Zeiten, da wir – im Gegensatz zu ihnen – Ohren haben für die auch das Getöse von Flugzeugen selbstverständlich ist. Eine authentische Rekonstruktion der alten Welt ist in der Kunst also nicht möglich.
Anmerkungen aus einer andern Welt
Vielleicht ist es nicht ganz unwesentlich zu wissen, dass Lotte Thaler über 70 Jahre alt ist, dass sie Redakteurin beim SWR war, die Bachtage in Ansbach und die Badenweiler Musiktage geleitet hat. Lotte Thaler hat von der Klassik gelebt, als diese noch unter anderen (viel selbstverständlicheren) Kriterien entstanden ist und vollkommen anders journalistisch begleitet wurde. Und vielleicht ist es genau diese Welt, die verschwunden ist, und der Thaler in Wahrheit nachweint: der Selbstverständlichkeit der Musik in unserer Gesellschaft, in unseren Medien und an unseren Theatern.
Wenn dem so ist, wäre es fatal, in einer ästhetischen Scheindebatte eine zutiefst eindimensionale und subjektive Brille aufzusetzen und so zu tun, als könne man eine veränderte Gegenwart mit den Kriterien der Vergangenheit beikommen. Ich glaube, dass Thalers argumentative Verallgemeinerung eher Ausdruck eines ganz anderen Unbehagens ist. Lässt sich in ihrer Theaterkritik nicht viel mehr die Angst einer Bildungsbürgerin herauslesen, dass ihre Bildung und die mit ihr verbundene Moral auf den Bühnen unserer Zeit derzeit nur noch schwer Anschluss finden? Mehr noch: Dass Thalers Ästhetik und der Werkzeugkasten ihrer Kriterien inzwischen kaum noch greifen? Die Angst also, eigene, traditionelle Werte, die sie und ihr Umfeld lange als gegeben und unumstößlich angesehen haben, zu verlieren? Und wenn dem so wäre: Ist Lotte Thalers Rant gegen das Regietheater dann nicht in Wahrheit ein großes Ausrufezeichen gegen eine Welt, in der sie sich selber zunehmend fremd vorkommt?

Indem Thaler willkürlich und undifferenziert auf das »Regietheater« einschlägt, droht sie den Kern ihres legitimen Anliegens zu verlieren: Eine Debatte über den Wert von Kultur und Kulturdiskurs. Thaler baut stattdessen eine Gegenposition zu der ihrer Meinung nach herrschenden Ästhetik auf und drischt ohne Rücksicht auf Verluste auf jenen Mythos ein, den sie selber geschaffen hat. Ihre Schlagworte vom »Bevormundungstheater« oder das Geraune einer »machthabenden Instanz« erinnert an Verschwörungsmythen. Hier stilisiert sich eine Kritikerin zum hilflosen Opfer einer Regiemode, die sie angeblich ausmacht.
Kontraproduktive Kritik
Kritiken wie diese sind auch deshalb so kontraproduktiv, weil sie nirgendwo konkret jemanden zum Nachdenken bringen und lediglich »ein Gefühl« bedienen, hinter dem sich viele andere »irgendwie« versammeln können. Thalers ästhetische Opernkritik wird zu einem ungreifbaren Geraune gegen den Lauf der Welt. Die Journalistin führt einen ästhetischen Kampf, der auf unseren Bühnen so gar nicht gefochten wird. Vielleicht, um ihr eigenes »Aus-der-Welt-gefallen-sein« zu kompensieren? Dieses weit verbreitete Gefühl, dass die Gegenwart in eine andere Richtung dreht, als man es sich selber erhofft? Aus Angst um den Verlust des eigenen Status? Deshalb, weil man keine Lust mehr hat, neue Trends mitzumachen.
Ist das, was Lotte Thaler unter dem Deckmantel der Kritik an der angeblich gerade modernen Opernregie formuliert, in Wahrheit nicht eher ein Hilferuf gegen den sicherlich tief empfundenen Verlust der eigenen Opernsozialisation?
Wäre das so, könnte ich mich leicht hinter sie stellen, denn natürlich geht es mir ähnlich: Auch ich kenne das Unbehagen und die Angst, dass meine eigene Bildungssozialisation von Medien und Mechanismen überrannt wird, die ich nicht mehr verstehe. Von Medien, denen ich mich zum Teil ebenfalls entziehe. Und natürlich habe auch ich Bedenken, wenn ein Regisseur wie Peter Konwitschny, der mich vor 40 Jahren die Oper neu hat sehen lassen, heute wie stehengeblieben wirkt. Mich langweilt es, wenn die Opernhandlung auf der Bühne eins-zu-eins in die Realpolitik gedreht wird – ebenso wie mich die ästhetischen Landschaften langweilen, die noch immer einem Bob Wilson (oder einem Theaterideal des 19. Jahrhunderts) nacheifern.
Aber müssen wir nicht genau deshalb viel genauer argumentieren als Thaler es in der FAZ tut? Müssen wir nicht wieder die Lust wecken, dass Musik (und Theater)-Kritik eine spannende ästhetische Debatte sind, in der es nicht darum gehen kann, rhetorische Fronten zu bedienen, die in der Wirklichkeit eh schon verhärtet genug sind. Müssen wir sie nicht gerade durch differenzierte Betrachtung einreißen? Wäre es nicht produktiver, die eigene Verletztheit darüber, dass die Welt sich weiter dreht, dadurch zu kompensieren, dass man auch weiterhin nach den eigenen Werten wertet? Indem man nicht die Werkzeuge der Oberflächlichkeit, der Zuspitzung und des Lagerdenkens (die man ja verurteilt) bedient, sondern die Differenzierung, den Versuch der Offenheit und des Diskurses weckt? Wutbürger gibt es da draußen schon genug – in der Oper brauchen wir sie nicht auch noch!

