Ein Diener der Musik 

Februar 12, 2026
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Der Dirigent Helmuth Rilling

Er war ein Meister des musikalischen Denkens: Zum Tod des Dirigenten Helmuth Rilling

English summary: Helmuth Rilling, a major postwar German conductor, died at 93. Founder of the Gächinger Kantorei and Stuttgart Bach Academy, he shaped a humane, spiritual approach to music, completed all Bach cantatas in 1984, and championed modern sacred composers, influencing generations.

Er war kein Mann großer Gesten, sondern einer der beharrlichen Überzeugungen. Helmuth Rilling prägte das deutsche Musikleben der Nachkrigszeit. Nun ist er im Alter von 93 Jahren gestorben. Mit seinem Namen verbinden sich die Gächinger Kantorei, die Stuttgarter Bachakademie – und ein Denken über Musik, das immer auch ein Denken über den Menschen war.

»Musik ist Predigt – aber nicht im belehrenden, sondern im tröstenden Sinn«, sagte Rilling einmal. Aus dieser Haltung erwuchs sein Lebenswerk: die vollständige Einspielung der Bach-Kantaten, vollendet 1984, und ein Netzwerk aus Ensembles, Kursen und Festivals, die das geistliche Repertoire neu befragten. Rilling suchte in Bachs Noten keine historische Wahrheit, sondern eine geistige. Sein Bach war durchleuchtet von Überzeugung, aber frei von dogmatischem Glanz.

Geboren 1933 in Stuttgart, sah Rilling in Musik eine moralische Verantwortung. »Ich will verstehen, was diese Musik meint. Und wenn ich das verstanden habe, dann will ich es weitergeben«, formulierte er seine künstlerische Devise. Dass er dabei stets den Dialog suchte – mit Musikern, Komponisten, Publikum – prägte Generationen. Werke von Penderecki, Gubaidulina oder Pärt verdanken ihm ihre prominente Aufführung; sein Engagement galt ebenso dem Werk Bachs wie der neuen geistlichen Musik unserer Zeit.

Rilling war nie ein Dogmatiker des »authentischen« Klangs. »Mich interessiert nicht, wie man damals spielte, sondern warum«, bemerkte er einmal, und in dieser Unterscheidung lag der Kern seiner Kunst: historisch informiert, aber gegenwärtig denkend. Seine Konzerte blieben meist frei von Effekten – getragen von einer inneren Ruhe: »Bach ist für mich immer Gespräch mit Gott und mit dem Leben.«

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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