Michael Wolffsohn hat Karajan in seinem neuen Buch vom Nazi-Sympathisantentum weitgehend reingewaschsen. Nun widerspricht ihm der Karajan-Experte und Historiker Oliver Rathkolb. Er sagt: die Faktenlage spricht eine andere Sprache.
English summary: In Genie und Gewissen, Michael Wolffsohn portrays Herbert von Karajan as no true Nazi. Historian Oliver Rathkolbcounters that documents show voluntary NSDAP membership and deep ties to antisemitic networks—facts he says contradict Wolffsohn’s defense.
Wortgewaltig und mit teilweise ausufernden Exkursen erklärt der deutsche Bestsellerautor und Historiker Michael Wolffsohn in dem Buch Genie und Gewissen – Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus (hier der BackstageClassical-Podcast mit dem Autoren), dass Karajan eigentlich kein echter Nazi gewesen sei. Da er vielfach mit Juden zusammengearbeitet hat, könne er auch keine antisemitischen Vorurteile haben. Aber selbst bekennende rabiate Antisemiten wie der Dirigent und Komponist Hans Pfitzner haben mit Max Reinhardt, der jüdischer Herkunft war, zusammengearbeitet. Doch um diese konkreten Fakten kümmert sich Wolffsohn nicht, sondern wirft den meisten bisherigen Publikationen »Fremdnazifizierung« Karajans vor und attackiert heftig die Salzburger Straßennamenkommission, die die Umbenennung des Karajanplatzes vorgeschlagen hatte.
Wie viele andere ehemalige NSDAP-Mitglieder versuchte Herbert von Karajan Ende 1945/1946 bei den diversen alliierten und österreichischen Entnazifizierungskommissionen, seine NSDAP-Mitgliedschaft auf einen formalen Parteibeitritt zu reduzieren – in Aachen im Jahre 1935, um die begehrte Stelle eines Generalmusikdirektors zu bekommen. Unzählige Entnazifizierungsunterlagen werden von ähnlichen Argumentationsmustern getragen. Letztlich bleibt es aber ein Faktum, dass Karajan sich freiwillig in Salzburg und in Ulm zur NSDAP gemeldet hatte, wie immer dann die Mitgliedsnummer zugeteilt wurde!
Verbindungs-Geschichte
Hingegen wird die Tatsache relativiert oder einfach unkommentiert abgedruckt, dass Karajan aus einem großdeutschen Umfeld, das in Salzburg extrem stark war, stammte. Dort dominierte nicht nur der Anschluss-an-Deutschland Gedanke, sondern auch der Antisemitismus. So beispielsweise in der schlagenden Mittelschüler-Verbindung Rugia, die es auch heute noch gibt, und wo es einen »Arier-Paragraphen« gab. Dort war Karajan aktiv. Auch an der Universität Wien deklarierte er sich als »Deutsch-Arisch« oder »Arisch«, was vor vielen Jahren den Opernführer Marcel Prawy erschütterte, da er als Jude aus seiner eigenen Studienzeit diese offensive rassistische Selbstbeschreibung decodieren konnte.
Wolffsohns sehr einseitiger Entnazifizierungsversuch bei gleichzeitiger Verunglimpfung der bisherigen Forschungen wird wohl die Salzburger Umbenennungsdebatte des Karajan-Platzes neu anfachen. Ich persönlich halte die Umbenennung für den falschen Weg, da natürlich der Dirigent Herbert von Karajan ein wichtiger Teil der Salzburger, österreichischen und internationalen Kultur- und Musikgeschichte ist und bleiben wird.
Der philharmonische Weg
Die Wiener Philharmoniker beispielsweise haben den richtigen Weg des Umgangs mit der NS-Zeit ihrer Vorgänger beschritten – zuletzt auf Initiative des Vorstands Daniel Froschauer mit einer öffentlichen Gedenksteinverlegung vor den Wohnhäusern der vertriebenen und ermordeten Philharmoniker, oder Gedenkkonzerten im ehemaligen Ghetto Theresienstadt. Auch Verena Kaspar-Eisert, die neue Direktorin der Horten Collection, hat jüngst den richtigen Ton zu Hortens Rolle in der NS-Zeit gefunden.
Karajan hat eine kritische Selbstreflexion immer abgelehnt. Seinem Biographen Robert C. Bachmann gegenüber hingegen hat er gemeint – »ich hätte einen Mord« begangen, um die Stelle in Aachen zu bekommen. Nun liegt es meiner Meinung nach an dem Vorstand des Eliette und Herbert von Karajan Instituts öffentlich zu reagieren und sich nicht hinter Büchern zu verstecken.
Dieser Text erscheint mit dank an die österreichische Tageszeitung Der Standard, in dem dieser Text als Auftakt der neuen Kolumne von Oliver Rathkolb erschienen ist.

