EU-Abgeordnete wollen Gergievs Italien-Auftritt »Riegel vorschieben«

Juli 10, 2025
3 mins read
Valery Gergiev – umstritten im EU Parlament.

Deutsche EU-Parlamentarier kritisieren Gergiev-Auftritt in Italien und starten nach BackstageClassical-Bericht eine Anfrage an die EU-Kommission.  

English summary: German MEPs criticize the planned performance of pro-Putin conductor Valery Gergiev at an Italian festival supported by EU funds. Following a BackstageClassical report, they submitted a formal inquiry to the EU Commission, questioning the political and moral coherence of EU cultural funding. Critics see the event as a dangerous signal amid Russia’s war against Ukraine.

Der Druck auf das italienische Festival Un’Estate da RE, das einen Auftritt des russischen Dirigenten Valery Gergiev angekündigt hat, steigt. Das Konzert, das am 27. Juli im Königspalast von Caserta stattfinden soll, findet immer mehr Kritiker, da Gergiev ein prominenter Fürsprecher Wladimir Putins und dessen Krieg gegen die Ukraine ist. Auf BackstageClassical-Anfrage kritisieren sowohl Erik Marquardt (GRÜNE) als auch Sabrina Repp (SPD) und die Erste Vizepräsidentin des EU-Parlaments Sabine Verheyen (CDU) den Auftritt des Dirigenten und den Umstand, dass dieser durch Mittel des EU-Kohäsionsfonds unterstützt werden soll. 

»Ich begrüße ausdrücklich, dass sich die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Pina Picierno, bereits mit Nachdruck der Angelegenheit angenommen hat«, sagt Repp gegenüber BackstageClassical und nimmt Bezug darauf, dass Picierno sowohl den Direktor des Festivals als auch den Präsidenten der Campania-Region öffentlich aufgefordert hat, die Teilnahme von Valery Gergiev zu unterbinden. »Als Mitglied derselben sozialdemokratischen Fraktion werde ich mich eng mit Frau Picierno abstimmen, um eine mögliche Mitfinanzierung des Konzerts politisch und institutionell kritisch zu hinterfragen«, sagt Repp.

»Gergiev darf keine Bühne geboten werden«

Verheyen antwortet auf Anfrage von BackstageClassical: »Die Nachricht, dass Valery Gergiev, ein bekennender Unterstützer von Wladimir Putin, am 27. Juli 2025 im Rahmen des Festivals Un’Estate da RE in Italien auftreten soll, erfüllt mich mit großem Unverständnis. (…) Die Europäische Union steht in aller Deutlichkeit an der Seite der Ukraine. Daher darf es solche Grauzonen nicht geben – erst recht nicht, wenn es um den Einsatz europäischer Steuergelder geht. Kunst lebt von Freiheit, Menschenwürde und Verantwortung – Werte, die dem autoritären System, dem Gergiev nahesteht, fundamental widersprechen. Umso schwerwiegender ist es, wenn öffentliche Gelder, ob unmittelbar oder mittelbar, dazu beitragen, einer solchen Figur eine Bühne zu bieten. Ich fordere die zuständigen Veranstalter und Behörden, einschießlich der Kommission als Hüterin der Kohäsionsmittel, dass sie ihrer politischen und moralischen Verantwortung gerecht werden. Gergiev darf innerhalb der EU keine Bühne geboten werden.« Weiter kündigt Verheyen an, eine schriftliche Anfrage an die Kommission auf den Weg bringen zu wollen.

Der Grüne Abgeordnete Erik Marquardt erklärt: »In der Ukraine leiden und sterben durch Putins Angriffskrieg jeden Tag Menschen. Da können glühende Unterstützer dieses Massenmordes wie Gergiev doch nicht einfach in der EU auftreten, als wäre nichts passiert. Dass so ein Auftritt auch noch mit EU-Geldern finanziert werden soll, schlägt dem Fass den Boden aus. Die EU-Kommission sollte schnell reagieren und dem einen Riegel vorschieben.«

Anfrage an die EU-Kommission

Maquardt ließ wissen, dass er nach der Anfrage von BackstageClassical eine eigene, schriftliche Anfrage zur politischen und moralischen Kohärenz europäischer Kulturförderung an die Kommission stellen wird. Er will unter anderem wissen, wie die Kommission erklärt, dass EU-Mittel aus dem Kohäsionsfonds für eine Veranstaltung verwendet werden, »bei der eine prominente, kremlnahe Persönlichkeit auftritt, die Putins Regime seit Jahren offen unterstützt und keinerlei Distanz zum völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine erkennen lässt«. Außerdem will Marquardt wissen, welche Konsequenzen die Kommission aus diesem konkreten Fall zieht, »um künftig sicherzustellen, dass EU-Kulturförderung nicht im Widerspruch zu den außenpolitischen und menschenrechtlichen Grundwerten der Union steht«.

