Liebe Anna Netrebko,

Oktober 17, 2025
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Anna Netrebko feiert ihren McDonald's-Besucht (Foto: Instagram)

wir waren einmal gemeinsam Schuhe kaufen. Ganz am Anfang Ihrer Karriere, noch vor dem Salzburger Figaro 2002. Ich war damals für die Welt am Sonntag nach Wien geflogen, wollte mit Ihnen über Mozart plaudern, über die Philosophie der Charaktere und die Geschichte der Musik. Sie wollten lieber shoppen – und ich trottete hinterher.

Für mich waren Sie nie eine neue Maria Callas. Dafür fehlt Ihrer Stimme das Blattgold aus dem Himmel und ihren Auftritten die Grandezza. Ihre Welt kommt ohne komplizierte Vorzeichen aus. Lange herrschte bei Ihnen C-Dur: Geburtstagsparty im Kreml, Spitzentöne für weiß-blau-rot – und Weltkarriere. 

Aber seit 1.330 Tagen bombt Ihr alter Kumpel Vladimir Putin die Ukraine in Grund und Boden, mordet Kinder und Greise, zerstört Krankenhäuser, Schulen – und Opern! Wir leben in einer Welt in as-Moll.  

Am Anfang sind Sie auf der Grenze der Weltgeschichte herumgeirrt wie ein Towarisch nach zu viel Wodka. Sie wollten auf zwei Hochzeiten tanzen: Wiener Walzer und Kasatschok. Dafür mussten Sie viel Prügel einstecken – auch von mir. 

Heute blicke ich anders auf Sie: Kein Gastspiel mehr in Russland. Keine öffentlichen Bekenntnisse zum Krieg gegen die Ukraine. Keine Engagements mit Valery Gergiev. Keine Kohle aus Russland. Es muss Ihnen schwerfallen, Ihre Heimat aus Ihrem Fleisch zu schneiden, denn Sie sind aus dem Holz einer russischen Matruschka geschnitzt. Aber Sie erheben Ihre Stimme nur noch für Tosca, Lady Macbeth oder – wie bald in Zürich –  Donna Leonora. 

Ich habe noch immer keine Lust, eine Vorstellung von Ihnen anzuhören. Aber ich finde es auch falsch, Sie zu canceln. Die Schuhe, die Sie damals gekauft haben, waren – wenn ich mich recht erinnere – Cowboystiefel. 

Alle weiteren Briefe von Brüggi: hier.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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