Fundamentale Dystopie

Juli 1, 2024
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The Handmaid’s Tale am Theater Freiburg (Foto: Theater Freiburg, Leclaire)

Das Theater Freiburg zeigt Paul Ruders Oper »The Handmaid’s Tale« und seziert eine Welt ohne Entkommen

Eine fundamentalistische Gesellschaft, in der nur Männer das Sagen haben und Frauen als Gebärmaschinen gehalten werden? In der Vergewaltigung System ist und auf Ehebruch die Todesstrafe steht? In ihrem Erfolgsroman The Handmaid’s Tale (Der Report der Magd) entwarf die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood im Jahr 1985 eine aus aktuellen Beobachtungen gespeiste, schwer erträgliche Dystopie, in der aus christlichem Fundamentalismus ein Schreckensregime entsteht. Der dänische Komponist Poul Ruders hat aus dem mehrfach verfilmten Stoff, der auch als Ballett bearbeitet wurde, 1998 eine Oper (Libretto: Paul Bentley) komponiert, die für einen Grammy nominiert wurde. Nun hat das Freiburger Theater das zweiaktige Werk in einer respektablen Produktion als deutsche Erstaufführung auf die Bühne gebracht. 

Den Rahmen bildet eine Videokonferenz, auf der im Jahr 2195 auf die fundamentalistischen Regime im Iran und Gilead, der fiktiven christlichen Diktatur des Romans, zurückgeschaut wird. Zum motorischen, ein wenig an Schostakowitsch erinnernden Scherzo des den Abend souverän dirigierenden 1. Kapellmeisters Ektoras Tartanis werden aktuelle Bilder gezeigt, die die Brücke schlagen zur Dystopie: Waldbrände treffen auf Müllhalden. Flüchtlingslager und der Sturm auf das Kapitol vom 6. Januar 2021. Dass der im Roman erzählt Staatsputsch in den USA vor drei Jahren fast Wirklichkeit wurde, zeigt die Aktualität der Oper. Kaspar Zwimpfer hat für die Freiburger Produktion in der stimmigen Regie von Intendant Peter Carp  ineinander übergehende, zwischen ockerfarben und rostrot gehaltenen Räume gebaut, die schon Patina angesetzt haben.

Hier in Gilead gibt es kein Entrinnen. Über allem steht die Aufseherin Aunt Lydia, der Margarita Vilsone mit dramatischem, in der Höhe auch etwas schrillem Sopran die notwendige Strenge und Durchsetzungsfähigkeit verleiht. Hier ist die Hauptfigur Offred gelandet, deren Tochter und Ehemann von ihr gewaltsam getrennt wurden. Hier erhält sie ihr züchtiges Einheitskleid (Kostüme: Gabriele Rupprecht). Inga Schäfer verleiht ihr mit ihrem vielschichtigen, hellen Mezzosopran ein reiches Innenleben. Besonders in den lyrischen Szenen berührt Schäfer mit fein gestalteten Linien und einer großen Farbvielfalt. 

Poul Ruders hat in The Handmaid’s Tale echte Theatermusik geschrieben. Schneidendes, häufig gestopftes Blech sorgt für Panikattacken, die Cluster und dissonanten Akkorden in den Streichern setzen die Szene unter Spannung. Raffiniert hat der dänische Komponist die Übergänge zwischen den über vierzig Szenen gestaltet, klangsensibel umgesetzt vom Philharmonischen Orchester Freiburg unter Ektoras Tartanis. Überhaupt zeigt sich der städtische Klangkörper in Bestform mit großer Präzision, Lust an Extremen (Kontrabässe!) und einer hohen klanglichen Qualität. Mit Glocken, Chor (Einstudierung: Norbert Kleinschmidt) und Orgel wird religiöse Atmosphäre beschworen. Auch Elektronik ist bei den besonderen Klangmischungen im Spiel. Vieles klingt aber im ersten Akt doch zu ähnlich. Es gibt wenig definierte Höhepunkte, die lockere-Szenen-Struktur ist dramaturgisch problematisch, manches gerät langatmig. Auch die vielen, oft nur kurzen Rückblicke (Offred Double: Alina Kirchgäßner, Luke: Junbum Lee, Offreds Mother: Anja Jung) lassen den Erzählstrom stocken. Die zentrale Szene enttäuscht auf der ganzen Linie, wenn die als Gebärende dauerschreiende Ofwarren (Cassandra Wright) mit den grellen Sopranspitzen der Aufseherin in einer nervigen Dauerschleife verharren. 

Nach der Pause wird der Abend dichter und musikalisch abwechslungsreicher. Der Clubbesuch des Commanders (mit entspanntem Bass: Jin Seok Lee) mit Offred wird von Ruders mit verfremdeten Jazzklängen unterlegt. Auch das als Leitmotiv fungierende Amazing Grace taucht hier wieder auf. Das von Streichern weich gebettete Duett zwischen Offred und ihrem Alter Ego wird zum lyrischen Höhepunkt. Und die zentrale Hinrichtungsszene, die wie ein Nazi-Aufmarsch inszeniert wird, lässt echte Beklemmung entstehen. Katerina Hebelková ist als unfruchtbare Serena Joy, für die Offred ein Kind gebären muss, eine gestrenge Herrin, Roberto Gionfriddo ein schmieriger Arzt, der sich bei Offreds Untersuchung auf dem gynäkologischen Stuhl zum Geschlechtsverkehr anbietet. Mit Lila Crisp als Ofglen und Natasha Sallès als Moira, beides Vertraute von Offred, sind auch weitere wichtige Rollen gut besetzt. Das Ende bleibt offen: „The past is a great darkness filled with echos.“ 

★★★★☆

Weitere Vorstellungen: 3./11./13. Juli, www.theater.freiburg.de 

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Georg Rudiger

Georg Rudiger hat Musikwissenschaft, Geschichte und Germanistik in Freiburg und Wien studiert. Er beobachtet von Freiburg aus das Musikleben im Südwesten Deutschlands, der Schweiz und dem Elsass - als fester Freier für die Badische Zeitung, überregional u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, neue musikzeitung und Der Tagesspiegel. Er ist bei wichtigen Musikfestivals und Opernpremieren (Jurymitglied der Opernwelt), gelegentlich auch Rock- und Jazzkonzerten.

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