Der Verbrenner-Motor der Klassik

Mai 13, 2026
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Der Dirigent Christian Thielemann (Foto: Sächsische Staatskapelle, Matthias Kreutziger)

Selbst bei Christian Thielemann bleiben inzwischen Plätze leer. Große Namen garantieren nicht mehr automatisch volle Häuser. Es wäre gefährlich, das zu ignorieren. Die Klassik droht, den Wandel zu verpennen.

English summary: Despite star conductors like Christian Thielemann, empty seats are becoming more common in classical music. Big names no longer guarantee full houses, as audiences shift toward new formats and expectations. Like the German car industry, the sector risks falling behind if it fails to adapt to changing cultural demand.

Der Kollege Maier von der Berliner Zeitung versteht die Welt nicht mehr. Er war in der Staatsoper in Berlin, sah eine grandiose Aufführung von Richard Strauss‘ Die Schweigsame Frau, und es dirigierte einer der wohl besten Strauss-Dirigenten unserer Zeit: Christian Thielemann. Aber die Oper war lange nicht ausverkauft. »In weiten Teilen des zweiten und dritten Ranges herrschte gähnende Leere«, berichtet Maier, »im ersten Rang blieben nach der ersten Pause etliche Sitze leer, nach der zweiten Pause kehrten weitere Besucher nicht mehr auf ihre Plätze zurück.«

Was Michael Maier hier beschreibt, ist weit mehr als der irritierende Eindruck eines unglücklichen Abends. Und leere Plätze in großartigen Aufführungen sind auch kein »Phänomen-Thielemann«. Namen allein locken die Menschen schon lange nicht mehr automatisch in die Opern und Theater. Nicht einmal die größten!

Christian Thielemann ist in guter Gesellschaft: Andris Nelsons Gewandhaus kämpft schon seit einiger Zeit um Publikum, in Dresden verliert die Staatskapelle unter Daniele Gatti zunehmend an Magie, auch in Zürich und Luzern ziehen große Dirigenten-Namen nicht mehr automatisch, und auf dem Stimm- und Solisten-Markt sind die einstigen Recken der Phono-Industrie auch keine Selbstläufer mehr.

Die Klassik ist wie ein Mercedes

Ein wenig erinnert die Situation der Klassik an die Situation deutscher Autohersteller. Jahrelang war ein Mercedes Symbol deutscher Wertarbeit. Ein erschwingliches Luxusgut – per Definition von guter Qualität. Aber irgendwann hat der deutsche Automarkt den Anschluss verpennt, es reichte nicht mehr, bequem zu sein, gediegen, und »ein Mythos«. Plötzlich baute China Autos, die funktionierten wie ein iPhone: technische Spielzeuge mit E-Antrieb zu erschwinglichen Preisen. Überhaupt ist das Auto heute kein Muss mehr: Berlin, München und Dresden sind voller Lastenfahrräder, aus Rücksicht auf die Umwelt fährt man Zug, selbst Manager kaufen sich eine BahnCard 100.

Als die deutschen Autohersteller irgendwann festgestellt haben, dass sie abgehängt wurden, war es schon zu spät. Doch statt wenigstens dann neu zu denken, verteidigten sie ihre alte Welt einfach weiter und forderten den Stopp des Verbrenner-Aus, während China in aller Ruhe weiter E-Autos nach Deutschland importierte.

Was kümmert es die Klassik?