Kritik auch aus der Kulturszene

Auch die Witwe von Alexeij Nawalny, Julija Nawalnaja, protestiert in einem Video gegen den Gergiev-Auftritt Italien


Im Magazin Opern.News kritisiert die Künstlerin und Schriftstellerin Katia Margolis den geplanten Auftritt: »Gergiev nach Kampanien einzuladen – mit europäischen Geldern – ist eine gefährliche Beschwichtigung der kulturellen Offensive Russlands, die darauf abzielt, die Grenze zwischen Kunst und Propaganda zu verwischen«, schreibt sie. »Wie die Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Pina Picierno, zu Recht feststellte, ist die öffentliche Finanzierung von Putins Verbündeten inakzeptabel. Sie sendet das falsche Signal – ein Signal der Kapitulation.«

Derzeit ist geplant, dass Gergiev das Orchestra Filarmonica G. Verdi di Salerno sowie Solisten des Mariinsky-Theaters aus St. Petersburg dirigieren soll. Auf dem Programm stehen Werke von Verdi, Tschaikowsky und Ravel. Es wäre das erste Mal seit Februar 2022, dass Gergiev wieder in Italien und Westeuropa auftritt (BackstageClassical hat sich erst kürzlich mit der »großen Rehabilitation« auch russischer Künstlerinnen und Künstler in Westeuropa beschäftigt) .

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Liebe Künstlerinnen und Künstler,

dieses Mal war es das Berliner Boulevard-Blatt BZ, das die Kosten-Rechnung aufgemacht hat: Während man in der Hauptstadt durchschnittlich 62,20 Euro für ein Opernticket hinblättert, zahlt der Staat für jedes verkaufte Ticket noch mal 251,60

Mickischs Leitmotiv-Erbe in Buchform

Bei seinem ersten Bayreuth-Besuch traf Stephan Knies den Wagner-Experten Stefan Mickisch. Aus seiner Leidenschaft für Wagners Leitmotive entstand nun ein Buchprojekt, das seine einzigartige Analyse des »Rings« fortführt und erstmals in Buchform

Theater Chemnitz wehrt sich gegen Sparmaßnahmen

Die Theaterleitung der Städtischen Theater Chemnitz warnt vor massiven Einschnitten für das künstlerische Angebot, sollte der Vorschlag umgesetzt werden, alle Sparten künftig nur noch im Opernhaus zu bündeln und das Schauspielhaus aufzugeben.

Opernhäuser beraten Umbauten

Die führenden Opernhäuser im deutschsprachigen Raum trafen sich in München, um enger bei teuren Sanierungen und Interimsspielstätten zusammenzuarbeiten und ihre künstlerische Kontinuität zu sichern.

Graben im Klang des Schicksals

In der Komischen Oper Berlin treffen MOOR MOTHERs radikale Klangkunst und Tschaikowskis fünfte Symphonie aufeinander. Ein Abend über kollektive Erinnerung, Befreiung und die tiefen Resonanzen von Trauma und Triumph in Musik.

Anna Handler geht nach Los Angeles

Die deutsch-kolumbianische Dirigentin und Pianistin Anna Handler wird ab der Saison 2026/27 »Conductor-in-Residence« beim Los Angeles Philharmonic.

Probier doch mal was Neues!

Jeder will eine Stradivari. Wirklich jeder? Es gibt großartige Instrumente, die heute gebaut werden. Im BackstageClassical-Podcast erklärt Geigenbauerin Julia Pasch, warum ein neues Instrument durchaus Vorteile für Solisten aber auch für Orchester

Lieber Teodor Currentzis,

ich habe mich lange genug an Ihnen abgearbeitet. Besonders, als Sie noch SWR-Kohle von unseren öffentlich-rechtlichen Rundfunkgebühren kassiert haben und Ihr russisches Ensemble gleichzeitig Rubel von Gazprom und der VTB-Bank abgegriffen hat. 

Liebe Oper,

Du hast es auch nicht immer leicht. Was für schöne Namen haben wir Dir schon gegeben! Du warst unser »Kraftwerk der Gefühle« (Alexander Kluge),  »Debattenort unserer Städte« oder – ganz früher –

Verpassen Sie nicht ...