Was all das mit der Klassik zu tun hat? Es gibt viele Klassik-Künstler, die ähnlich funktionieren wie ein Mercedes: Sie liefern Spitzenklasse, allerdings mit allerhand Patina. Und sie ruhen sich auf ihrer eigenen Marke aus. Der eine bestätigt am liebsten sein eigenes Klischee, indem er immer tiefer in den romantischen Kosmos eintaucht und das »deutsche Repertoire« als Kern seines Daseins pflegt. Der andere will unbedingt seinen Mahler-Zyklus vollenden, ohne zu begreifen, dass sein Orchester und sein Publikum nach Abwechslung lechzen. Der nächste ist ein Meister der Betulichkeit und bietet immer wieder Abende für den Kopf, ohne wahrzunehmen, dass die Leute im Publikum gerade eine Herz-Sehnsucht haben. Und dann sind da die vielen »Altstars«, die unter Sternen, in Stadthallen, oder an Mikrofonen mit einem nicht mehr ernst zu nehmenden Tingel-Tangel-Programm durch die Lande ziehen und von den letzten Fans des verbrennergetriebenen Klassik-Betrieben leben. Ihnen kann egal sein, was morgen kommt.

Klar, der Mercedes ist immer noch ein tolles Auto. Das Problem liegt woanders: Das Auto ist einfach nicht mehr, was es einmal war. Aus dem bequemen und schnellen Gefährt ist ein hochtechnologische Unterhaltungsmaschine geworden. Und so ist auch der Klassik-Markt grundsätzlich nicht mehr mit dem zu vergleichen, was er früher einmal war. Abgesehen davon, dass das alte Bildungsbürgertum immer seltener wird und immer mehr Menschen den Fine-Dining-Abend einem Konzertbesuch vorziehen, hat sich auch der Klassik-Markt selbst verändert.

Heute locken exzentrische Selbstverwirklicher die Leute, Performances mit nackten Darstellerinnen. Medial aufgeplusterte, aber mediokre Klassik-Darsteller sind selbst im ZDF-Neuschwanstein-Look zu Hause, und Filmmusik-Combos, die aus günstigen Musikerinnen und Musikern zusammengewürfelt werden und ein bisschen Harry Potter schrammeln, begeistern die Menschen. Reicht doch!

Und dann ist da plötzlich noch ein ganz neuer Markt: Konzerte und Orchester, die ihr Image aus gesellschaftlicher Anbindung ziehen, die ihre Saison unter tagespolitisch aktuelle und relevante Motti stellen, die in Kneipen auftreten, sich um Bildungssachen kümmern, oder auf andere Art und Weise eine neue Form der Distinktion schaffen als es das gute alte Bildungsbürgertum tat. Sie sind quasi die E-Motoren der Musikszene.

Wien fragt: »Ist was?«

Es ist nicht verwunderlich, dass viele Klassik-Künstlerinnen und -Künstler erst jetzt aufwachen, da der Zug längst abgefahren ist. Denn es gibt sie natürlich noch, die Orte, an denen – frei nach Karl Kraus – selbst der Weltuntergang erst 30 Jahre später stattfindet. In Wien wären leere Plätze bei einem Strauss-Abend mit Thielemann (noch) undenkbar. Hier blickt man auf die leeren Häuser in Deutschland und fragt: »Ist was?«

Der Dirigent Daniele Gatti (Foto: Staatskapelle Dresden, Kreutziger)

Auch Bayreuth profitiert im Kartenverkauf von Thielemanns Rückkehr. Verständlich, denn seine Wagner-Dirigate sind außergewöhnlich. In dieser Gemengelage ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Thielemann gar nicht mitbekommt, dass ein Teil der Klassik längst in eine andere Richtung wandert. Und selbst wenn, kann es ihm im Grunde egal sein, denn er hat die Legitimation der Qualität ebenso auf seiner Seite wie die Nachfrage von Seiten der Veranstalter.

Dirigenten leben in merkwürdigen Kosmen, und das müssen sie wahrscheinlich auch, um ihre Leistung zu bringen und sich gegenüber selbstbewussten Orchestern durchzusetzen: Sie proben, treten auf und – werden von allen Menschen in ihrem Umfeld gelobt. Dann ziehen sie weiter und das Spiel beginnt von vorn. In Wahrheit wäre es die Aufgabe der Intendantinnen und Intendanten zu spüren, wohin sich die Musik bewegt – und zu reagieren. Neu zu programmieren, die Routine zu verlassen, den Wechsel von der Verbrenner-Klassik zur E-Klassik einzuleiten.

Und was machen wir jetzt?

Es wird nicht reichen, so wie der Kollege Maier in der Berliner Zeitung, auf bessere Zeiten zu hoffen. »Augen zu und durch« funktioniert nicht mehr. Die Klassik befindet sich seit Jahren in einem brutalen Wandel. Nur wenige können sich noch erlauben, das zu ignorieren.

Letztlich geht es um ganz unterschiedliche Fragen, die möglichst rasch beantwortet werden sollten. Wir sind einig, dass Dirigenten wie Christian Thielemann in Sachen Strauss oder Wagner Standards setzen – und dass sie eigentlich für den Klassik-Markt, den wir wollen, unverzichtbar sind. Eine Möglichkeit wäre es, sie als kostbare Oldtimer – als wertvolle Autos von gestern – auszustellen. Besser wäre es aber, ihr Können auch für den Wandel zu nutzen: Von ihnen ebenfalls neue Schritte zu erwarten, Ausbrüche aus ihrem Repertoire, eine dialogische Öffnung zum Publikum, einen Blick auf die Realität unserer Klassik-Welt. Christian Thielemann hat das in den besten Dresdner Zeiten durchaus gekonnt: Er kann amüsant sein, unterhaltsam, hat einen – wenn auch streitbaren – Blick auf die Welt. Es wäre schön, diese Seiten wieder mehr zu sehen. Das würde nicht nur die Klassik beleben, sondern vielleicht auch den Künstler selber.

Ebenso wichtig wäre es, gemeinsam dafür zu sorgen, dass das Niveau des Musizierens auch in der Öffentlichkeit wieder als eigentliche Qualität wahrgenommen wird. Dass die Menschen zwischen einem Operetten-Album von Jonas-Kaufmann und einem Opern-Auftritt von Benjamin Bernheim unterscheiden können. Klar, das fängt mit der musikalischen Bildung an unseren Schulen an, und das braucht langen, politischen Atem. Aber es muss eben auch Schluss damit sein, dass öffentlich-rechtliche Sender ihren Neuschwanstein-Quatsch als Klassik-Kultur verkaufen!

Die Realität akzeptieren

Die Nivellierung der Kunst und des musikalischen Könnens in den wenigen Kulturflächen, die unsere Medien noch haben, ist ein wahrer Totengräber der Musik. Viele Orchester haben längst auf E-Mobilität umgestellt und sind damit durchaus erfolgreich, während viele Kulturmedien noch immer mit auf einem Diesel-Traktor durch die Gegend fahren und glauben, sie tun der Kunst damit etwas Gutes.

Und, ja, wir müssen auch die Realitäten zur Kenntnis nehmen und eventuell über eine regulierte Verkleinerung des Marktes nachdenken. Gibt es da draußen wirklich noch so viel Publikum für unsere Kunst, wie wir uns das wünschen? Brauchen wir die großen, oft doppelten und dreifachen Strukturen wirklich? Können wir die vielen Privilegien von Klassikkünstlerinnen und -Künstlern öffentlich noch verargumentieren? Oder wäre das ein oder andere Konzert, der ein oder andere Ort, ja, selbst das ein oder andere Orchester nicht ersetzbar durch ein vollkommen anderes Konzert, einen neuen Ort oder ein anders strukturiertes Ensemble?

Am gefährlichsten sind die Zeiten des Umbruchs dort, wo die Sachen gerade noch laufen. Nokia war der Marktführer unter den Handys, lachte bei der Einführung des iPhones und ging wenige Jahre später pleite. Es mag sein, dass die Dinge in Wien oder an einigen deutschen Häusern derzeit noch funktionieren. Die Verbrenner fahren auch noch auf unseren Straßen. In 10 Jahren kommen sie ins Museum.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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